»Young man?«
Eine sanfte Berührung an der Schulter weckte Victor aus seinem unruhigen Schlaf. War das etwa schon der zwölf Stunden Flug gewesen? Er blinzelte. Trockene Luft kratzte in seiner Nase. Es roch nach Kunstleder und Reinigungsmittel. Mit verschwommener Sicht sah er in das brauen Augenpaar einer Stewardess. Verschlafen rückte er seine Brille gerade.
»Pardon?«
War das richtig? Das englische Wort für Entschuldigung? Eine Englischlehrerin hatte es manchmal genutzt, wenn sie jemanden nicht richtig verstanden hat. Viktor zog die Augenbrauen zusammen. Spätestens für diesen Lebensabschnitt hätte er im Englischunterricht besser aufpassen sollen. Verstehen konnte er alles, aber sprechen? Gedanklich übersetzte er die Worte der Frau ins Deutsche, vielleicht würde er die Sprache so schneller lernen.
»Schnallen Sie sich an.« Sie Stewardess lächelte. »Das Flugzeug landet gleich.«
Victor streckte seine Beine, so gut es ging und nickte. Gähnend suchte er nach den zwei Hälften seines Gurtes und steckte sie vor seinem Bauch zusammen. Er sah nach links, in der Hoffnung, an seinem Nebenmann vorbei, einen Blick nach draußen werfen zu können. Warum mussten Fenster in Flugzeugen nur so winzig sein?
Viel gab es nicht zu erkennen. Los Angeles sah von oben aus wie eine Kiesgrube. Einige Flecken in Grau, Rot, hellen Brauntönen und Weiß. Waren das Häuser? Etwas Grünes folgte, vielleicht ein Park?
Seufzend lehnte sich der Siebzehnjährige zurück und schloss die Augen. Der Pilot sagte etwas und einige Fluggäste raunten durcheinander. Das Flugzeug ruckelte. Victors Herz schlug schneller. Turbulenzen haben ihn in den vergangenen Stunden andauernd aus dem Schlaf gerissen.
Turbulenzen und die Tatsache, dass sein Leben sich änderte. Das hier war ein Neuanfang. Sein Schicksal drehte sich um die eigene Achse und spuckte ihn am anderen Ende der Welt wieder aus. Amerika. Hier sollte er leben und vergessen. Alles, was ihm bisher wichtig gewesen war?
Eine freundliche Stimme begrüßte die Passagiere in Los Angeles und bedankte sich für das Vertrauen. Das Flugzeug ruckelte noch einmal, diesmal heftiger als zuvor. Dann rollte es aus, während die Stimme darum bat, bis zum Erlöschen der Anschnallzeichen sitzen zu bleiben.
Vic behielt den leuchtenden Hinweis mit dem Gurtsymbol im Blick und kaute auf seiner Unterlippe. Was, wenn sein Vater ihn nicht leiden konnte? Er ist sicher nicht grundlos ohne Familie nach Amerika ausgewandert. Ob er überhaupt damit einverstanden war, dass sein Sohn nach all diesen Jahren zu ihm zog? Was, wenn er seinen Anforderungen nicht gerecht wurde? Er vergrub die Fingerkuppen im harten Polster der Handgriffe. Ein flaues Gefühl taumelte durch seine Speiseröhre.
Am liebsten würde er aufwachen und feststellen, dass er sich in Deutschland befand. In seinem Zimmer. Seine Mutter wäre nebenan im Wohnzimmer und würde etwas schreiben. Wenn er sich konzentrierte, dann hörte er das eilige Tippen ihrer Computertastatur. Es zauberte ein trauriges Lächeln auf seine Lippen.
Die Realität holte ihn ein und entriss ihm das Lächeln. Er würde seine Mutter nie wieder tippen hören, sie war tot. In seinem Hals bildete sich ein Kloß.
Das Anschnallzeichen erlosch und Unruhe brandete auf. Menschen quetschten sich in den Gang, rissen ihr Handgepäck aus den Ablagen und drängelten nach vorn, obwohl sich offensichtlich niemand schneller bewegen konnte. Vic wollte abwarten, bis es sich beruhigt hatte, aber sein Nebenmann, der zuvor auf den Fensterplatz bestanden hatte, forderte dazu auf, ihn durchzulassen.
Seufzend stopfte sich Victor in die unruhige Masse. Er zog einen Rucksack aus der Ablage über sich und wartete, bis die träge Schlange nach draußen trottete.
Im Shuttlebus, dem Terminal und an den Schleusen wiederholte sich die Unruhe. Menschen wuselten aneinander vorbei, beschwerten sich und eilten zu den Ausgängen, als wäre eine Evakuierung im Gange.
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Mitternachtsgesang
FantasíaAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
