Public Enemy | Fernando Alonso x Lewis Hamilton

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Public Enemy


São Paulo, Brasilien
21. Oktober 2007



Fernando konnte es nicht glauben. Wie bekloppt konnte man eigentlich sein?
Das war sein Titel gewesen! Der dritte in Folge. Er hatte nur die Hand ausstrecken müssen und er hätte es vollbracht. Aber nein...
Sein Team hatte ihm ja unbedingt in den Rücken fallen müssen! Diese Vollidioten! Wieso verpflichteten sie ihn denn als amtierenden Weltmeister, wenn sie diesem Hamilton den Vorzug geben wollten? Das machte man einfach nicht. Zumindest nicht mit ihm!

Er wusste gar nicht, wo er mit so viel Wut hinsollte. Er war nie der Typ dafür gewesen, sein Hotelzimmer in einem Anfall von Frustration auf links zu drehen, aber momentan fehlte nicht mehr viel und hier würde einiges durch die Gegend fliegen.
Natürlich sagte er nicht, dass man junge Fahrer nicht fördern durfte und ihnen kein Vertrauen schenken sollte. Aber wieso hatten sie dann keinen durchschnittlichen Fahrer geholt, den sie an Hamiltons Seite stellen konnten? Er sprach ihm sein Talent ja auch nicht ab, sonst wären sie nach Punkten nicht gleichauf gewesen.
Aber hatte es so offensichtlich sein müssen? Er war doch von Anfang an ihr kleiner Liebling gewesen, um den Ron Dennis sich höchstselbst kümmerte.
Wann immer der Jüngere etwas brauchte, sofort sprangen alle auf, um es ihm so recht wie möglich zu machen. Das war doch krank und idiotisch! Wenn Hamilton so gut war, dann kam er auch alleine zurecht und überhaupt...

Er wollte diesen kleinen Briten gerne hassen!
Hätten sie am Anfang nicht so eine gute Zeit gehabt. In den wenigen Wochen, in denen ihm noch nicht aufgegangen war, dass sie Hamilton so sehr bevorzugten. Wäre es so geblieben, vielleicht hätten sie sich ganz gut verstehen können, aber so...
Nein. Er ließ sich doch nicht verarschen! Und für dumm verkaufen schon gar nicht...
Er war so aufgebracht, dass nicht einmal Mark dazu in der Lage gewesen war, ihn wieder ein bisschen runter zu kochen. Das wollte schon etwas heißen. Normalerweise wusste der Australier recht gut, wie man dieses vielzitierte Spanische Temperament zügeln konnte.
Vielleicht einfach, weil sie schon so verflucht lange befreundet waren? Vielleicht, weil Mark einfach der Ruhepol in seinem Leben war? Der gute Freund, der immer ein offenes Ohr hatte, ihm zuhörte, wenn er genervt war und dann wusste, was er sagen musste, damit er sich wieder besser fühlen konnte?
Das wäre durchaus möglich. Aber daran konnte er gerade keinen Gedanken verlieren.

Er musste sich überlegen, was er machen wollte. Er konnte das nicht so einfach hinnehmen, was man hier mit ihm abgezogen hatte.
Erst hatte Hamilton auf Best-Buddys gemacht, dann hatte er alles darangesetzt, ihn noch mehr in den Hintergrund zu drängen und nun stand er da und musste diesem emotionslosen Finnen dabei zusehen, wie er seinen Titel feiern durfte. Dabei konnte man das nicht gerade feiern nennen. Bedeutete dieser Titel diesem Eisblock überhaupt etwas?
Gut, es mochte sein, dass er gerade etwas ungerecht wurde, denn immerhin war nicht jeder dazu in der Lage, so auszurasten, wie er selbst, wenn er etwas unglaublich Überwältigendes vollbracht hatte, aber dummerweise wollte er gerade auch einfach ungerecht sein! Weil diese Welt zu ihm ungerecht war!
Und er würde McLaren nicht so einfach davonkommen lassen! Oh nein! Sie hatten einen Weltmeister haben wollen und es hatte harte Verhandlungen gegeben, damit er zu ihnen kam. Sie hatten ein gutes Auto zustande gebracht und er hatte sich auch mit Flavio beraten.

Wenn der Italiener sich nicht ganz sicher gewesen war, dass McLaren in dieser Saison absolut dazu in der Lage war, mit einem guten Fahrer auch Weltmeister zu werden und wenn er nicht so sicher gewesen wäre, dass ein Rookie einem Weltmeister nicht grundlos vorgezogen werden würde, dann hätte er gar nichts unterschrieben und wäre bei Renault geblieben.
Und das war nun der Dank und das Resultat. Er konnte es einfach nicht glauben. Das war nicht fair, das war einfach nur vollkommen unverständlich...
Wie konnte man nur so dumm sein? Aber es würde ihm gar nichts bringen, sich das weiter zu fragen. Er hatte diese Fragen auch Mark schon gestellt und der hatte ihm darauf ebenso wenig eine Antwort geben können.
Dann war es wohl an der Zeit, dass er handelte und er wusste auch schon, was er tun würde. Auch, wenn er wusste, dass das ein gefährlicher Schritt sein konnte. Er wusste, welche Konsequenzen das haben konnte und ganz sicher auch haben würde.

Er wusste, dass das sein Ansehen ankratzen konnte, weil man ihn dann einen Verräter nannte. Nun, er war lieber ein Verräter, als ein dummer Narr, der sich anderen unterordnete, so viel stand schon einmal fest.
Er wusste auch, dass er bei McLaren keine Zukunft mehr haben würde, wenn er das durchzog und sich für immer eine Tür schloss. Er schnaubte bei diesem Gedanken. Was sollte er denn noch bei einem Team, dass ihn derart hinterging? Für so einen Rennstall wollte er doch überhaupt nicht mehr fahren.
Er wusste ebenso, dass es nicht abzusehen war, wie die FIA entscheiden würde, wenn er ihnen sagte, was er vorhatte ihnen mitzuteilen. Er könnte dabei selbst eine ganze Menge verlieren, aber das war ihm in diesem Moment vollkommen egal.
Wenn McLaren ihn dermaßen fallenließ, wenn sie ihm das nahmen, wofür er die ganze Saison gekämpft hatte, nur, weil sie dumme Idioten waren, die dachten, dass Hamiltons rührselige Kindheitsgeschichte besser vermarkten konnten, dann würde er sie mit in den Abgrund reißen.

Ja, er hatte es selbst gehört, wie unglaublich faszinierend es alle fanden, dass der kleine Hamilton schon vor Jahren Ron Dennis getroffen und ihm erzählt hatte, dass er eines Tages für ihn Rennen fahren wollte. Dagegen sprach doch auch nichts, aber sie konnten deswegen nicht einen Weltmeister um seinen Titel bringen!
Alles, was ihm eine Art Genugtuung war...
Hamilton hatte den Titel am Ende selbst weggeworfen. Gut, er selbst hatte seine Position leider auch nicht entscheidend genug verbessern können, aber zumindest hatte er nicht wie Hamilton gleich seinen ganzen Boliden ausgeschaltet, vor so viel Aufregung.
Er konnte nur hoffen, dass ihm dieser Fehler wehtat, dass es ihn schmerzte und dass er für den Rest seines Lebens daran denken musste. Das wäre zumindest der Ansatz von Gerechtigkeit!

Wie sehr er sich in diese Gedanken bereits hineingesteigert hatte, fiel ihm schon gar nicht mehr auf. Und auch Marks Worte drängte er in den Hintergrund, denn bevor der Australier gegangen war, hatte er ihm noch eines gesagt...
„Nando, bitte... Mach keine Dummheiten, deswegen, ja?"
Wieder schnaubte er, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schüttelte fassungslos den Kopf, denn er konnte noch immer nicht glauben, dass dieser Alptraum hier wirklich passierte.
Und wieso sollte er keine Dummheiten machen? Die hatte sein Team angezettelt und alles, was er tat, wäre nur die natürliche und unabdingbare Reaktion darauf. Er würde sie nicht so davonkommen lassen, denn dafür wusste er zu viel.
Sie hätten es vor ihm besser geheim halten sollen, aber...

Er wusste, dass McLaren Ferrari ausspioniert hatte.
Aus diesem Grund war ja bereits vor der Saison klar gewesen, dass sie so gut sein würden. Flavio hatte da etwas angedeutet und der Verdacht hatte sich bestätigt. Gut, es war vielleicht etwas perfide, einen Wechsel vorzunehmen, wenn man derartige Details kannte, aber...
Das hier war die Formel 1 und hier war jeder sich selbst der nächste. Was sollte er denn sonst machen? Sein Wissen nicht nutzen und keine Titel mehr gewinnen? Das stand doch gar nicht zur Diskussion! Er wusste, was er konnte und er vertraute seinen Fähigkeiten.
Vielleicht mehr, als jeder andere Fahrer, aber das machte ihn so gut.
Er wusste, was er leisten konnte und er wusste, wie er aus dem Auto immer das Optimum rausholte. Er sah es nicht ein, sein Talent zu schwenden, um so etwas wie Anstand auszuleben, vor Menschen, denen dieses Wort so fremd war, dass sie vermutlich nicht einmal wussten, wie man es schrieb!

Er würde zur FIA gehen.
Er würde ihnen erzählen was er wusste.
Er würde McLaren vollkommen auflaufen lassen.
Er würde alle Konsequenzen in Kauf nehmen.
Er würde sich niemals besiegen lassen!

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