Kapitel 28: Rückschlag

81 11 1
                                        

Dr. Adams verbrachte den Rest des Tages in Victors Zimmer. Sie hat sich von Remus Utensilien bestellen lassen, um ihren Patienten fachgerecht zu versorgen. Wenn man über Geld und Einfluss verfügte, war es wohl jedem möglich, eine private Intensivstation einzurichten.

Victors Blick heftete an einem durchsichtigen Beutel, der an einem Gestell neben seinem Bett hing. Das Licht der Abendsonne brach durch die klare Flüssigkeit und erzeugte wabernde Spiegelungen an der Wand. Im Zweisekundentakt fiel ein Tropfen in einen Schlauch, welcher über einen Venenkatheter mit seinem Arm verbunden war. Egal wie oft er nachhakte, die Ärztin verriet Victor nicht, warum diese Art der Behandlung notwendig war.

»Hat das irgendwelche Nebenwirkungen?« Seine Pupillen folgten einem Tropfen. In wenigen Minuten würde er in seinen Blutkreislauf wandern. Victor schluckte. »Oder ist das harmlos?«

»Es ist Kochsalzlösung.« Dr. Adams saß an seinem Schreibtisch und schrieb etwas auf einen Zettel. »Sie spült Schadstoffe aus deinem Blut.«

»Warum sind Schadstoffe in meinem Blut?« Vic legte seinen Finger auf das Pflaster in seiner Ellenbeuge. Die Nadel des Katheterzugangs fühlte sich wie ein Fremdkörper an. Weil sie einer war. Er seufzte. »Hat das mit dem Zeug zu tun, das Sie mir gespritzt haben?«

Die Ärztin blieb über den Zettel gebeugt und schnaubte abwehrend. »Nein, das war ein harmloses Medikament.«

Für eine Weile beobachtete Victor die Ärztin. Sie nuschelte leise und kritzelte immer wieder wild über das Papier, wohl, um irgendetwas neu zu schreiben. Es wäre einfacher, wenn sie klar kommunizieren würde, was sich in seinem Zimmer gerade abspielte. »Warum haben Sie mir ein Medikament gegeben?« Er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge. »Ich hatte nicht wirklich einen Schwächeanfall, oder?«

Sie stöhnte und ließ von dem Zettel ab, um sich in seine Richtung zu drehen. »Deine Mutter ist an einem Schlaganfall gestorben, nicht wahr?« Die Falten um ihren Mund wurden tiefer und ihr Blick wirkte erwartungsvoll.

Victors Magen zog sich zusammen. Die plötzliche Konfrontation mit dem Thema schmerzte. Was erwartete sie von ihm? Er nickte stumm.

Sie atmete auf und widmete sich wieder dem Papier. Obwohl sie leise murmelte, ging das Wort Schlaganfall hörbar über ihre Lippen. »Wir sollten neurologische Untersuchungen durchführen, um auszuschließen, dass es bei dir auch einer war.«

Vic biss sich auf die Unterlippe. Wie konnte sie so leichtfertig darüber reden? Er ballte die Hände zu Fäusten und schloss die Bettdecke darin ein. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er stundenlang über Schlaganfälle recherchiert. Er hat wissen wollen, ob man ihn früher hätte bemerken können. Ob es eine Möglichkeit gegeben hätte, seine Mutter zu retten. Die hätte es gegeben, wenn er nicht ausgerechnet in dieser Nacht woanders geschlafen hätte. In seinem Hals bildete sich ein Kloß. Wenn jemand schnell genug einen Krankenwagen gerufen hätte, würde sie noch leben. Er löste sich von der Erinnerung und besann sich auf die Gegenwart. Das, was er erlebt hatte, war kein Schlaganfall gewesen. Ganz sicher nicht. »Findet die neurologische Untersuchung in einem Krankenhaus statt?«

Dr. Adams schrieb unbeirrt weiter. Erst nach einer knappen Minute reagierte sie auf seine Frage. »Nein.« Sie blickte ihn über ihre Schulter hinweg an. Die kurzen blonden Haare standen von ihrem Kopf ab. »Ich nehme sie hier vor.«

»Sie?« Hier? Victor runzelte die Stirn. »Wäre eine Zweitmeinung nicht sinnvoll?«

»Traust du meinem Urteil nicht?« Mit spitzen Lippen hob sie das Kinn.

»Nein.« Warum sollte ich jemandem trauen, der es geheim halten will, dass ich unter seiner Aufsicht fast gestorben wäre? »Wo ist mein Vater?«

MitternachtsgesangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt