»Wie wäre es mit Harvey?« Victor sah die Nachtigall erwartungsvoll an. Der Name könnte passen.
Der Vogel lag eingerollt vor ihm auf dem frisch bezogenen Bettlaken und blinzelte unbeeindruckt. Also nicht Harvey?
»Viele Leute nennen ihre Papageien Pauli.« Vic legte sein Smartphone beiseite und lehnte sich zurück. »Aber du bist kein Papagei.« Auf dem Nachttisch stand eine dampfende Tasse mit Tee. Lucy versorgte ihn seit zwei Tagen mit allem, was er zum Gesundwerden benötigte.
Für seine Wange hatte sie eine Heilsalbe besorgt. Mittlerweile war sie nicht mehr gerötet, aber die kleine Macke über dem Knochen neben seinem Auge hatte sich entzündet. Die Kante seiner Brille muss ihn dort beim Schlag verletzt haben. Daher rührte das blaue Auge, welches mit jedem Tag schlimmer aussah und die Farbe wechselte, als wäre es ein unentschlossenes Chamäleon. Dass sie ihn davor bewahrte, mit der farbenfrohen Blessur draußen herumzulaufen, war der einzige Vorteil an der Grippe.
Victor hielt die Tasse vor seiner Brust und umklammerte die aufgeheizte Keramik mit beiden Händen. Wohlige Wärme kletterte seine Arme hinauf. Er inhalierte den herben Salbeigeruch. Immerhin konnte er wieder etwas riechen. Vor zwei Tagen hat er mit Schüttelfrost bis zur Nase unter der Decke gesteckt und dabei so geschwitzt, dass er am nächsten Tag mit staubtrockenem Mund aufgewacht ist. Victor hasste es, krank zu sein. Die Tage flogen dahin und man konnte nichts Sinnvolles unternehmen.
Im Fernsehen lief die Netflixserie weiter, die er vor einigen Tagen begonnen hatte. Inzwischen hat er den Faden verloren, aber er schaute ab und zu hin, wenn seine Gedanken ihn zu sehr zu belasten drohten. Noch immer erschien es ihm surreal, dass er sich in Kalifornien befand. In Amerika. Am anderen Ende der Welt. Seine Seele saß in Deutschland und wartete, dass er zurückkehrte, aber so schnell würde das nicht passieren. Wenn überhaupt. Er sah zum Smartphone. Sollte er Tante Britta anrufen? Der Blick wanderte weiter, zur Uhr, die über seinem Schreibtisch hing. 14 Uhr. Das bedeutete - er rechnete in Gedanken nach - in Deutschland war elf Uhr nachts. Sie schlief bestimmt schon.
Und seine Freunde? Sie schrieben manchmal, über Whatsapp, aber die enge Bindung, die sie stets geteilt haben, litt unter der Entfernung. Wenn Victor seine Sorgen und Gedanken vertiefte, dann taten seine Freunde das meistens mit einem: »Hab dich nicht so, du bist am geilsten Ort der Welt«, ab.
Erin, eine ehemalige Mitschülerin, die für kurze Zeit auch zum Ballett gegangen war, verstand am ehesten, wie belastend die Situation für ihn war. Sie ist mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert, weil es in ihrer Heimat nicht mehr sicher gewesen war. Aktuell unterstützte sie ihn bei der Namenssuche für die Nachtigall. Ihre Vorschläge waren aber zu abgedreht für Victors Geschmack. Er wollte den Vogel nicht Bruchpilot oder Federvieh nennen.
Es klopfte an der Tür und Vic löste seine Aufmerksamkeit vom Fernseher. Sein Vater trat ein. Victors Körper verkrampfte sich. Nach wie vor konnte er ihm nicht ruhigen Gewissens gegenübertreten.
»Möchtest du Freunde einladen?« Der braungebrannte Mann verharrte mit verschränkten Armen im Türrahmen. Ein beißender Geruch deutete darauf hin, dass er frisch von der Sonnenbank kam. »Zum Maskenball meine ich.«
Victor schüttelte den Kopf. »Ich gehe nicht hin.« Er wich dem Augenkontakt aus. Remus bemühte sich, die Auseinandersetzung auf dem Sportplatz unter den Teppich zu kehren. Er griff das Thema nicht auf und tat so, als wäre das Gesicht seines Sohnes nicht zur Hälfte von einem dunkelvioletten Fleck verunstaltet.
»Du wirst keine Möglichkeit haben, dem Festival aus dem Weg zu gehen.«
»Ich bleibe im Zimmer.«
Remus knirschte mit den Zähnen. Kurz zuckte sein Blick zum Fernseher. »Es gibt eine Tanzfläche.«
DU LIEST GERADE
Mitternachtsgesang
FantasiaAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
