Kapitel 22: Ruhe vor dem Sturm

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»Nicht zu glauben, dass er dir den Nachnamen Swimwater abgekauft hat.« Victor lag in seinem Bett und bewunderte, wie der Mond sein Zimmer erhellte. Die kühlen Lichtstrahlen tauchten seine Möbel in gespenstisches Blau,

Gale saß in der Baumkrone seines Schlafplatzes und putzte sein Gefieder. Das Rascheln und Knacken simmerte beruhigend durch den Raum. Nach Vics Äußerung schnatterte er amüsiert.

Victor schloss die Augen und ließ sich vom leisen Rascheln berieseln. Es geleitete ihn sanft in den Schlaf. Schon seit Tagen ist er von Albträumen verschont geblieben. Das war schön, aber gleichermaßen beunruhigend. Er hatte sich fast zu sehr an Gales Gegenwart gewöhnt. »Sag mal, darfst du eigentlich Kuchen essen?«

Das Tschilpen kam laut und direkt. Wie ein begeistertes: Ja!

Der Schlaf schreckte von Victors Brust und hinterließ ihn hellwach. Er schmunzelte. »Wahrscheinlich ohne Ei, nicht wahr?«

Wieder tschilpte Gale, diesmal leiser.

»Erzählst du mir morgen, was du normalerweise isst?« Mit jeder Silbe verschwamm Victors Aussprache mehr. »Ich mache mir Sorgen, dass du nicht genug bekommst.«

Es raschelte wieder, diesmal kam es von den Blättern. Ein Flattern folgte und Gale landete neben Victors Kopf auf dem Kissen. Er tippte mit dem Schnabel gegen seine Wange und plusterte sich dicht neben ihm auf, sodass die weichen Federn auf der Haut zu spüren waren.

»Gute Nacht Gale«, flüsterte Vic und erwiderte den zaghaften Gutenachtkuss gedanklich.

In dieser Nacht träumte er davon, dass die Vogelsammlerin in sein Zimmer kam, und sich ihre Nachtigall zurückholte.

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»Ich esse hauptsächlich Obst und Gemüse.« Gale probierte verschiedene Badehosen an, die Victor für ihn zusammengesucht hatte. Dafür verschwand er immer wieder im Bad und tauchte mit verschiedenen Modellen im Türrahmen auf, um sich eine Meinung abzuholen. Zwischendurch bediente er sich an den Bonbons, die noch immer am Waschbeckenrand lagen. Das war unschwer daran zu erkennen, dass es im Bad knisterte und er nachfolgend mit einer Beule in der Wange herauskam.

»Oder Bonbons«, ergänzte Victor und begutachtete die aktuelle Hose. Sein Blick glitt über den drahtigen Körper, der in der Tat abgemagert wirkte. »Wie sieht es mit Heuschrecken aus?« Was Jolie den Vögeln wohl zu essen gab?

Gale rümpfte die Nase. »Niemals.« Im Augenblick trug er eine eng anliegende rote Badehose. »Keine Insekten, nichts Tierisches. Das ist allerdings meine persönliche Sache, meine Eltern essen Insekten.« Er schüttelte sich mit einem angewiderten Gesichtsausdruck. »Ich darf als Mensch auch nicht zu viel essen, was den Magen füllt, die Nahrung schrumpft bei der Verwandlung nicht schnell genug mit.«

»Dann besorge ich einen leichten Kuchen.« Victor vermied es, auf den Bereich zwischen den Hüften zu sehen. Eigentlich müsste er sich dafür nicht schämen, oder? Gale verhielt sich ungehemmt, es würde ihn nicht stören, wenn Vic hinsah. Aber diese Art des gegenseitigen Erkundens wirkte auf ihn befremdlich. Er verband sich gerne seelisch mit anderen und erkundete tiefgründige Gedankengänge. Ein Geflecht aus gegenseitigem Verständnis und bedingungslosem Vertrauen. Lange hat er gedacht, dass diese Art des Miteinanders das normale Beziehungsleben war. Als sein Exfreund nach fünf Wochen mit ihm schlafen wollte, ist er aus allen Wolken gefallen. Jetzt schon? Sie haben sich gestritten.

»Du musst dir meinetwegen keine Umstände machen.« Gale zupfte am Rand der Badehose und sah Victor fragend an. »Ich weiß es zu schätzen, dass du dir überhaupt Gedanken machst.«

Victors Pupillen zuckten über die Hose, sie war zu eng, eindeutig. Allein die Vorstellung, dass er mit ihm zusammen im Pool Zeit verbringen würde, brachte sein Inneres zum brodeln. Er war neugierig, wie es sich anfühlen würde, Haut an Haut, mit nichts anderem, als lauwarmem Wasser zwischen ihnen. Aber ... was würde das auslösen? »Diese Hose nicht.« Hitze erfasste seine Wangen und Victor richtete seine Brille, während er den Blick abkehrte. Als er das letzte Mal jemandem so nahe gekommen war, hat das ihre Beziehung zerstört.

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