Die erste Woche in der Villa folgte dem gleichen Schema:
Victor wachte schweißgebadet auf, meistens, wenn es noch dunkel war. Sein Herz raste und er brauchte mindestens eine halbe Stunde unter der Dusche, um sich zu beruhigen. Die Albträume änderten sich, aber das machte sie noch unerträglicher. Er sah nicht mehr nur den Tod seiner Mutter in abstrakten Varianten, sondern war auch mit erdrückenden Schatten konfrontiert, die ihm sein Wesen entrissen. Groteske Monster zogen sein Selbstbewusstsein aus ihm heraus.
In einem Traum hat er auf einer Bühne gestanden und vor Publikum festgestellt, dass er nicht mehr tanzen konnte. Erklärungsversuche verebbten, weil ihn niemand verstand.
Nach diesem Traum hat Victor den halben Morgen mit Dehnübungen verbracht. Er stand am Bettende, mit einem Bein auf dem Fußteil und beugte sich so weit nach vorn, wie es ging. Die Sehnen im Oberschenkel ziepten und erinnerten ihn daran, dass er lange nicht mehr im Training war. Frustriert ging er so lange verschiedene Übungen durch, bis die Sonne am Himmel stand und sein Vater ihn zum Frühstück abholte.
»Heute kommt Ms Stevens.« Remus verzehrte, wie immer, ein Croissant mit Kaffee.
Victor hatte es immerhin geschafft, ein richtiges Müsli mit frischen Früchten zu bestellen. Cereal with fruits. Ms Stevens war die Therapeutin, die sein Vater vor einer Woche angekündigt hatte. War wirklich schon so viel Zeit vergangen? »Um wie viel Uhr?«
»Fünf.« Vor Remus lag ein Smartphone. Er wischte über das Display und überflog die Nachrichten in irgendeiner App, das tat er jeden Morgen. Die Gespräche fanden nebenher statt, nur selten hob er den Blick, um seinen Sohn anzusehen.
Um fünf also. Dann hätte er den halben Tag Zeit, um sich die übrigen Winkel des Grundstückes anzusehen. Die wichtigsten Räume kannte er inzwischen. Die Wege von seinem Zimmer zum Dachboden, zum botanischen Garten und zur Küche konnte er mit geschlossenen Augen zurücklegen. Nur selten verirrte er sich in andere Bereiche, denn überall waren Leute beschäftigt. Mit putzen, gärtnern oder herumwuseln.
Letzteres taten die Frauen, die sich als Remus' Freundinnen bezeichneten. Sie flanierten durch die Gänge, hingen im Pool ab oder sie führten ihre winzigen Hunde aus, von denen es unzählige gab. Kleine Plüschkugeln, mit kurzen Beinen und riesigen Glubschaugen.
Nach dem Frühstück spazierte Victor über das Gelände. Er grüßte Personen, die er wiedererkannte und stattete Mitarbeitern einen Besuch ab, um ihnen eine ruhige Schicht zu wünschen. Anschließend kümmerte er sich um seine Pflanze. Sein Zimmer war frisch gesaugt, das Bett glattgestrichen, der Wäschekorb leer und die Regale staubfrei. Der Mann, der für diesen Bereich der Villa zuständig war, kam jeden Morgen, während Victor frühstückte, um hier zu putzen. Es war praktisch, aber auch gewöhnungsbedürftig.
Neben dem grauen Blumentopf stand eine Tasse, die hatte er von zuhause mitgebracht. Irgendwann hat er sie beim Weihnachtswichteln, von einem Ballettkollegen geschenkt bekommen. Früher hat sie dekorativ in einem Regal gestanden, jetzt diente sie als Gießkanne. Im Bad füllte er Wasser ein und träufelte etwas davon in die Erde. Noch hatte sich das Blatt kaum verändert. Es steckte im Topf und existierte vor sich hin. Die Ränder waren nicht mehr verschrumpelt, das war ein gutes Zeichen.
Für eine Weile knüpfte er an die Übungen an, die er für das Frühstück unterbrochen hatte. Im Schneidersitz streckte er die Beine, um sie weiter zu dehnen. Seine Füße kribbelten, als könnten sie es kaum abwarten, wieder richtig zu tanzen. Irgendwann würde er nachgeben müssen, es brodelte in ihm. Ob er das am Sportplatz machen könnte? Das war eine große Fläche, aber dort trieben sich andauernd Personen herum. Irgendwem würde er erklären müssen, was er da tat. Ballett. Vorurteile würden zu Vermutungen führen und er müsste seinem Vater erzählen, dass er schwul war. Und dann? Wäre das wirklich so schlimm? Er zog beide Füße an seinen Körper und drückte die Knie herunter, um die Innenseiten der Oberschenkel zu dehnen. Natürlich wäre das schlimm, er würde es nicht verstehen und dann habe ich noch eine Sorge mehr. Victor seufzte. Dafür hatte er keine Kraft. Zumindest noch nicht. Das Outing musste warten.
DU LIEST GERADE
Mitternachtsgesang
FantasyAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
