Victor saß am nächsten Tag neben seinem Vater in der Limousine. Es war das gleiche Auto, mit dem er vor zwei Monaten vom Flughafen abgeholt worden war. Sie fuhren raus aus Malibu, zurück nach Los Angeles. Dort befand sich die größte Agentur von Remus' Firma. Über Amerika verteilt gab es viele kleine Büros, aber die Hauptzentrale war am vielseitigsten. Dort wollte der Milliardär seinem Sohn zeigen, was seinen Reichtum begründet hat.
Victor hat am Vorabend versucht, den Ring von Gales Fuß zu entfernen, aber das Material hatte sich irgendwie mit seinem Körper verbunden. Jeder Versuch, ihn abzuziehen, hat Schmerzen bereitet, sodass er irgendwann fiepend ins Bad geflattert ist. Seitdem er sich zum letzten Mal in die Nachtigall zurückverwandelt hatte, war Gale nicht wieder zu einem Menschen geworden. Vic presste die Lippen zusammen. Warum wollte er ihm nicht sagen, wo das Haus der Vogelsammlerin stand? Irgendjemand musste den Vermissten doch helfen, bevor es zu spät war.
»Worüber denkst du nach?« Remus begutachtete seine Zähne in einem Spiegel, der vor ihm im Sitz eingelassen war und nickte, als wolle er für sich bestätigen, dass alles blendend aussah.
»Ich bin ein bisschen aufgeregt«, log Victor und sah aus dem Fenster. »Muss ich irgendetwas können?« Er umklammerte eine Tasche, die auf seinem Schoß lag. Darin befanden sich ein Notizbuch und ein Stift.
Remus lachte leise. Er winkte ab. »Du musst nur zuhören und dir alles merken.« Mit einem skeptischen Seitenblick musterte er seinen Sohn. »Und wenn dich jemand irgendetwas fragt, dann lass mich antworten.«
»Warum?« Vic zog die Augenbrauen zusammen. Hatte er Schiss davor, dass er wahrheitsgemäß antworten würde? Hallo ich bin Victor Cavea, ich bin ein schwuler Balletttänzer und ich glaube, dass ich außerdem asexuell bin. Mein bester Freund ist übrigens ein Vogel. Obwohl er über seinen Gedanken schmunzeln musste, behielt er seine nüchterne Mimik bei.
»Du kannst dann lernen, was man über sich in der Öffentlichkeit preisgibt und was lieber nicht.«
»Was gibt man zum Beispiel nicht preis?« Victor drückte die Tasche näher an sich. Kurz dachte er an Yoru, nein, Gale, der in seinem Zimmer alleine war. Vic hatte ihm erlaubt, ein Bad zu nehmen, für den Fall, dass er das Bedürfnis danach hätte. Das Badezimmer konnte man abschließen, dort würde ihn sicher niemand in seiner menschlichen Gestalt erwischen.
»Vorfälle, die nur die Familie etwas angehen zum Beispiel.« Remus spitzte die Lippen. »Dass ich dich geschlagen habe, geht niemanden etwas an. Ich habe mich entschuldigt und die Sache ist spurenlos verheilt. Es gibt also keinen Grund, darüber noch zu reden.«
Victor löste sich von seinen Gedanken und sah seinen Vater entgeistert an. Es beschäftigte ihn also doch noch. Er öffnete den Mund, im Begriff etwas zu sagen, aber Remus fiel ihm ins Wort.
»Die Sache ist geklärt.«
»Für dich vielleicht.« Victor schnaubte. Früher oder später würden sie darüber reden und in eine hitzige Diskussion verfallen. Daran führte kein Weg vorbei. Noch hatte er nicht genug Sicherheit in seiner neuen Umgebung, um sich auf solch eine Auseinandersetzung einzulassen.
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Die Agentur des Birdie-Konzerns befand sich außerhalb der belebten Innenstadt von LA. Man konnte die Skyline mit den aufragenden Hochhäusern in der Ferne sehen, aber die unmittelbare Umgebung wirkte eher schlicht. Mit niedrigen Häusern, dafür hohen Palmen und sandigen Hügeln, die sich durch die Landschaft zogen.
Inmitten der Schlichtheit wirkte das Gebäude mit dem gigantischen goldenen Käfig auf dem Dach exotisch. Birdie stand in blinkenden Lettern am unteren Rand des Käfigs. Im Innern lehnten drei übergroße Frauenstatuen, mit knappen Kleidern. Sie trugen Masken, mit kleinen Schnäbeln über der Nase.
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Mitternachtsgesang
FantasíaAls seine Mutter stirbt, muss Victor zu seinem Vater nach Amerika ziehen. In der Villa des weltbekannten Aufreißer-Milliardärs wird der Teenager mit Homophobie und Anzüglichkeiten konfrontiert. Weil er mit diesem Lebensstil nichts anfangen kann, ve...
