Kapitel 5: Die Nachtigall

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»Was für ein seltener Fund.« Der Tierarzt stand am Tisch in Remus' Arbeitszimmer und beugte sich über den kleinen Vogel.

Auf der anderen Seite standen Victor und sein Vater und beobachteten, wie der Mann seine Diagnose stellte. Mit tiefen Falten um Augen und Mund wirkte er alt, aber seine Stimme klang jung.

»Nachtigallen sind hier nicht heimisch.« Seine Lippen kräuselten sich. »Er muss einem Züchter gehören.«

Einem Züchter? Victor zog die Augenbrauen zusammen. »Ist er schwer verletzt?« Er beobachtete den winzigen Kopf und seufzte beim Anblick der unruhigen Bewegungen, die der Vogel machte. Er piepste nicht mehr, aber das bereitete ihm nur noch mehr Sorgen. Hatte er ihn zu spät gefunden?

»Die Verletzungen sind für einen Vogel untypisch.« Der Tierarzt kratzte sich am Kinn. Vorsichtig hob er den ausgestreckten Flügel und schüttelte den Kopf. »Ich vermute, dass Rippen gebrochen sind, sowas überleben solche kleinen Tiere selten.« Er zog eines der Beine nach vorne. Am unteren Ende knapp über dem Fuß, steckte ein silberner Ring.

»Kann man herausfinden, wem er gehört?« Remus lehnte mit verschränkten Armen an einem der Regale. Er hielt sein Smartphone in der Hand, aber für die Frage hat er den Blick vom Bildschirm gelöst.

Der Tierarzt schüttelte den Kopf. »Züchternummern kann man nicht orten. Sie sind nur für die Übersicht des jeweiligen Besitzers da.« Sein Blick wanderte zu Victor und er senkte die Mundwinkel. »Ich glaube, er war in einen Unfall verwickelt. Wir sollten ihn einschläfern.«

»Einschläfern?« Victor schüttelte sich. »Kann man ihn nicht gesund pflegen?«

Der Vogel flatterte mit dem unversehrten Flügel und fiepste kläglich. Der Arzt legte seine Hand über den unruhigen Körper, um ihn abzuschirmen. Das Flattern hörte auf. »Das ist zeitaufwändig und nicht erfolgversprechend.«

Vic sah abwechselnd von seinem Vater zu dem Tierarzt. »Ich habe Zeit.« Würde er es verkraften, wenn der Vogel nicht überlebte? Es nicht auszuprobieren würde ihn mehr belasten. »Ich möchte es wenigstens versuchen. Und wenn alles gut geht, dann finde ich den Züchter und bringe ihn nach Hause.«

Der Arzt zögerte. Seine schwarz-grau melierten Augenbrauen zogen sich zusammen und die Falten um seinen Mund wurden tiefer. »Hast du denn so etwas schon einmal gemacht?«

Vic holte zu einer Antwort aus, aber sein Vater kam ihm zuvor.

»Wir kümmern uns darum.« Remus stieß sich vom Regal ab und ging auf den Tisch zu. Das Smartphone verschwand in der hinteren Hosentasche. »Wenn mein Sohn sich das zutraut, kriegt er das hin.«

»Ich habe nur Standartmedikamente dabei«, erklärte der Arzt und beugte sich zu einer Tasche, die neben ihm auf einem Stuhl stand. »Er braucht Antibiotika, die müsst ihr besorgen. Schmerzmittel lasse ich hier.« Mit verzogenem Gesicht sah er Victor an. »Aber sei nicht zu traurig, wenn er stirbt.« Er holte einen Zettel heraus und notierte etwas darauf.

Vic beobachtete den Vogel. Der kleine Kopf ruhte auf dem dunklen Holz des Tisches. Die Augen fielen immer wieder zu. Sein Körper bebte unter schnellen Atemzügen.

»Ich versorge zumindest den Flügel.« Der Tierarzt kramte in seiner Tasche und zückte eine kleine Tube. Er legte sie auf den Tisch, neben das Schmerzmittel und das Antibiotikarezept, dann umfasste er die Nachtigall mit der linken Hand. Mit der rechten schob er den ausgestreckten Flügel zum Körper hin, renkte ihn nach oben und klappte ihn um, sodass er in seiner natürlichen Form neben dem Tier ruhte. Der Vogel ließ die Prozedur stumm über sich ergehen, zwischendurch versuchte er, mit dem rechten Flügel zu flattern, aber der Arzt hielt ihn fest. »Gib einen Tropfen Kleber auf die Flügelspitze.« Er sah Victor an.

MitternachtsgesangWo Geschichten leben. Entdecke jetzt