Kapitel 50: Freiheit

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Als Remus aus der Klinik zurückkehrte, hatte er nicht nur gute Laune mitgebracht, sondern auch Diego. Einen Mann, den er während der Therapie kennengelernt hatte.

Gemeinsam mit seinem Gast saßen Remus, Victor und Gale im Esszimmer der Villa. Vic hat für die Rückkehr seines Vaters extra ein Buffet vorbereiten lassen, damit sie den Moment feiern konnten.

»Und Diego erinnert dich an mich, weil...?«

Victor musterte den Fremden mit zusammengezogenen Augenbrauen. Er hatte einen dunkelbraunen Sidecut mit schwarzen Strähnen und durch den rasierten Part seiner Frisur zogen sich feine Linien, die eine Tätowierung auf der Kopfhaut vermuten ließen. Sein Kleidungsstil war auffällig, weil er Farben miteinander kombinierte, die kein Modemagazin dieser Welt jemals empfehlen würde. Seine Hose war Lila und das Shirt gelb. Er trug das aber mit solch einer Souveränität, dass sich sogar seine grüne Sonnenbrille dem Rest zugehörig anfühlte.

Remus' Augenbrauen wanderten nach oben. Er sah Victor an, als müsste er automatisch wissen, warum Diego und er Ähnlichkeiten teilten. »Er ist auch schwul.«

»Wow.« Victor runzelte die Stirn. »Und sonst noch was?« Der schrill angezogene Gast unterhielt sich mit Gale, als würden sie sich schon seit Jahren kennen. Wie konnte man auf Anhieb auf gleicher Wellenlänge sein?

Für einen Moment wurde Remus' Blick matt und er senkte die Stimme. »Diego ist immer wieder in der Klinik, weil er bis heute darunter leidet, dass seine Eltern ihn nicht so akzeptieren konnten wie er ist.«

»Oh, also...« Vic betrachtete Diego noch einmal mit anderen Augen. Die Farben seines Outfits waren vielleicht eine Art Selbstschutzmechanismus. Oder es war einfach sein Style. Gelbe Shirts, lila Hosen und grünen Sonnenbrillen würden sich aber auch als Einzelteile nicht in Vics Schrank verirren. »Nur für mich selbst ... seine Anziehsachen haben dich nicht an mich erinnert, oder?«

Remus schien die Intention hinter dieser Frage nicht zu verstehen. »Nein.« Er schüttelte sich. »Seine Geschichte hat mich an dich denken lassen.« Er seufzte. »Mir war nicht klar, was es in jemandem auslöst, wenn er wegen seiner Sexualität ausgestoßen wird.«

Wer sind Sie, und was haben Sie mit meinem Vater gemacht? Victors Gesicht hellte sich auf. Er schenkte Remus ein Lächeln. »Du hast dich wirklich verändert.«

Remus zuckte mit den Schultern. Er schien Schwierigkeiten zu haben, Blickkontakt zu halten. »Hätte ich es früher getan, dann könntest du jetzt noch tanzen.«

»Ist schon gut.« Victor winkte ab. »Es gibt genug andere Jobs auf dieser Welt.« Er lächelte. »Die Sache mit dem Magazin macht mir ziemlich viel Spaß. Das hätte ich nicht gedacht.«

»Also kommt ihr damit gut voran?«

»Wir sind fertig. Eva hat den Probedruck in Auftrag gegeben, damit du einen Blick hineinwerfen kannst.« Langsam wurde die Sache ernst und das schürte Nervosität in Victors Magengegend. Was, wenn Remus doch noch einen Rückzieher machen würde? »Es ist ziemlich vielseitig geworden.«

Remus weitete die Augen. »Ihr seid schon fertig?«

»Na ja, mit dem Probedruck. Es hängt davon ab, was du noch für Verbesserungsvorschläge hast.« Vic richtete seine Brille und sah zu Diego herüber, weil dieser über irgendetwas lachte, was Gale gesagt hat. Mist, warum habe ich das nicht mitbekommen? Sein Augenmerk wanderte weiter zu Gale, welcher direkt einen weiteren Scherz hinterher feuerte und sein Gegenüber noch mehr zum Lachen brachte.

Diese Momentaufnahme schürte ein neues Gefühl in Victors Magengegend. Es erinnerte an Magenschmerzen und irgendwie an Trauer. War das Eifersucht? Plötzlich war es nicht mehr Diegos Kleidung, die ihm suspekt vorkam.

MitternachtsgesangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt