Seit zwei Tagen achtete Victor darauf, seine Zimmertür verschlossen zu halten und sie nur kurz zu öffnen, wenn jemand Essen brachte. Immer wieder tauchte sein Vater auf, aber ihm gewährte er keinen Einlass. Seltsamerweise verschaffte er sich mit keinem Ersatzschlüssel selbst Zutritt. Anstatt das zu hinterfragen, war Victor einfach nur froh, seine Ruhe zu haben.
Gale wechselte zwischen Nachtigall und Mensch, wann immer es ihm beliebte. Ihn störte es nicht, dass sie eingesperrt waren. Im Gegenteil, das verschaffte ihm mehr Freiheit in seiner Gestalt. »Wie lange ziehen wir das durch?«
»Bis ich Achtzehn bin.« Vic saß mit verschränkten Armen an seinem Schreibtisch. Vor ihm stand eine Schale mit Müsli, die hat ihm ein Küchenmitarbeiter gebracht. »Dann schließe ich die Tür auf und renne zum Ausgang, um nie wieder umzukehren.«
Gale grinste schief. »Ist das nicht ein langwieriger Plan?« Er saß auf dem Tisch und ließ die Beine baumeln. »Du müsstest Monate in diesem Raum ausharren.«
»Am Ende dieser Monate wartet Freiheit.« Vic stocherte in seinem Müsli, ehe er etwas davon in den Mund schob. Süßliche Haferflocken schmolzen auf seiner Zunge. Die Milch schmeckte irgendwie bitter, das kam bestimmt von den Weintrauben. Er spülte den bitteren Geschmack mit Orangensaft herunter.
»Mir gefällt der Gedanke nicht, dass du dich unnötig quälst.« Gale nahm ein Apfelstück von seinem Obstteller und steckte es in den Mund. Es knirschte, als er draufbiss. »Warum versuchst du nicht, mit deinem Vater zu reden?«
»Dafür fehlt mir die Kraft.« Victor seufzte. In letzter Zeit war er ungewöhnlich müde. Sicher, weil er sich so wenig draußen aufhielt. Die frische Luft und vor allem die Bewegung fehlten ihm. Soziale Kontakte beschränkten sich auf Gespräche mit Gale und Kurznachrichten mit Eva. Seine Freunde in Deutschland reagierten nur noch unregelmäßig auf seine Texte. »Warum ist er nicht einfach einsichtig?«
»So ticken solche Leute nicht.« Gale rümpfte die Nase. »Er weiß vielleicht sogar, dass du recht hast, aber er ist nicht stark genug, seine festgefahrene Meinung zu begraben.« Hoffnungsvoll hob er den Blick an. »Warum mobilisierst du nicht die anderen? Die ganzen Frauen, die hier wohnen? Oder Lucy?«
»Ich sehe Lucy nur noch selten.« Victor lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sein Kopf dröhnte. Er nahm die Brille ab, um den Druck von seinen Ohren zu nehmen. Manchmal half das gegen Kopfschmerzen. »Und gegen die Frauen hat er irgendwelche Drohungen in der Hand.« Er erinnerte sich an die Situation auf dem Sportplatz. Sein Vater hatte ihn geschlagen und Candy hat nur halbherzig versucht, für ihn einzustehen. Als die Schmerzen in seinen Nacken ausstrahlten, verstummte er.
Gale fuhr sich durch das Haar und stöhnte langgezogen. An diesem Tag trug er seine Haare zusammengebunden, aber einzelne Strähnen waren zu kurz und fielen in sein Gesicht. »Du könntest vielleicht bei meinen Eltern unterkommen.«
Die Worte katapultierten Victor unvorbereitet in die Realität. »Würdest du mitkommen?« Er öffnete die Augen und bereute es prompt. Als das Licht auf seine Netzhaut traf, hämmerte der Schmerz in seinem Kopf. Er verzog das Gesicht und legte seine Hand an die Schläfe.
Gale setzte zu einer Antwort an, aber er legte den Kopf schief und sah Victor mitfühlend an. »Was ist los?«
Vic presste die Zähne aufeinander. Der Schmerz kroch seine Wirbelsäule hinab und strahlte von dort über die Nervenbahnen in seinen Körper aus. Plötzlich war er unsagbar müde, aber er traute sich nicht, aufzustehen und zum Bett zu gehen. Seine Beine fühlten sich taub an.
»Was ist los mit dir?« Gale berührte Victors Stirn.
»Irgendwas stimmt nicht«, lallte er und zwang seine Augen, offenzubleiben, um Gale anzusehen. Dafür nahm er in Kauf, dass scharfe Tränen über seine Wangen quollen. Er wusste nicht, was los war.
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Mitternachtsgesang
FantasiAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
