Kapitel 7: Malibu Country Mart

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Der Malibu Country Mart war eine große Parkanlage mit einem halboffenen Einkaufszentrum. Einige Läden befanden sich in einer Halle, andere draußen, rund um mehrere Parkplätze verteilt. Fast alles in der Umgebung war so gebaut, dass man das Wetter bestmöglich auskosten konnte. Sonnenliegen säumten Grünstreifen im Park und bunte Stühle bildeten Sitzgruppen unter schattenspendenden Sonnensegeln. Der Strand befand sich in der Nähe, überall ragten Palmen in den türkisblauen Himmel. Die Fahrt hierher hatte beinahe eine Stunde gedauert, aber Lucy hat immer wieder betont, wie gut man an diesem Ort shoppen könnte.

»Hast du eigentlich auf dem Dachboden nachgesehen?« Sie setzte eine Sonnenbrille auf und schlenderte abwechselnd durch den Schatten der Palmen und die pralle Sonne. »Gab es dort keine Bücher über Vögel?«

Victor schüttelte den Kopf. »Selbst wenn es welche gegeben hätte, wären die uralt. Ich möchte ihn lieber nach heutigen Standards versorgen.«

»Ihn?« Lucy schob die Sonnenbrille ein Stück nach oben, um Victor anzufunkeln. »Hast du ihm einen Namen gegeben?«

Er schob die Hände in die Taschen seiner Sweatjacke. Eigentlich war es für dieses Kleidungsstück zu warm, aber er wollte keinen Sonnenbrand riskieren. Seine Wangen waren schon rot und brannten, weil er die vergangenen Tage so oft draußen verbracht hat. »Mir ist noch kein passender eingefallen.«

Lucy führte ihn zu einer Apotheke. Dort löste er das Rezept des Tierarztes ein und nahm eine Flasche Antibiotikum mit. Sie flanierten eine Weile über das Gelände und ließen die Sonne ihre Gemüter aufwärmen. In einem Café, oder war es ein Restaurant? Verbrachten Menschen verschiedener Altersstufen und Nationalitäten den Vormittag. Es duftete abwechselnd nach frisch gemahlenen Kaffeebohnen und Sonnenmilch. Die Leute unterhielten sich angeregt. Diejenigen, an denen sie unmittelbar vorbeiliefen, grüßten freundlich oder sie wünschten einen schönen Tag.

»Wie kamst du eigentlich zu deinem Job?« Victor beobachtete ein paar Kinder, die auf einem Spielplatz herumwuselten. Sie kletterten auf ein Gerüst, das wie ein rotes Feuerwehrauto aussah, und rutschten eine knallrote Rutsche herunter, die seitlich vom Spielgerät hinabführte. Auf einer Terrasse davor reihten sich bunte Stühle im Halbschatten eines Sonnensegels. Die meisten Stühle waren besetzt. Vielleicht von Eltern, die ihren Kindern zusahen?

»Geld.« Lucy schmunzelte. »Ist das nicht meistens der Grund, aus dem man sich Arbeit sucht?«

»Aber warum ausgerechnet bei meinem Dad?« Vic löste seine Aufmerksamkeit von dem Spielplatz, um Lucy anzusehen. Ihre Wangen schimmerten rötlich.

»Ich habe eine Schwäche für solche Typen.« Sie umspielte den Fingernagel ihres kleinen Fingers und lächelte schwärmend. »So mysteriös und unnahbar. Ich wette, wenn man ihn nur richtig kennenlernt, dann kann man das Beste aus ihm herausholen.«

Victor biss sich auf die Unterlippe. Konnte man einen Mann, der mit jeder Frau ins Bett stieg, wirklich als unnahbar betiteln? Glaubte sie tatsächlich daran, dass in Remus ein netter Kern steckte? Er fügte mysteriös zu seiner Liste der Eigenschaften hinzu, stellte es aber in Klammern, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass sein Vater Tiefgründigkeit besaß.

Im Buchladen zogen sie sich in ihre jeweilige bevorzugte Ecke zurück. Vic ging zu den Fachbüchern und Lucy zu den Romanen. Viele Bücher zur Vogelaufzucht gab es nicht. Die meisten beschäftigten sich mit Haustieren. Wellensittiche, Papageien oder Kanarienvögel. Nur eines handelte von Wildvögeln. Nachtigallen kamen darin nicht vor, weil sie in Amerika nicht heimisch waren. Victor nahm es trotzdem, weil die Grundlagen ihm schlüssig vorkamen. Den Rest würde er im Internet heraussuchen.

Mit dem Buch unter dem Arm schlenderte er durch den Laden. Kurz hielt er nach Lucy Ausschau. Sie blätterte in einem Hardcover. Wieder war ein Männerkörper vorne drauf, diesmal mit einem halb aufgeknöpften Hemd. An seiner Seite schmiegte sich eine schlanke Frau in rotem Kleid.

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