Kapitel 11: Ein sonderbarer Traum

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Mitten in der Nacht wurde Victor wach. Oder träumte er? Jemand zog die Brille von seinem Gesicht. War er im Sitzen eingeschlafen? Er blinzelte. Eine verschwommene Silhouette stand neben seinem Bett, sie bewegte sich langsam und hielt inne, als er in ihre Richtung sah. »Wer ist da?« Seine Stimme kratzte. Als er den Kopf anheben wollte, pulsierte Schmerz zwischen seinen Schläfen.

»Schlaf weiter«, flüsterte eine tiefe Stimme. Sie legte sich wie Balsam in Victors Ohren. Er nickte, ehe er den Kopf ins Kissen sinken ließ. Etwas Kühles berührte seine geschlagene Wange, dann ertönte ein Schnalzen. Jemand zog die Decke unter ihm weg und legte sie sorgfältig über seinen Körper. Es war kalt, von außen und von innen. Victor zitterte und die Kopfschmerzen bereiteten ihm Übelkeit. Er war wirklich krank, oder? Wer war bei ihm? »Mama?« Unmöglich. Aber das war ein Traum, nicht wahr? Ein Fiebertraum?

»Nein.« Die Stimme ging nicht über ein Flüstern hinaus. »Du träumst.« Noch einmal strich die kühle Berührung über seine Wange und wanderte weiter, bis an seine Stirn. Das Gefühl war hauchzart, kaum wahrnehmbar, aber beruhigend liebevoll.

In Victors Bauch breitete sich ein Kribbeln aus. Er sank tiefer in das Bett und kuschelte sich seitlich in die wärmende Decke. »Danke«, krächzte er und schlief ein. Kurz stutzte er. Konnte man im Traum einschlafen? Er tat es.

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Als er am nächsten Morgen erwachte, war es hell draußen. Die Sonne schimmerte durch die geschlossenen Vorhänge. Die Grippe lag über Victors Empfinden, wie ein schweres Laken. Seine Arme und Beine fühlten sich taub an und sein Kopf pulsierte. Dass die geschlagene Wange noch immer brannte, ging bei den anderen Symptomen fast unter.

Victor angelte nach seiner Brille. Als er sich aufrichtete, waberte ein Gefühl der Schwere durch seinen Körper. Sein Hals kratzte.

Die Nachtigall saß in ihrem Käfig und beobachtete ihn. Die Tür stand offen.

Vics Herz setzte einen Schlag aus. Hatte er schon wieder vergessen, sie zu schließen? Er seufzte. Bin ich beim Lesen eingeschlafen?

Es klopfte an seiner Tür und Alexander, der Reinigungsmann, steckte seinen Kopf ins Zimmer. Als er Victor sah, weitete er die Augen. »Ich komme später wieder.«

Vic machte eine abwinkende Bewegung und schlug die Decke beiseite. »Du kannst mein Zimmer heute überspringen.« Ob er dann eher Feierabend machen dürfte? »Ich glaube, ich bleibe im Bett.« Seine Stimme krächzte und fiebrige Hitze waberte über seine Wangen.

»Bist du krank?« Alexander lehnte sich gegen den Türrahmen. »Soll ich deinem Vater Bescheid sagen?«

»Bloß nicht.« Victor fuhr sich durchs Haar, die schweißnassen Strähnen glitten durch seine kribbelnden Finger. »Aber wenn du Lucy siehst, dann sag ihr, dass ich mit ihr reden möchte.«

Alexander stutzte. Er sah Victor an, trat näher und verengte die Augen. Kurz wirkte es, als wolle er etwas sagen, aber er tat es nicht. Stattdessen nickte er und ließ das Zimmer hinter sich.

Als er mit der Nachtigall alleine war, berichtete Victor ihr von seinem Traum. Das war ein Ritual, welches er sich angewöhnt hatte. Sie wusste inzwischen alles Mögliche über seine Vergangenheit. Irgendwie tat es gut, die wirren Gedanken laut auszusprechen, auch wenn der Gesprächspartner ein Vogel war. Die einzigen Reaktionen waren Kopfbewegungen oder leises Piepsen. »Ich habe von meinem Zimmer geträumt.« Victor lachte ungläubig. Das war der erste Traum, der an diesem Ort stattgefunden hat. »Jemand war in meinem Zimmer.«

Die Nachtigall tschilpte und hüpfte an den Rand der offenen Käfigtür.

Victor legte die Hand an seine Stirn, dorthin, wo er in der Nacht eine Berührung gespürt hat. Etwas Kaltes hat über sein Gesicht gestreichelt. Fingerkuppen vielleicht? Er schüttelte sich und stand auf, um ins Bad zu gehen. »Komischer Traum.« Er ließ heißes Wasser in die Badewanne laufen.

MitternachtsgesangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt