Kapitel 31: Flucht

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Victor lag noch wach in seinem Bett, als jemand die Tür öffnete. Zu seiner Überraschung war es nicht Lucy, sondern Alexander. Der Reinigungsmann? Er runzelte die Stirn und spielte mit dem Gedanken, sich schlafend zu stellen.

»Victor?« Alexanders Stimme klang ungewöhnlich nervös. »Lucy schickt mich.«

Victor schluckte und hob den Kopf, um Alexander anzusehen. Dessen blonde Haare waren mit einem Zopfgummi nach hinten gebunden. Er war etwa in Lucys Alter, also ein paar Jahre jünger als Vics Vater. »Ist sie in der Nähe?«

Alexander nickte. Er leckte sich über die Lippen und trat näher an Victors Bett heran. Kurz streifte sein Blick den vollen Suppenteller. »Wir müssen uns beeilen.«

Allerdings. Wiederholt dachte Vic an Gale, der in diesem Augenblick sicher von Todesangst geplagt war. Skeptisch ließ er den Blick über Alexanders Gesicht wandern. Wieso hatte Lucy nicht erwähnt, dass er ihr helfen würde? »Bringst du mich raus?«

Der blonde Mann nickte. »Lucy fürchtet, dass du ihr zu schwer bist.« Er lächelte gedrungen. »Sie hat dich am Mittag vom Flur zurück ins Bett gebracht, nicht wahr?«

Victor schlug die Decke auf und drehte seinen Körper, sodass er seitlich an der Bettkante saß. Sofort umschwirrte das Schwindelgefühl seinen Kopf. Er hielt inne, um mit dem Drehen klarzukommen. Sollte er die Tabletten von Dr. Adams mitnehmen? Er seufzte. Am liebsten hätte er eine Tasche gepackt, um alles Wichtige mitzunehmen.

»Lucy wartet beim Gartentor, hinter dem botanischen Garten.« Alexander redete mit gedämpfter Stimme. »Kannst du mit Hilfe laufen, oder soll ich dich tragen?«

Eigentlich brauchte er nur eine Stütze. Aber was würde diese nächtliche Flucht auslösen? Was, wenn man sie erwischte? Dann würden Lucy und Alexander wegen ihm in Schwierigkeiten stecken. »Warum hilfst du mir?«

»Weil dein Vater es langsam übertreibt.« Alexander kniete sich vor Victor und zog ihm zuerst Socken, dann Schuhe an. »Er ist im Kern kein schlechter Mensch, aber wenn er diese manischen Phasen hat, verrent er sich in ziellosem Aktionismus.« Er half Vic auf die Beine und umklammerte seinen Körper, sodass er mit Unterstützung laufen konnte. »Jemand muss gegen diesen Vorfall vorgehen, aber wenn wir die Polizei alarmieren, während du hilflos hier drinnen gefangen bist, hat Remus zu viel Zeit, um Spuren zu verwischen.«

Victor stemmte sein Gewicht gegen Alexanders Körper. Seine Füße fühlten sich in den Schuhen verloren an. Bis zur Hälfte drückte die Schnürung seiner Turnschuhe gegen seine Haut, weiter vorne verlor sich das Gefühl im Nichts. Sein Magen drehte sich. Er steckte die Tabletten ein, die Dr. Adams ihm gegeben hatte, und fragte Alexander, ob sie seinen Jadebaum mitnehmen könnten.

Der blonde Mann zögerte. Er nahm den grauen Topf in Augenschein und seufzte. »Der bedeutet dir etwas, oder?«

Victor nickte. Vielleicht könnte er das kleinere Blatt abmachen und in seine Tasche stecken, um ihn noch einmal von vorne wachsen zu lassen. Und wenn das schief ging? Er verwarf die Mitnahme, weil sie die Flucht unnötig erschweren würde. »Ich hole ihn später.« Er nahm aber die Feder mit, die er von Gale geschenkt bekommen hatte.

Alexander stützte Victor auf dem Weg zur Tür. Das ging nur kompliziert und dauerte lange. Bis zum Ende des botanischen Gartens würden sie mit dieser Methode locker eine halbe Stunde brauchen. »Was, wenn mein Vater etwas merkt?« Vic krallte sich an Alexanders Sweatjacke fest.

Dieser zwinkerte Victor zu. »Serenity, Candy und Cherry lenken ihn ab.«

Wirklich? Victors Herz hüpfte hoffnungsvoll. Also waren sie auch in diesen Fluchtplan involviert? Die Freude hielt nur kurz an und wich dem unguten Gefühl, dass er all diese Leute in den Abgrund reißen würde, wenn die Sache schief ging. »Mein Dad wird ausrasten, wenn er erfährt, dass ihr ihm alle in den Rücken gefallen seid.«

MitternachtsgesangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt