Kapitel 14: Fliegen

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Die nächsten Tage verbrachte Victor mit der Suche nach Gary auf Social Media. Es gab unzählige Profile, aber keines der Fotos passte zu dem Fremden, der ihn auf dem Maskenball angesprochen hatte. Der ihn geküsst hatte. Seine Lippen kribbelten noch bei der bloßen Erinnerung.

»Guckst du schon wieder aufs Smartphone?« Lucy stopfte eine Ladung Kleider in eine Waschmaschine.

Victor saß auf einem Trockner, ließ die Beine baumeln und las sich die Charaktereigenschaften eines Garys durch, der kein Profilbild besaß. Er liebte Fußball und mochte Hiphop Musik. Das passt irgendwie nicht. Langsam hob er den Blick, um Lucy anzusehen. »Hast du was gesagt?«

Sie grinste schief. »Du hast doch sonst nicht so viel Zeit mit dem Ding verbracht.«

Victor wollte mit den Schultern zucken, aber Yoru saß auf der linken, also unterdrückte er den Drang. Der kleine Kerl begleitete ihn mittlerweile überall hin und zeigte weiterhin keine Anzeichen, wegfliegen zu wollen. Vielleicht hatte er es verlernt? Vic hat sich vorgenommen, mit ihm das Fliegen zu üben. Der Flügel war längst verheilt. »Ich suche etwas.«

»Etwas?« Lucy schaltete die Waschmaschine ein und widmete sich dem nächsten Wäschekorb. Im weiß gefliesten Waschkeller reihten sich zwölf große Waschmaschinen aneinander. Drei von ihnen liefen bereits. »Oder suchst du jemanden?« Ihre Augen funkelten. »Ich habe gehört, du wurdest mit jemandem beim Maskenball gesehen.«

Sie wusste davon? Victors Magen zog sich zusammen. Sollte er sie einweihen? »Nein, ich suche nach einem Job.«

»Ein Job?« Sie runzelte die Stirn.

»Ja.« Er wich ihrem Blick aus. Vorsichtshalber steckte er das Smartphone weg. Yoru raschelte mit seinen Federn. Das Geräusch, so nahe an seinem Ohr, jagte eine Gänsehaut über Victors Rücken. Vielleicht kann ich ihn wiedersehen, wenn ich an einem öffentlichen Ort arbeite. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Würde er ihn überhaupt wiedererkennen?

»Suchst du eine bestimmte Beschäftigung?« Die nächste Waschmaschine wurde gestartet. Lucy zog einen weiteren Wäschekorb heran.

Victor rutschte von dem Trockner, um ihr bei der Arbeit zur Hand zu gehen. Es reihten sich ein Dutzend Körbe aneinander. Das alles zu waschen würde Stunden dauern. Er steckte Kleider in eine Maschine und dosierte Waschmittel. »Vielleicht in einem Café?« Er führte seine Hand an die Schulter, damit Yoru auf seinen Finger hüpfte. Victor setzte ihn auf eine der Waschmaschinen. »Oder in einem Geschäft.« Ein Modeladen vielleicht?

»Warum nichts mit Ballett?« Lucy beäugte Victor interessiert. »Könntest du da nichts beruflich machen?«

Victor erschauderte. Der Vorschlag schürte Übelkeit in ihm. Ballett. Er wollte nichts sehnlicher. Aber er wagte es nicht, diesen Traum zu verfolgen. Nicht, solange er in dieser Villa leben musste. »Das ist nur ein Hobby.«

Dass Lucy über seine Leidenschaft Bescheid wusste, lag daran, dass er sich regelmäßig mit ihr über solche Dinge unterhielt. Mittlerweile lebte Victor seit beinahe zwei Monaten in Amerika und er hatte mit kaum jemandem so viel Zeit verbracht, wie mit Lucy. Er übte das Tanzen heimlich in seinem Zimmer und sie wusch seine Trainingskleidung, damit Remus nichts davon mitbekam.

»Du investierst viel Zeit in dieses Hobby.« Lucy hob ein schwarzes Kleid vor ihr Gesicht, es befanden sich Glitzerpartikel in den Tüllbahnen des Rockes.

Victor erkannte es sofort. Der Rücken war weit ausgeschnitten. Er löste sich von seinem Wäschekorb und ging auf Lucy zu, um es ihr abzunehmen. »W-was macht das denn hier?«

Lucy hielt ihre Arme ausgestreckt, so als würde sie das Kleid noch immer festhalten. Sie blinzelte irritiert. »Ich schätze, eine der Damen hatte es während des Festivals an.«

MitternachtsgesangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt