Kapitel 32: Vergiftet

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Im Krankenhaus wurde Victor freundlich behandelt. Zum ersten Mal kommunizierte man offen über seinen Gesundheitszustand. Die zuständigen Ärzte und Pfleger sorgten dafür, dass sein Körper die nötigen Nährstoffe erhielt, bevor sie ihn mit Fragen belasteten. Somit hing wieder ein Tropf an seinem Arm und er hat einige Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen. In seinem Einzelzimmer konnte er schlafen und obwohl sein Kopf das nicht wollte, gönnte sich Victors Körper die erholende Ruhe. Er schlief insgesamt vier unruhige Stunden. Die Albträume waren so intensiv, dass er beim Aufwachen den Eindruck hatte, keine Sekunde geschlafen zu haben.

Es war spät am Nachmittag, als sich ein Arzt mit Bluttestergebnissen in sein Zimmer begab. Sein Gesicht wirkte steinern und seine dunklen Augen wurden von tiefen Falten umzogen. »In deinem Blut befindet sich Botulinumtoxin. Das ist ein Nervengift, ich gehe nicht davon aus, dass du in letzter Zeit eine Botoxbehandlung hattest, oder?«

Victor schüttelte den Kopf. »Also wurde ich wirklich vergiftet?«

Der Arzt nickte. »Hast du neurologische Auffälligkeiten festgestellt?« Er scannte Victor mit den Augen, bis sich seine Brauen zusammenzogen. »Taubheitsgefühle oder Muskelschwäche?«

»Beides?« Victor knetet seine Hände. Die Finger waren zwar noch taub, aber sie kribbelten mittlerweile. Ob das ein gutes Zeichen war? »Ich spüre meine Finger und Zehen nicht.« Sein Hals wurde eng, also schluckte er und redete mit gesenkter Stimme weiter. »Kommt das Gefühl irgendwann wieder?«

»Dein Körper wird das Toxin abbauen, aber es kann sein, dass unwiderrufliche Schäden zurückbleiben. Das wird die Zeit zeigen.«

Zeit. Das war ein Wort, mit dem sich Victor in diesem Moment nur schwer arrangieren konnte. »Wann kann ich wieder laufen?« Er schluckte. »Wann kann ich hier raus?« Wann kann ich Gale retten?

Der Arzt öffnete den Mund, im Begriff etwas zu sagen, stattdessen schüttelte er den Kopf. Mit mahnend verzogenen Augenbrauen sah er Victor an. »Wir müssen sicherstellen, dass dein Körper sich erholt. Noch wissen wir nicht genau, inwieweit das Gift deinen Organismus angegriffen hat. Deine Leber wird sicher Schäden davontragen, wir müssen dich beobachten.«

Nichts davon beantwortete Victors Fragen. Musste er sich auch noch Sorgen um seine Leber machen? Um Spätfolgen, die er jetzt noch nicht spürte? Sein Mund trocknete aus. »Haben Sie Rücksprache mit meinem Vater gehalten?«

»Die Polizei kümmert sich um deinen Vater.« Als jemand nach ihm rief, veränderte sich der Gesichtsausdruck des Arztes. »Wenn du noch Fragen hast, wende dich an die Pflegekräfte. Wenn du die Klingel betätigst, kommt sofort jemand.« Er verabschiedete sich und ließ Victor allein zurück.

Am liebsten hätte er sofort geklingelt. Ob er um einen Ausflug bitten könnte? Fahren Sie mit mir zum grünen Haus der Vogelsammlerin? Minutenlang starrte er die dunkelbraune Feder an, die neben seinem Bett in einer Fuge am Tischrand klemmte. Mit jeder verstreichenden Sekunde wurden die Krämpfe in seinem Magen intensiver. Die Uhr, die gegenüber an der klinisch weißen Wand hing, tickte.

Und tickte.

Und tickte.

Die Zeitverschwendung fühlte sich unerträglich an. Victor löste den verschwommenen Blick von der Feder und sah zu dem Tropf, der mit seinem Arm verbunden war. Darin befand sich eine Lösung, die sein Blut reinigte und ihn mit Nährstoffen versorgte. Er spürte bereits, dass sein Körper sich wacher fühlte. Die Tabletten, die Dr. Adams ihm gegeben hatte, hat ihm eine Ärztin aus dieser Klinik weggenommen. Die würden ihn nur unnötig müde machen, es gab andere Mittel gegen Schwindel, die weniger Nebenwirkungen auslösten. Eines davon hatte er kurz nach den Untersuchungen bekommen.

MitternachtsgesangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt