Malibu.
Natürlich besaß Remus Cavea eine prachtvolle Villa in der von Prominenten belagerten Küstenstadt. Der weltbekannte Frauenheld machte kein Geheimnis aus seinem Image. Auch in seiner Abwesenheit tummelten sich unzählige, halbnackte Frauen auf seinem Grundstück herum und verhielten sich, als würden sie dort wohnen. Oder taten sie es? Wer behielt an diesem Ort den Überblick?
Victor folgte seinem Vater durch die langen Gänge der Villa. Immer wieder lief ihnen Menschen über den Weg. Meistens Frauen, einige schienen kaum älter zu sein als er. War das überhaupt legal? Der Teenager schielte zu seinem Vater herüber. Der grüßte jede Frau, als wäre sie die Auserkorene seines Schicksals.
Manche Damen stellten sich Victor vor, aber die Namen überrollten ihn wie eine Lawine der Willkür, er konnte sie sich kaum merken. Jeanette, Branda und war Destiny wirklich ein Name? Eine rothaarige Frau stellte sich als Cherry vor, sie trug einen Bikini, dessen Oberteil die Form von zwei Kirschen hatte. Wenn er es nicht besser wüsste, würde Victor das hier für ein Casting halten. Aber für was? Obstsalat oder Bademoden. Vielleicht beides?
Das Gebäude hatte eine gemütliche Ausstrahlung. Durchgehend zogen sich warme Brauntöne, mit roten und goldenen Verzierungen durch die Einrichtung. Für dieses Jahrtausend wirkten einige Möbel altbacken, oder antik, wie man es eher nennen würde. Sie passten zum Rest. Dekorative Statuen, Vasen, manche mit und andere ohne Blumensträuße. Sie liefen immer wieder an Spiegeln vorbei und bei jedem wurde Remus langsamer, um sich im Vorbeigehen anzuschauen.
Victor tat es ihm bei einem Spiegel gleich. Im Kontrast zu seinem Vater wirkte er wie ein halbes, aufgeweichtes Milchbrötchen neben einer frisch gebackenem Laugenstange. Seufzend suchte er nach etwas anderem zum Begutachten. Ob es hier eine Bibliothek gab?
Sie kamen an einer Frau vorbei, die einen schwarz-goldenen Globus polierte. Warum stand der im Flur? Im Gegensatz zu den anderen Damen trug sie ein knielanges Kleid und von ihrem Ausschnitt sah man nur das nötigste. Als Remus an ihr vorbeilief, nickte er lächelnd. Sie erwiderte dies und senkte den Blick, um errötende Wangen zu verbergen.
Victor hob grüßend seine Hand. »Hallo.«
Als sie ihn ansah, funkelten ihre braunen Augen und das erfüllte ihr gesamtes Gesicht mit Wärme. »Victor, nicht wahr?« Sie redete mit einem rollenden Akzent, der Rückschlüsse auf eine andere Muttersprache vermuten ließ. Vielleicht spanisch? Sie lächelte und offenbare eine Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen. »Willkommen.«
Victors Lächeln wurde breiter und er nickte, ehe er hinter seinem Vater her eilte. Im Gegensatz zu den anderen, hat diese Begrüßung aufrichtig geklungen. »Wer war das?«
Remus zuckte mit den Schultern. »Putzt hier nur.« Er öffnete eine dunkle Holztür, die sich links neben einem Gemälde in einem Flur der oberen Etage befand. »Irgendeine Mexikanerin.«
Victor runzelte die Stirn, seine Magenkrämpfe brandeten wieder auf. Wie lange sollte er die arrogante Art seines Vaters wortlos hinnehmen? Er musste dringend besser Englisch lernen, um sich halbwegs intellektuell verständigen zu können. Wenn das so weiterginge, würde es vorher aus ihm herausbrechen.
Er hätte die Frau selbst nach dem Namen fragen sollen. Aber aus irgendeinem Grund hatte er erwartet, dass Remus ihn kannte. Seine gedankliche Namenskartei war vermutlich zu voll mit Cherrys, Destinys und Serenitys.
Seufzend trat Victor in das Zimmer und erschauderte, als er mit Vertrautheit konfrontiert war. In dem Raum standen seine Möbel. Sein Zimmer. Das von zuhause. Sie waren anders angeordnet, aber auf dem ersten Blick schien alles da zu sein. Das Bett, aus schwarz lackiertem Holz, mit dem hüfthohen Fußteil, an dem er sich für Dehnübungen festhalten konnte.
Sein Kleiderschrank aus schwarzem Metall, der aussah wie ein Spind und auch der Schreibtisch, an dem er vor zwei Monaten noch für seine Abschlussarbeit gelernt hatte. Den Schulabschluss hatte er in Deutschland zu Ende bringen dürfen, bevor er nach Amerika aufgebrochen ist. Das hat seinem Vater Zeit verschafft, um alles vorzubereiten. Wie lange die Möbel wohl schon hier auf ihn warteten?
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Mitternachtsgesang
FantasiAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
