Kapitel 20: Gründe, um Vögel zu sammeln

88 12 0
                                        

»Kannst du schwimmen?« Victor saß an seinem Schreibtisch und notierte, was er von dem Besuch in der Agentur seines Vaters noch wusste. Er würde noch einmal mit ihm hinfahren, und etwas über die Computerprogramme lernen. Spätestens da würde er abschalten, denn er interessierte sich kaum für solche Dinge.

Gale saß als Nachtigall am Rand des grauen Topfes, in dem der Geldbaum wuchs. Daneben stand noch ein kleiner Obstteller vom Frühstück. Er tschilpte, was eine Bejahung darstellte, darauf hatten sie sich geeinigt.

Victor nickte. Ein zufriedenes Lächeln zuckte über seine Lippen. »Dann sage ich meinem Vater, dass du mein neuer Schwimmlehrer bist.« Er hob den Blick von den Notizen, um die rotbraune Nachtigall anzusehen. »Du könntest so offiziell als Mensch hier herumlaufen.« Und mein Dad würde aufhören, mir mit dem Schwimmunterricht in den Ohren zu liegen.

Gale legte den Kopf schief. Einem hohen Fiepsen nach zu urteilen, schien er nicht abgeneigt von der Idee. Er hatte neulich betont, dass er als Vogel zwar mehr Energie besaß, ihm der Alltag als Mensch aber fehlte. Wie sein Tagesablauf normalerweise wohl aussah? Vic würde ihn irgendwann fragen.

»Ich lasse mir trotzdem einen Schlüssel für das Zimmer geben, damit du dich auch so gefahrlos verwandeln kannst.« Victor stand auf und legte seine Beine abwechselnd auf den Stuhl, um sie zu dehnen. »Und nur, damit du dich darauf vorbereiten kannst. Ich möchte heute Abend noch einmal über diese Vogelsammlerin reden.« Die entführten Personen spukten unaufhörlich durch seine Gedanken. Irgendjemand musste ihnen helfen.

Gale krächzte abgeneigt.

»Ich weiß, dass du nicht drüber reden willst.« Victor seufzte. »Vielleicht bringe ich dir nachher Bonbons mit, die nicht in der Waschmaschine waren.« Ob das was bringen würde? Bestechung war ein bewährtes Mittel. Ein paar Bonbons würden jedoch sicher nicht ausreichen, um ihn umzustimmen.

Für einen Sekundenbruchteil veränderte sich der Ausdruck in Gales Augen. Er piepste und flatterte ins Bad.

Kurz darauf verschaffte sich Remus Zutritt zum Zimmer. Er hielt sein Smartphone am Ohr. Mit einem gestikulierenden Blick forderte er Victor auf, ihm zu folgen.

---

Eva war Feuer und Flamme, als es darum ging, die Algorithmen des Birdie-Onlineportals zu erklären. Sie warf mit Zahlen um sich und jonglierte mit Fachbegriffen, als wären es alltägliche Worte, die jeder zu kennen hatte.

Innerhalb von Minuten qualmte Victors Kopf. Er konzentrierte sich darauf, ihr zuzuhören, aber seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Ob Gale sich über einen Kuchen zum Geburtstag freuen würde? Er sollte ihn vorher fragen, ob er überhaupt Kuchen essen durfte. Vielleicht gab es bei seiner Spezies Unverträglichkeiten? Kuchen mit Ei würde er aus ethischen Gründen sicher nicht anrühren.

»Ich merke schon, das ist nicht so ganz dein Thema.« Eva lachte und setzte einen entschuldigenden Blick auf. Sie sah in Richtung Tür. Das Büro war riesig, sodass sie die Augen verengte, um etwas im Nebenraum erkennen zu können. Dort saß Remus auf einem Sofa und telefonierte. »Was interessiert dich wirklich?« Sie senkte die Stimme. »Abgesehen vom Schwimmen. Hast du noch andere Hobbys?«

Victor faltete seine Gedanken zusammen und verstaute sie für später, um sich auf Evas Gespräch einzulassen. Er schenkte ihr ein Lächeln. Sollte er ehrlich zu ihr sein? »Eigentlich...«, begann er, aber er winkte ab. Die ganze Wahrheit musste sie nicht erfahren. »Das mit dem Schwimmen ist nicht so eine große Sache für mich.« Er biss sich auf die Unterlippe. Sein Blick streifte den Computer. So viele Klammern, Zahlen und Buchstaben. Href? Das ist doch kein Wort? Er schüttelte sich. »Ich tanze gerne.«

Evas Wangen glühten vor Entzücken. »Was für ein Stil?«

Er deutete ihr an, die Stimme zu senken und nickte. »Ich glaube, er schämt sich dafür.« Mit den Augen deutete er zu dem Raum, in dem sein Vater telefonierte.

MitternachtsgesangGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt