Der Maskenball nahm bereits am Morgen den Tag in Beschlag.
Überall wuselten Leute herum. Sie schmückten die restlichen Ecken, trugen Stühle und Getränkekisten durch die Flure oder sie tauschten Meinungen über ihre Kostüme aus. An jedem Baum hingen Lichterketten und es waren tropische Sonnenschirme im Garten aufgestellt.
Victor hatte sich fest vorgenommen, nicht an der Veranstaltung teilzunehmen, aber es gab kein Entkommen. Sogar im botanischen Garten konnte er dem Gewirr nicht entgehen. Dort richteten sie eine Chillout-Zone ein, für alle, die während des Festivals eine ruhige Ecke suchten. Monteure testeten eine Nebelmaschine, die den blühenden Garten in seichten Dunst tauchte. Rauchiger Geruch kribbelte in der Nase.
Mit Yoru auf der Schulter irrte Victor über das Gelände, auf der Suche nach einem Ort, an dem er sich zurückziehen könnte. Je mehr er auf Hektik stieß, desto sicherer wurde er, dass er den Tag im Zimmer verbringen müsste.
Die Nachtigall tschilpte in sein Ohr. Ihr war der Trubel mit Sicherheit auch zu viel. Sie flatterte mit den Flügeln, aber sie verharrte auf Vics Schulter. Sogar draußen machte sie keine Anstalten wegzufliegen.
»So süß!« Dahlia stand vor ihnen und streckte einen Finger dem kleinen Schnabel entgegen. »Du hast ihn ja richtig dressiert.«
Eigentlich hat er nicht viel Arbeit leisten müssen. Die Nachtigall war auffallend intelligent. Wenn Victor ihr etwas nahelegte, dann dauerte es nicht lange, bis sie es umsetzte. Er konnte ihr befehlen, im Käfig zu bleiben, bis er zurück ins Zimmer kam und sie blieb auch mit offener Käfigtür drin. »Er lernt schnell.« Im Internet stand, dass Nachtigallen eigentlich scheu waren und man ihnen in freier Wildbahn nur selten begegnete. Dass Yoru so zahm war, lag sicher daran, dass er in Menschenhand geboren wurde. Bei einem Züchter. Diesen Gedanken verdrängte Victor.
Dahlia lächelte. »Möchtest du meine Maske sehen?« Ihre Augen funkelten. Sie würde sie zeigen, ganz egal, was er antwortete.
»Zeig her.« Victor grinste schief.
Die schwarzhaarige Frau jubelte leise und kramte in einer Stofftasche, die über ihrer Schulter hing. Sie zog eine silber-schwarz glitzernde Augenmaske hervor. Der Bereich um die Augen war mit silbernen Steinchen beklebt, außen fächerten sich schwarze Federn am oberen Bereich. »Mein Kleid hat dieselben Farben.« Ihre Wangen glühten rötlich. »Ich stelle eine Elster dar!« Sie stutzte und verzog angedeutet das Gesicht. »Ich weiß, du hältst hiervon nicht viel. Aber es wäre wirklich toll, wenn du heute Abend auch kommst.«
Victor steckte seine Hände in die Hosentaschen. Wie oft sollte er sich noch rausreden? »Ich schaue vielleicht kurz vorbei.«
»Lade doch Freunde ein.« Dahlia deutete zur Villa. »Es gibt so viele Kostüme. Sie können sich bestimmt etwas aus dem Fundus leihen, falls sie kurzfristig nichts finden.«
Guter Vorschlag. Er scheiterte nur daran, dass Victor keine Freunde hatte. Wen sollte er einladen? Lucy vielleicht. Aber sie würde an diesem Abend kellnern, das hatte sie ihm schon mehrfach erklärt. Ihr zuliebe würde er sich wahrscheinlich am ehesten überwinden und zumindest kurz beim Maskenball auftauchen.
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Kurz bevor die Sonne unterging, startete die Party. Der DJ hatte sein Mischpult am Pool aufgebaut, von dort dröhnte Chartmusik.
Victor stand an seinem Fenster und beobachtete das Gewusel im Garten. Zugegeben, es sah toll aus. Bunte Kostüme, glitzernde Masken und schwingende Kleider wirbelten über das Gelände. Zwischendrin stachen Kameras hervor. Vor ihnen standen Prominente, die sich mit Reportern unterhielten. Der Sportplatz leuchtete in bunten Farben, dort tanzten einige Personen. Tanzen. Darauf hätte Victor irgendwie Lust. Hatte er sich nicht eigentlich Abwechslung gewünscht?
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Mitternachtsgesang
FantasyAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
