»Du trägst Verantwortung für den Ruf meiner Marke.«
Remus und Victor saßen gemeinsam am Frühstückstisch. Zwischen ihnen lag eine aufgeklappte Zeitung. Ein Foto von Vic und Lucy, auf dem Parkplatz des Malibu Country Mart prangte in der Mitte. Darüber stand: Trauerzeit vs. Luxusleben, verwöhnter Cavea Teenager hat schon wieder Zeit für Shopping. Mehr als die fettgedruckte Überschrift wollte Victor nicht lesen. Er sah zur Seite und seufzte.
»Ich hatte keine Ahnung, dass ich für irgendwen interessant bin.«
»Du bist mein Sohn. Natürlich reißen sich die Leute um Neuigkeiten.« Remus zog die Zeitung zu sich und las laut vor: »Der eitle Milliardärssprössling hat es nicht für nötig gehalten, die Reporterin auch nur anzusehen.« Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. »Du hättest etwas Nettes sagen sollen.«
Es ist alles so schnell gegangen. Wie hätte ihm in dieser Situation etwas Nettes einfallen sollen? »Zum Beispiel?« Dass sie hinter uns hergerannt ist, wird natürlich nicht erwähnt.
»Wenn du ihren Job lobst oder etwas Positives über ihre Kameramodelle sagst, sind sie meistens besänftigt.« Remus machte eine abwinkende Bewegung. »Du wächst noch rein. Achte einfach darauf, dass du dich nicht auffällig verhältst.«
Ich will nicht da rein wachsen. Victor runzelte die Stirn. Seine Augen wanderten zu der Überschrift. Ein Luxusleben wollte er auch nicht führen. Schon gar keines, in dem er nicht so sein durfte, wie er war. An Letzterem musste er dringend etwas ändern. Ein bisschen Normalität aus seinem früheren Leben konnte nicht schaden, oder? Ob er vom Ballett erzählen sollte? Jetzt wäre eine gute Gelegenheit.
Vic lugte zu seinem Vater herüber. Dieser beschäftigte sich schon wieder mit seinem Smartphone. Nein, jetzt ist nicht der richtige Moment.
Victor löffelte sein Müsli und schob ein paar Früchte beiseite, um sie später für die Nachtigall mitzunehmen.
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Die Woche verging rasend schnell. Als die nächste Therapiestunde anstand, waberte die Erinnerung ans letzte Mal noch unheilvoll in Victors Gedanken. Konnte er wirklich die Energie für belastende Gespräche aufbringen?
»Du scheinst dich inzwischen eingelebt zu haben.« Ms Stevens saß am anderen Ende des Schreibtisches in Remus' Arbeitszimmer. Ein Lächeln lauerte in ihren Mundwinkeln.
Victor musterte seine Therapeutin mit verschränkten Armen. Nach der letzten Sitzung war es ihm miserabel ergangen. Heute hatte er keine Lust auf diese unsagbar schlechte Laune. Seine Sorgen waren gerade erst mühselig verdrängt, aber Remus bestand darauf, dass er die Therapie wahrnahm. Es würde ihm langfristig guttun. »Eingelebt würde ich das nicht nennen.«
»Sondern?« Die Therapeutin lehnte sich vor.
»Ich habe mich damit abgefunden.« Er senkte die Schultern. »Ändern kann ich es eh nicht.«
»Hast du inzwischen eine Beschäftigung gefunden?«
Er wollte den Kopf schütteln, aber das wäre gelogen, oder? In der letzten Woche hat sich alles um Vögel gedreht. Wie man sie fütterte, wie man sie richtig in der Hand hielt, wie lange es dauerte, bis Knochenbrüche ausheilten. »Ich habe eine Nachtigall gefunden.«
»Eine Nachtigall?« Ms Stevens lächelte. »Die sieht man hier selten.«
»Wahrscheinlich gehört sie einem Züchter.« Als er sie zum ersten Mal richtig greifen konnte, hat sich Victor die Marke an ihrem linken Fuß angesehen. JP-NR24-21J war in das silberne Material eingestanzt. Was das bedeutete, wusste wohl nur der Besitzer. »Sie ist verletzt. Ich kümmere mich um sie, bis sie transportfähig ist.«
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Mitternachtsgesang
FantastikAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
