»Wie macht sich der Vogel?«
Remus' Aufmerksamkeit lag nur halb bei Victor. In letzter Zeit starrte er auffallend oft auf sein Smartphone. Oder er telefonierte. Mit wem? Das sagte er natürlich nicht.
Vic ging seinem neuesten Frühstücksritual nach: Cereal with Fruits. Sein goldener Löffel stocherte zwischen den Haferflocken herum. Er konnte die Augen kaum offen halten, denn in der vergangenen Nacht hat er kaum geschlafen. Anfangs war er ständig aufgeschreckt, wenn der Vogel sich bewegt hat. Das arme Tier hat immer wieder gefiepst und versucht zu flattern. Vic hat ihm noch ein paar Schmerztropfen verabreicht und ihn so lange zwischen den Händen gehalten, bis er ruhig wurde.
Danach ist er kurz eingeschlafen, aber in seinem Traum war Ms Stevens aufgetaucht. Die Therapeutin hat seinen Kopf aufgeschnitten und verdrängte Ängste herausgeholt, um sie in seinen Mund zu stopfen. Salzige Tränen und bittere Enttäuschungen haben seine Geschmacksknospen geflutet. Bei der bloßen Erinnerung verging ihm der Appetit.
»Irgendwie tut er mir leid«, antwortete er und sah zu seinem Vater herüber. »Ich wünschte, ich könnte ihm verständlich machen, dass die Schmerzen bald nachlassen.«
»Redest du mit ihm?« Über Remus' Lippen zuckte ein Grinsen. Nur kurz schaute er von seinem Smartphone auf. »Wie mit einem kleinen Menschen?«
Vic zuckte mit den Schultern. Tat man das nicht automatisch, wenn man ein Tier versorgte? »Warum guckst du eigentlich andauernd auf das Ding?«
»Ich plane einen Maskenball.« Zwischen Remus' Augenbrauen bildete sich eine Falte. »Deshalb suche ich nach Inspirationen, für die Deko und so.«
Ein Maskenball? Victor runzelte die Stirn. Deshalb verlor er sich tagein, tagaus hinter dem Bildschirm? Die Poolparty lag erst wenige Tage zurück und schon plante er die nächste Veranstaltung? Als würden nicht sowieso jede Nacht mehrere Leute am Pool abhängen, um zu feiern. »Wann findet der statt?«
Remus löste sich endgültig vom Smartphone, um seinen Sohn anzusehen. »In eineinhalb Monaten.« Er widmete sich seiner Kaffeetasse und lehnte sich zurück. »Das wird gigantisch. Wie in dem Film neulich.« Das selbstgefällige Grinsen brach durch und er sah träumerisch an die Decke. »Alle Mädels bekommen Masken und Kleider. Ich stelle einen Fundus zusammen und sie können sich was aussuchen. Ein DJ wird kommen, ich glaube, ich verteile es über das Grundstück und mach ein Maskenfestival daraus.« Er senkte den Blick. »Du bist doch auch dabei, oder?«
»Mal sehen.« Victor konnte sich darunter nichts vorstellen. Die legendären Partys seines Vaters kannte er aus Fernsehberichten. Meistens waren Kamerateams dabei und irgendwelche Prominente. Im Regelfall eskalierte die Lage und irgendeine Schlagzeile schaffte es in die Klatschmagazine. Hatte er darauf Lust? »Es ist ja noch Zeit bis dahin.«
»Ich bestelle dir etwas zum Anziehen.« Remus beugte sich wieder vor das Smartphone. Die dunklen Strähnen seines Ponys fielen ihm ins Gesicht und schotteten seine Aufmerksamkeit von seinem Sohn ab.
»Ich fahre heute in die Stadt, um Antibiotika zu kaufen. Vielleicht gehe ich noch in einen Buchladen. Kommt man mit dem Bus-«
»Du fährst nicht mit dem Bus.« Remus richtete sich auf. »Ein Mitarbeiter fährt dich.« Er sah Victor mit verengten Augen an. Das Smartphone war plötzlich nebensächlich. Wurden seine Ohren rot?
Vic verharrte in seiner Position. Mit zusammengezogenen Augenbrauen erwiderte er den feurigen Blick seines Vaters. Warum darf ich nicht mit dem Bus fahren? Er schluckte. »Ich kann auf mich selbst aufpassen.« Auf eine Privattour mit der übertriebenen Limousine hatte er keine Lust. Das würde doch viel mehr Aufsehen erregen, als wenn er den Bus nehmen würde, wie jeder andere Teenager.
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Mitternachtsgesang
FantasyAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
