Without Words | Daniel Ricciardo x Charles Leclerc

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Without Words


Istanbul, Türkei
15. November 2020



Er hob den Blick. Fragend. Wie hatte Daniel ihn hier gefunden?
Der Australier hob die Schultern und lächelte. Innere Eingebung.
Er musste ein wenig lächeln. Nickte. Senkte den Blick wieder. Was sollte er auch sagen?

Dieses Rennen war eine absolute Katastrophe gewesen, wenn man den Start und den Schluss betrachtete. Alles dazwischen war so gut, dass der Rest wirklich schmerzte. Klar, er wusste, dass es seinem mental angeschlagenen Teamkollegen guttat, aus seinem Tief rauszukommen, aber was zur Hölle hatte er denn bitte davon? Das konnte ihm nun wirklich egal sein.
Hatte er denn nicht genauso schwer mit seinem verdammten Ferrari zu kämpfen? Dieser unfahrbaren Möhre, die ihnen die Pioniere unter den Ingenieuren ernsthaft als Rennwagen verkaufen wollten? Zugegeben, die Saison hatte sich alles in allem nicht ganz zu dem Desaster entwickelt, welches man nach den ersten Rennen noch befürchtet hatte, aber sie waren immer noch weit davon entfernt, auch nur ansatzweise das Wort „Gut" in den Mund zu nehmen. Seit Februar war ihm klar, dass es dieses Jahr eine gewaltige Enttäuschung geben würde, aber nichts hätte ihn auf die Realität vorbereiten können.
In dem Moment, in dem man seine Unterschrift unter einen Ferrari-Vertrag setzte, erwartete man vieles, aber nicht das, was Vettel und er diese Saison durchlebten. Ferrari mochte zwar für Emotionen stehen und strenggenommen waren Brechreiz und Mordlust ja auch Gefühle, allerdings längst nicht welche, die man mit den Roten gewöhnlich in Verbindung brachte.

Er seufzte, schüttelte erneut den Kopf, war ratlos. Es war sein dummer Fehler gewesen.
Daniel sah in seine Richtung, ihre Blicke trafen sich. Er hatte es in der letzten Runde riskieren müssen.
Wieder lächelte er. Daniel verstand ihn. Ganz ohne, dass er es ihm sagen musste. Eine Runde mehr und er hätte sich Zeit lassen können.
Auch auf dem Gesicht des Älteren erschien ein sanftes Schmunzeln. Ein Kopfschütteln folgte. Unnötig, jetzt noch darüber nachzudenken.
Tatsächlich brachte Daniel dazu, leise zu lachen, auch wenn ihm gerade gar nicht danach zumute war.

Der Australier half ihm, nicht immer alles zu ernst und zu verbissen zu sehen. Auch mal loszulassen, sich fallen zu lassen. Am liebsten in Daniels Arme. Natürlich nicht hier. Auch wenn sie hier einen recht passablen Rückzugsort gefunden hatten, sollten sie mit dem Kuscheln lieber noch ein bisschen warten. Trotzdem war es schön, dass Daniel ihn hier gefunden hatte.
Augenscheinlich kannte der Ältere ihn wirklich schon besser, als er gedacht hatte, ahnte, wann es ihm schlecht ging und wohin er sich dann zurückzog und so sehr Daniel einen mit seiner grenzenlosen Liebe und Begeisterung auch erdrücken konnte, er wusste genauso gut, wann er nur da sein musste. So wie jetzt. Als er nur hier saß und seine Augen ihm verrieten, dass er alles wusste, was er wissen musste und seine Anwesenheit, dass er für ihn da war.
Mit Daniel hatte er jemanden gefunden, der ihm auch Ruhe und Sicherheit vermitteln konnte. Etwas, was er nicht geglaubt hatte, ausgerechnet bei ihm zu finden. Der Australier war in der Tat so viel mehr, als er von sich zeigen wollte und dass ausgerechnet er das Glück hatte, es zu erfahren, war ein wirklich schönes Gefühl. Es rief dieses spezielle Kribbeln in ihm hervor...

„Charles?", riss Daniel ihn irgendwann aus seinen Gedanken und brachte ihn einmal mehr dazu, ihm in seine braunen Augen zu sehen. Voller Vertrauen.
„Ja?"
Als Daniel kurz zögerte, war er schon fast dazu geneigt, ihn ein wenig zum Reden zu drängen, aber das musste er glücklicherweise gar nicht. Der Australier verriet es ihm auch ohne Aufforderung. „Egal, wo du hingehst. Ich find dich immer. Nur, dass du das weißt."
Und kaum hatte Daniel das gesagt, breitete sich wieder dieses typische Grinsen auf seinen Zügen aus. Als würde er jemals vor seinem Lieblings-Aussie weglaufen wollen.
„Ist das jetzt eine Drohung oder ein Versprechen?", fragte er amüsiert und brachte seinen Freund damit ebenfalls zum Lachen.
„Vielleicht ja Beides", behauptete dieser und es tat gut, dass sie trotz dieses eher bescheidenen Tages doch irgendwie das Lachen nicht völlig verloren.
Klar war das alles Mist und er könnte sich immer noch in den Arsch beißen für die letzte Runde, aber ändern konnte er es nun einmal auch nicht. Die Welt würde sich trotzdem weiterdrehen und Daniel lief ihm auch nicht schreiend Weg, weil er sein Rennen vergeigte. Das war zumindest etwas, womit er sich für den Moment trösten konnte.

„Hey... Immerhin kann dir keiner mehr vorwerfen, dass du nichts zum Teambuilding beitragen würdest", scherzte Daniel schließlich und brachte ihn dazu, ihm gegen die Schulter zu boxen.
„Gar nicht witzig", versetzte er, musste aber trotzdem belustigt schnauben. Als würde er wirklich freiwillig was dafür tun, um seinen Teamkollegen mental zu stärken. Nicht, wenn es ihm selbst einen solchen Nachteil brachte und ein Podium kostete!
„Aber du lachst. Und nur das zählt", meinte sein Freund und damit hatte er vermutlich auch recht. Es tat einfach gut und wenn er so darüber nachdachte, war es ihm inzwischen auch fast schon wieder egal.
Langsam richtete er sich auf. „Gehen wir heute zu mir oder zu dir?", wollte er also das wirklich wichtige für den heutigen Abend wissen.
Wenn es auf der Rennstrecke schon nicht so laufen wollte, wie sie es sich erhofft hatten, dann konnten sie ja wenigstens aus dem Rest des Abends noch etwas Gutes machen. Das sollte ihnen gemeinsam schließlich nicht allzu schwerfallen.


⊱☆⊰


Charles' Gesichtszüge wurden mit jeder Minute weicher, die sie miteinander verbrachten.
War er vorhin noch so verbissen am Grübeln gewesen, woran es heute gehapert hatte, wo seine Fehler waren und warum er nicht einfach alles hatte richtig machen können, war er jetzt endlich ganz bei ihm, so wie es sein sollte. Das gehörte in ihrem Beruf dazu und sie könnten vermutlich ewig darüber aufregen und ärgern, was alles nicht funktionierte, wo sie besser hätten sein müssen.
Aber es standen noch drei Rennen aus und in denen würde Charles all seine Konzentration brauchen. Und der beste Weg dahin war, dieses Rennen so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Er wusste, dass der Jüngere damit oft Probleme hatte, dass es ihm schwerfiel, sich daran nicht festzubeißen, seine Fehler knallhart zu analysieren und darauf herumzureiten.
Aus diesem Grund versuchte er alles, um dem etwas entgegenzuwirken. Ihm Ablenkung zu verschaffen, ihm zu zeigen, dass es nichts daran änderte, dass er ein hervorragender Rennfahrer war. Er würde nicht zulassen, dass sein Freund an sich zweifelte oder sich mehr als nötig über sich selbst aufregte. Das war verschwendete Energie. Die konnte man viel sinnvoller nutzen. Zumindest war das der Plan.

„Du könntest dich auch ein bisschen mehr entspannen", murmelte der Monegasse irgendwann in seinen Armen, schon halb im Schlaf, was ihm das gute Gefühl gab, dafür gesorgt zu haben, dass es dem Jüngeren wieder gut ging.
„Findest du, dass ich so angespannt bin?", hakte er also nach. Das war ihm selbst überhaupt nicht aufgefallen. Nach seiner Auffassung hatte er sich doch voll und ganz auf Charles konzentriert. Dieser stützte sich nun auf dem Ellenbogen ab, damit er ihn ansehen konnte. Es war unmöglich, ihm etwas vorzumachen. Wenn Charles ihn so ansah, war da dieser Impuls, ihm alles zu sagen, was in seinem Herzen vor sich ging.
„Denkst du echt, dass mir entgangen ist, wie du dich über dein eigenes Rennen geärgert hast?", wollte Charles ein wenig verständnislos wissen. Okay, so gut sollte er den Jüngeren wohl tatsächlich kennen. Vermutlich hatte so ziemlich jeder Fahrer die gigantische Facepalm sehen könnten, die er sich bereits in dem Moment selbst verpasst hatte, als er sein Opossum von einem Teamkollegen quer über die Strecke geschmissen hatte.
„I believe I can fly", stimmte er also in etwas schrägem Ton an und brachte Charles damit direkt wieder zum Lachen und lenkte auch erfolgreich davon ab, über den Ausgang des Rennens zu reden.

Ein weiterer Grund, sich in Charles zu verlieben, war wohl definitiv, dass er vor seinem schiefen Gesang nicht flüchtete. Nicht, dass er Töne nicht auch treffen konnte, aber es machte viel zu viel Spaß, sie leidenschaftlich zu verhauen. Das brachte die Leute nämlich viel eher zum Lachen und das war etwas Schönes.
Genauso, wie einfach hier zu liegen und es zu genießen, dass sie einander hatten. Noch viel besser war die Aussicht auf die kommende Woche. Da hatten sie auch ein paar Tage Zeit füreinander. Ihr Leben war also dichter an perfekt, als an einer Katastrophe, also schlang er seine Arme noch etwas fester um Charles, sah zu, dass er die letzten Strophen des Songs noch mehr versemmelte, als ohnehin schon und...
„Daniel?", wurde er von dem Monegassen unterbrochen, der den Kopf wieder auf seiner Brust abgelegt und damit begonnen hatte, unsichtbare Linien mit den Fingern über seine Haut zu malen.
„Hm?" So langsam hörte er sich auch ein wenig verschlafen an.
„Kannst du mir einen Gefallen tun?", wollte der Jüngere wissen und das ließ ihn nun doch aufhorchen. Das war keine typische Frage, die Charles ihm stellte. Eher etwas, was ganz selten mal vorkam und dem er deshalb auch etwas mehr Bedeutung beimessen wollte.

„Welchen denn?", fragte er interessiert.
„Für den Fall, dass wir mal Kinder oder sowas haben", setzte Charles an und er musste unweigerlich wieder grinsen bei diesem Gedanken. Darüber hatten sie eher spaßeshalber schon mal gesprochen, aber natürlich nie ernsthafte Pläne gemacht. Zum einen, weil das nicht so einfach war, zum anderen, weil es dafür auch noch etwas früh war.
„Wann immer du bereit bist", konnte er es nicht lassen, seinem Freund ins Wort zu fallen, der ihm dafür kurz in die Seite knuffte, ehe er unbeirrt fortfuhr.
„Falls es tatsächlich so sein sollte, musst du mir was versprechen."
„Na schön. Fast alles was du willst", stimmte er schon halb zu, denn wenn er eins aus Erfahrung wusste, dann, dass Charles' Urteilsvermögen nicht das schlechteste war.
„Bitte sing ihnen nichts vor. Schon gar nicht den Scrotum-Song oder so einen Scheiß", bat Charles ihn und brachte ihn erneut dazu, in schallendes Gelächter auszubrechen.

„Charles... Ich kann dir vieles versprechen, aber das mit Sicherheit nicht."

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