»Bist du schon wieder krank?« Remus stand im Zimmer und beobachtete, wie sein Sohn sich im Bad die Zähne putzte. Dieser trug noch einen Schlafanzug, um fünf Uhr nachmittags.
Victor spuckte minzigen Schaum ins Waschbecken. »Nein«, erwiderte er und sah in den Spiegel. Oberhalb des blickdichten Duschvorhanges lugte Gales kleiner Vogelkopf heraus. Er saß auf der Stange, an welcher der Vorhang befestigt war. »Ich habe die Nacht durchgemacht.«
»Warum?«
Vic zuckte mit den Schultern. »Ist manchmal so.«
Remus legte die Stirn in Falten. Ein unzufriedenes Brummen ertönte aus seinem Hals. »Du hast heimlich Ballett geübt.«
Traurig genug, dass er solch eine Aussage als Vorwurf über die Lippen brachte. Victor verdrehte die Augen. Und wenn schon? »Nein, ich habe eine Serie geschaut.«
»Ich möchte dass du etwas sinnvolles machst.« Mit verschränkten Armen trat Remus näher, um sich gegen den Türrahmen des Badezimmers zu lehnen. »Du solltest deine Zeit nicht so verschwenden.«
Victor spülte seine Zahnbürste ab. Er beobachtete, wie Gale den Kopf einzog und hinter dem Vorhang verschwand. »Ich möchte mir einen Job suchen.«
Remus' Blick hellte sich auf. »Wirklich?« Er löste die verschränkten Arme und nahm eine offene Körperhaltung ein. »Was schwebt dir vor?«
Profiballetttänzer. Victor zwängte das Wort in den gedanklichen Schrank, der all seine Geheimnisse aufbewahrte und seufzte. »In einem Café oder einem Klamottenladen.« Er stellte seine Zahnbürste in den Becher und drehte sich zu seinem Vater um. »Das hilft mir vielleicht beim Englischlernen.«
Remus schürzte die Lippen. »Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich gebe dir hier eine Aufgabe.«
Victors Körper spannte sich an. Sollte er ernsthaft auch noch in der Villa arbeiten? »Ich muss zwischendurch raus.«
»Du bist nicht bereit, um raus zu gehen.«
Nicht bereit? Victor biss auf die Innenseiten seiner Wangen. Er hat früher ein selbstständiges Leben in Freiheit geführt. Wieso beschnitt sein Vater diese Selbstbestimmtheit? »Wegen der Paparazzi?«
»Unter anderem.« Remus nickte. »Ich weiß kaum etwas über dich, deshalb kann ich nicht verantworten, dass du unbeaufsichtigt draußen herumläufst.«
Seltsam, dass dir das meine komplette Kindheit über egal war. Victor zwang sich ein Lächeln auf. »Soll ich ein Freundschaftsbuch für dich ausfüllen, damit du mich besser einschätzen kannst?«
Remus' Mundwinkel zuckten nach unten. Die blauen Augen erstarrten zu alles vertilgendem Eis. »Verkauf mich nicht für dumm.«
»Entschuldigung.« Vic seufzte. »Was für eine Aufgabe schwebt dir für mich vor?«
»Du begleitest meinen Alltag.«
Wie spannend. Victors Magen zog sich zusammen. Würde das bedeuten, dass er ihm beim Sex zusehen musste? Gehörte das zu seiner Arbeit? Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, mitzuerleben, was der Milliardär den ganzen Tag so trieb, um Vorurteile aus dem Weg zu schaffen.
»Morgen nach dem Frühstück fahren wir zusammen zur Agentur.« Remus verschränkte die Arme.
Es gab eine Agentur? Außerhalb? Er plante, ihn zu einem Ausflug nach draußen mitzunehmen? Victors Herz hüpfte hoffnungsvoll. Dann könnte er etwas anderes sehen als die ewig gleichen Flure seines prunkvollen Gefängnisses. »Alles klar.«
»Zieh dir was Ordentliches an und packe etwas zu Schreiben ein.«
Das würde er hinbekommen. Victor nickte und brachte zum ersten Mal seit Tagen ein Lächeln seinem Vater gegenüber zustande. Eigentlich erschien ihm dessen Arbeitsalltag langweilig, aber vielleicht würde die gemeinsame Zeit ihrer Beziehung zugutekommen.
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Mitternachtsgesang
FantasyAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
