»Ich komme mit.« Victor schluckte den Kloß, der sich in seinem Hals breitmachte und widmete sich der Beifahrertür.
»Nicht nötig«, entgegnete Remus und stieg aus dem Wagen. »Ich bin gleich wieder da.«
Victor mahlte mit den Zähnen, während er beobachtete, wie sich sein Vater dem Haus näherte. Vielleicht könnte er die Ablenkung nutzen, um die anderen Vögel zu befreien? Remus bräuchte sicherlich einige Minuten, um Jolie davon zu überzeugen, ihm Gale zu verkaufen. Eventuell verquatschten sie sich, immerhin wollte sein Vater eh mit ihr reden, nicht wahr?
Er öffnete die Tür, stutzte kurz, weil er wider Erwarten nicht eingesperrt war, und stieg vorsichtig aus dem Auto. Draußen wehte ein warmer Wind. Man konnte die Wellen in der Ferne rauschen hören und die Luft schmeckte salzig. Die Bäume, die Jolies Haus umgaben, verschluckten die Worte, welche von der Tür her ertönten. Remus redete mit jemandem. Also war sie wach. Und abgelenkt.
Victor sammelte seinen Mut und ging langsam und gebeugt um das Haus herum. Ob es einen Hintereingang gab? Im Garten passierte er einen hölzernen Kellereingang, wie er ihn nur aus amerikanischen Filmen kannte. Wie ein halb vergrabener Schuppen befand sich ein Bretterverschlag seitlich am Haus, darunter verbarg sich bestimmt die Kellertreppe. Die diagonal verlaufenden Türen waren in der Mitte mit einer Kette versehen. Victor merkte sich diesen Eingang, suchte aber nach einem leichteren Zugang zum Haus.
Im oberen Stockwerk stand ein Fenster offen. Vic legte den Kopf in den Nacken und verengte die Augen. Er suchte die Fassade nach einem möglichen Weg nach oben ab. Testweise wackelte er mit den Zehen. Er könnte unmöglich klettern. Allein der Versuch würde ihn kläglich scheitern lassen. Aber war er so weit gekommen, um bei der ersten Komplikation aufzugeben?
Er nahm einen motivierenden Atemzug und trat auf die Hausfassade zu. Eine Regenrinne führte zum Rand eines Balkons. Hoffentlich war sie stabil genug, um sein Gewicht zu tragen. Er hob den Fuß, stemmte ihn auf eine Verzierung am unteren Hausrand und zog sich an der Rinne ein Stück weit hoch. Augenblicklich rutschte er ab, weil er die Kraft nicht einschätzen konnte, die seine Zehen benötigten. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Direkt versuchte er es erneut, aber auch das scheiterte. Es war zwecklos. Er konnte nicht klettern.
Mit schwitzigen Händen taumelte er weiter um das Haus herum. Beinahe hätte er die Hoffnung aufgegeben, da fand er ein gekipptes Kellerfenster. Es war ein altes, mit einer simplen Verriegelung. Victor kniete sich davor und steckte seinen Arm durch die breiteste Stelle im Schlitz des Fensters. Dahinter war alles dunkel, also musste er sich auf seine gefühlsarmen Fingerspitzen verlassen. War das ein Griff? Er umfasste etwas Metallisches, ruckte kurz daran, aber es tat sich nichts. Seufzend tastete er weiter. Dafür musste er die Finger fest gegen den Rahmen des Fensters drücken, um überhaupt etwas zu spüren. Das würde nichts bringen. Wieso verschwendete er Zeit? Er zog den Arm aus dem Fenster und richtete sich auf.
»Scheiß drauf«, knurrte er und hob einen Stein aus einem Blumenbeet, um damit eine Fensterscheibe im Erdgeschoss einzuschlagen. Entgegen seiner Erwartung ertönte keine Alarmanlage. Vic wartete kurz ab, ob jemand auf das Klirren reagierte. Als nichts geschah, hievte er sich auf die Fensterbank und kletterte ins Innere des Hauses.
Vorsichtig schob er einen Vorhang beiseite. Der Raum dahinter war von einem diffusen, grünlichen Licht erhellt. Es war offensichtlich ein Schlafzimmer, mit einem großen Bett und einer breiten Kommode entlang der Wände. Abgesehen von diesen beiden, gab es keine Möbelstücke im Raum. Dafür unzählige medizinische Geräte. Ein leise piepsender Monitor und ein Gestell, an welchem ein Tropf befestigt war, befanden sich neben dem Bett. Ein transparenter Beutel mit einer gelben Flüssigkeit hing unterhalb am Gestell. Als er das Bett näher betrachtete, hielt Victor den Atem an. Jemand lag darin, auffallend gerade, auf dem Rücken, mit dem Gesicht zur Decke gerichtet. Über Mund und Nase stülpte eine Beatmungsmaske.
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Mitternachtsgesang
FantasyAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
