Die staubigen Möbel waren immer noch mit weißen Laken verhüllt, so wie Victor sie bei seinem letzten Ausflug zum Dachboden vorgefunden hatte. Die alten Regale strotzten vor Spinnweben.
Eine Stelle in einem der hinteren Regale wies weniger Staub auf. Der Rücken des Buches, das dort zwischen den anderen steckte, war auffallend modern. Der Schriftzug war für Victor unleserlich, weil er die Sprache nicht beherrschte. Spanisch vielleicht? Er zog das Buch aus dem Regal und blätterte es auf. In der Mitte klemmte ein zusammengefalteter Zettel zwischen den Seiten.
Victor streckte den Kopf in Richtung Tür. Als er sicher war, dass niemand kam, schlich er zu einem verhüllten Sessel und setzte sich vorsichtig drauf, um keinen Staub aufzuwirbeln. Er faltete den Zettel auseinander. In geschwungenen Buchstaben kam eine eilig hingekritzelte Handschrift zum Vorschein. Der Text war in Englisch verfasst, aber einige Wörter waren falsch geschrieben. Victor musste sich konzentrieren, um den Sinn des Briefes zu verstehen.
Bonito, ich hatte -unleserlich- die Polizei. Dein Vater hat die Tatsachen verdreht und jetzt muss ich aufpassen, dass sie mich nicht abschieben. -unleserlich- deshalb habe ich ihn gebeten, dich in Ruhe zu lassen, du bist immerhin fast erwachsen. Ich glaube, er wird dich nicht ziehen lassen. Pass auf, dass er nicht -unleserlich-. Bisher dachte ich, er wäre nett, aber ich habe Angst vor ihm.
Victor kniff die Augen zusammen, um die unleserlichen Textabschnitte besser erkennen zu können. Er drehte den Zettel und variierte die Buchstaben gedanklich, aber egal, was er versuchte, die Wörter ergaben keinen Sinn. Lucy hatte Probleme mit der Polizei? Und sein Vater plante irgendetwas? Seufzend senkte Victor den Brief. Anstatt Klarheit zu schaffen, hat er ihn nur noch mehr verwirrt. Wenn er Lucy das nächste Mal sah, würde er sie darauf ansprechen müssen. Er steckte den Brief zurück in das Buch und nahm es mit in sein Zimmer.
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Gale wartete bereits auf ihn. Er stand im Bad und lugte um die Ecke. Als Victor eintrat, kam er aus seinem Versteck hervor. Er trug die grüne Badehose und einen grauen Bademantel darüber. »Geht's los?«
Victor hing gedanklich noch bei dem Brief fest. Er presste das Buch an seine Brust und spielte mit der Idee, Gale davon zu erzählen. Vielleicht konnte er die Schrift entziffern. Aber dann wäre er in eine Angelegenheit involviert, die Victor selbst kaum verstand. Nein, er würde erst mit Lucy reden. Sein Blick schweifte über den verhüllten Körper und er musste schmunzeln. Der Bademantel passte Gale und er hatte sogar irgendwo Badelatschen in seiner Größe organisiert.
»Du möchtest heute loslegen?«
Gale nickte. Unverständnis rauschte über sein Gesicht. »Wann denn wohl sonst?«
Victor deutete zum Fenster. Die Sonne verschwand als orangefarbener Farbverlauf am Horizont. »Es wird schon dunkel.« Er steckte das Buch in seine Sockenschublade und setzte sich an den Schreibtisch.
Gale schritt zum Fenster und verschränkte die Arme. »Der Pool ist beleuchtet.«
Vic biss sich auf die Unterlippe. Plötzlich brach die Erkenntnis über ihn herein. Er begriff, was es bedeutete, Schwimmunterricht zu nehmen. Sein Körper würde sich im Wasser befinden. Im Wasser. Seine Ohren rauschten. »V-vielleicht lieber morgen?«
Gale öffnete den Mund, nahm einen wortlosen Atemzug und zuckte mit den Schultern. »Dann morgen.«
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Am nächsten Tag wurde Victor von seinem Vater geweckt. Wie gewohnt stand er plötzlich in seinem Zimmer und redete auf ihn ein.
»Dein Schwimmlehrer ist da.«
Vic blinzelte benommen. Hatte er richtig gehört? »Was?« Er lugte mit verschwommener Sicht in Richtung Baum. Zwischen den Blättern war nichts Rötliches zu erahnen.
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Mitternachtsgesang
FantasíaAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
