Weil in seiner Abwesenheit jemand in Remus' Villa die Stellung halten musste, lebten Gale und Victor gemeinsam dort. Sie hatten unbegrenzt Platz, um ihre Ideen rund um die neue Ausgabe des Birdiemagazins auszuprobieren, und waren abgeschottet genug, um dabei Privatsphäre zu genießen. Ab und zu kam Gales Familie vorbei, denn die Freiheiten, die sie an diesem Ort genießen konnten, war für alle eine willkommene Abwechslung.
Während Vic im botanischen Garten bäuchlings auf der Wiese lag, saß Gale im Schneidersitz auf einer Bank und kaute auf der Rückseite eines Bleistiftes herum.
»Dein Dad ist wohl die härteste Instanz, die man für so einen Imagewechsel überwinden muss, oder?« Gale lachte. »Wenn er den Probedruck genehmigt, dann kann sich jeder mit diesen Themen arrangieren.«
Victors Augen tasteten über die Worte, die vor ihm über mehrere Zettel verteilt ausgebreitet lagen.
Ist man immer noch bisexuell, wenn man verheiratet ist?
Eingewandert und ein neues Zuhause gefunden.
Tagebuch einer Geschlechtsumwandlung.
Am längsten starrte er die Überschrift des Artikels an, den er aus persönlichen Gründen am liebsten drucken wollte. Wie mein Vater akzeptiert hat, dass ich schwul bin. Victor seufzte. »Das sind zu viele Artikel für ein einziges Heft.«
»Deshalb suchen wir die besten heraus, damit sich das erste Heft gut verkauft und die anderen dann in der nächsten Ausgabe erscheinen.« Gale verschränkte die Arme hinter dem Kopf, wo er sein Zopfgummi löste und es über sein Handgelenk schob. Rotbraune Strähnen fielen ihm ins Gesicht und verhüllten die Grübchen in seinen Wangen. »Aber für heute haben wir genug getan.« Er deutete auf einen Stapel aufeinangeworfene Blätter neben der Bank. All die aussortierten Artikel haben sie bereits den halben Tag gekostet. »Wir müssen etwas essen.«
»Essen?« Victor setzte sich auf und warf einen Blick auf seine Smartphoneuhr. Schon halb 6? Er weitete die Augen. »Wie ist die Zeit so schnell vergangen?«
Gale schob sich von der Bank und ließ sich hinter Victor auf die Wiese sinken. Er legte seine Hände an die verspannten Schultern seines Freundes und massierte sie. »Wenn man Spaß bei der Arbeit hat, merkt man gar nicht, was um einen herum passiert.«
Victor runzelte die Stirn. Hatte er Spaß an der Arbeit? Ausgerechnet an dem, was sein Vater ihm ursprünglich gegen seinen Willen aufhalsen wollte? Irgendwie schon. Es war eine erfrischende Abwechslung von allem, was er sonst so trieb. Unter den neuen Bedingungen fühlte es sich sogar an, als würde er etwas sinnvolles tun.
»Wenn ich ein Möbelstück vor Augen habe, dann finde ich keine Ruhe, bis ich es umgesetzt habe.« Gale beugte sich vor, um einen Kuss auf Victors Schulterblatt zu hauchen. »Dann verfliegt die Zeit für mich auch.« Seine Worte stießen als warmer Lufthauch gegen Vics Haut.
So ging es mir bisher beim Tanzen. Victor schloss die Augen, um sich dem wohligen Kribbeln hinzugeben, welches durch Gales Berührungen ausgelöst wurde. »Ich hoffe, dass diese ganzen Themen nicht zu viel für meinen Vater sind.« Er seufzte. »Nicht, dass er vor Überforderung dicht macht und sich weigert, das Heft unter seinem Namen rauszubringen.«
»Wie läuft die Therapie eigentlich?« Gale legte seine Arme um Vics Körper und platzierte seinen Kopf auf seiner Schulter. »Erzählt er am Telefon manchmal davon?«
Victor knuffte ihm in die Handrücken. »Nicht wirklich.« Er lehnte sich zurück, sodass sein Rücken gegen Gales Brust lehnte. »Wenn ich nachfrage, sagt er, dass es gut läuft. Er bedankt sich andauernd.« Gedanklich flüchtete Victor zu der Tasche in der Mülltonne. Die Container waren längst geleert, aber die Erinnerung an das, was er mit ihnen verband, würde kein Müllwagen dieser Welt je abholen können. »Er hat wohl jemanden kennen gelernt, den er mir vorstellen will.« Die Telefonate waren immer nur kurz. Remus wollte sich vergewissern, ob es seinem Sohn gut ging und nachhaken, wie er mit den Artikeln für das Magazin vorankam. Für Smalltalk blieb nie Zeit übrig, aber der lag eh selten im Interesse der beiden.
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Mitternachtsgesang
FantasyAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
