Scars
Malaysia
1. Oktober 2017
Max
Seine eigene Siegesfeier hatte er früher verlassen.
Das war ein unglaublicher Erfolg und er genoss das wirklich. Diese Mercedes-Dominanz war erdrückend und jeder kleine Stich, den sie setzen konnten, war eine Genugtuung. Zwar konnte Ferrari die Silbernen etwas herausfordern, aber er glaubte nicht, dass Hamilton sich diesen erneuten Titel noch nehmen lassen würde. Vettel bekam es einfach nicht hin, verlor ständig die Nerven und ebnete dem Briten den Weg zum Titel.
Eigentlich könnte Hamilton sich im Anschluss bei Vettel bedanken, dass er es ihm so leicht machte und an den starken Tagen der wahren Konkurrenz wertvolle Punkte wegnahm. Aber über das alles wollte er gar nicht nachdenken, denn alles was er machen konnte war, das Beste aus seinem eigenen Wagen rauszuholen und darum zu kämpfen, dieses Team da hin zu bringen, wo es eigentlich stehen sollte.
Er hatte sich in den letzten zwei Jahren nur auf seine Karriere konzentriert. Keine Ablenkungen, nur harte Arbeit und es war oft so frustrierend, dass sie Mercedes damit scheinbar kein Stück näherkamen. Er opferte wirklich alles, was er konnte. Nicht nur deswegen. Er wollte Großes vollbringen und kämpfte auch darum, endlich ernstgenommen zu werden. Ein paar begriffen es sogar so langsam.
So viele belächelten es.
Ein Siebzehnjähriger in der Formel 1. Das hatte sie gestört und da war selbstverständlich auch viel Neid dabei gewesen. Neid...
Dabei war er so oft neidisch auf andere. Was sie haben konnten. Es gab Tage, da wäre er bereit mit fast jedem zu tauschen, damit er mal ein Stück Normalität spüren könnte. Alle stellten sich sein Leben so toll und großartig vor und das war es über weite Strecken bestimmt auch. Aber es gab auch so viele Dinge, die falsch liefen und von denen er manchmal auch nicht wusste, wie er sie bewältigen sollte.
Wenigstens hatte er Christian, der immer ein offenes Ohr für ihn hatte und ihn tatsächlich in allem unterstützte. Mehr, als sein eigener Vater es in seinem Erfolgswahn je getan hatte. Doch sein Teamchef war eben auch ein Teil seiner Probleme, denn an diesen unerklärlichen Gefühlen hatte sich in den letzten zwei Jahren auch nichts geändert. Er würde nicht sagen, dass er verliebt war. Das wäre nicht genug um es zu beschreiben. Verliebt war man, wenn man diese leichte Aufregung und dieses Kribbeln verspürte und jemanden näher kennenlernen wollte. Über dieses Stadium war er schon lange hinaus.
Wann immer er Christian anvertraut hatte, wie sein Leben bisher ausgesehen hatte, ihm von den schrecklichen Methoden seines Vaters erzählte und all den anderen Sorgen, die ihn nachts wachhielten, hatte er ihn näher kennengelernt. Er wusste, mit welchem Menschen er es zu tun hatte und dass er sich sehr viel mehr als ein gutes Arbeitsverhältnis zwischen ihnen wünschte. Das war genau das, was er als Liebe bezeichnen würde, nur...
Christian ließ sich nicht auf ihn ein und das machte ihn wahnsinnig!
Er war so früh verschwunden, um seinen Teamchef mal wieder auf dessen Hotelzimmer aufzusuchen. Er wusste, dass es spät war und dass er vermutlich schon wieder zu viel gearbeitet hatte und müde war. Er sollte ihn in Ruhe lassen, aber er sehnte ich eben auch jedes Mal nach ihm. Das konnte er nicht gut in Worte fassen.
Klar, die Feier war riesig und das Team wollte dabei ja logischerweise auch noch seinen Geburtstag von gestern nachfeiern. Eine Zeit lang hatte er sich von all den Menschen auch ablenken lassen können, aber das funktionierte irgendwann nicht mehr. Er brauchte das alles nicht. Nicht diese ganzen Menschen, nicht diese laute Musik oder den Alkohol. Nichts davon. Was er wirklich brauchte, bekam er leider nicht, so sehr er es auch wollte.
Fast rechnete er schon damit, dass Christian bereits schlief, dass er zu erschöpft war, denn er brauchte etwas länger als üblich, um ihm die Tür zu öffnen. Überrascht war er hingegen nicht über den späten Besuch und falls doch, konnte er es sehr gut verbergen. Er entschuldigte sich natürlich dafür, versuchte sich an einer unnötigen Begründung.
Eigentlich brauchen sie nicht sehr viele Worte, um einander zu verstehen und auch das sorgte dafür, dass die Anziehungskraft seines Empfindens nach immer stärker wurde. Vielleicht war das auch der Grund, warum er nicht einfach an Ort und Stelle stehen blieb oder sich schon setzte, als Christian ihn zwar fragte, ob er was trinken wollte, aber aus reiner Gewohnheit sowieso schon losging, um zwei Gläser zu holen.
Er zögerte, konnte dann aber wirklich nicht mehr anders, folgte ihm und schlang von hinten die Arme um ihn, suchte diese Nähe, die er seit einer gefühlten Ewigkeit wollte, aber nicht bekommen konnte.
„Hast du dir das immer noch nicht aus dem Kopf geschlagen?", wurde er direkt gefragt und spürte den leichten Widerstand, der sich in dem anderen direkt wieder aufbaute.
Er wusste, wie Christian dazu stand und dass er nicht nachgeben wollte. Er verstand die Gründe und er wollte ihn auch nicht in eine schwierige Lage bringen. Aber er konnte doch auch nichts für seine eigenen Gefühle. Sie änderten sich eben nicht und ließen sich auch nicht abschütteln. Er hatte versucht, Männer in seinem Alter kennenzulernen, nur interessierten die ihn eben nicht auf diese Art und Weise.
„Ich bin kein Teenager mehr", warf er also mal mutig ein, als Christian seine Umarmung auflöste und sich zu ihm umdrehte. Was hatte er zu verlieren, mit diesem Argument zu kommen? Er war gestern immerhin zwanzig geworden.
„Ja. Gerade so eben", entgegnete Christian ihm und ließ ihn innerlich seufzen.
„Also ich finde, Alter ist nur eine Zahl. Was spricht denn dagegen? Nur der Altersunterschied? Nur die Angst, dass du mich bevorzugen könntest?" Denn er erinnerte sich, dass Christian das auch einige Male angefügt hatte. Dass er nicht wusste, ob er professionell bleiben könnte, wenn sie eine Beziehung miteinander anfangen würden.
„Meine Frau, meine Kinder", kam sein Teamchef jedoch direkt mit der Erklärung, gegen die er einfach keine Chance haben konnte. Er mochte Christian ja vielleicht ein paar Dinge geben können, die er von seiner Frau nicht bekam, doch er hatte eben Kinder.
„Schon klar, aber die Gefühle sind da. Das kannst du nicht leugnen. Willst du wirklich nicht dazu stehen?" Er wusste, dass er verzweifelt klang und dennoch konnte er es nicht lassen, es einmal mehr zu versuchen.
„Nein, das möchte ich nicht. Wir reden nicht von zehn Jahren, wir reden von vierundzwanzig. Wir reden davon, dass du etwas mit deinem Chef anfangen willst, in einem Business, in dem man niemals alleine ist. Und wir reden davon, dass ich meine Frau dafür verlassen würde", erinnerte Christian ihn wieder an alles, woran er einfach nie denken wollte.
„Sie müsste es nicht wissen", probierte er es weiter, doch so war sein Teamchef nicht und das wusste er selbst auch. Das würde er nicht leichtfertig tun. Zumindest nicht noch einmal. Er wusste nicht ganz genau, ob er seine erste Frau damals mit seiner aktuellen betrogen hatte, nur wusste Christian definitiv, was eine Trennung nach sich zog. Er hatte schon eine Tochter, seine neue Frau hatte eine Tochter und gemeinsam waren sie Anfang des Jahres Eltern geworden.
Dass Christian ankommen und einfach ein normales Familienleben führen wollte, konnte er ihm nicht verdenken. Er kam sich furchtbar egoistisch dabei vor, ihn ständig darum zu bitten und es zu versuchen. Er war selbst hin und hergerissen, aber all das zu wissen, tat seinen Gefühlen nun einmal auch keinen Abbruch.
„Das werde ich erstrecht nicht tun. Ich werde sie nicht betrügen", lauteten die Worte, die er schon so oft gehört hatte und die leider immer noch genauso schmerzten, wie beim ersten Mal. Wie immer eine Zurückweisung. Er sollte es wirklich lassen.
Konnte er aber nicht.
„Willst du sie denn noch?"
„Ich will die Krise mit ihr überwinden, die wir gerade haben. Also ja. Ich will sie immer noch."
Verdammt! Das war ja auch vernünftig und das konnte er Christian gar nicht vorwerfen und dennoch machte ihn diese Haltung wahnsinnig.
„Und mich willst du auch. Ist doch so?" Er wusste, dass diese Fragen einen unfairen Beigeschmack bekamen. Er sollte ihn nicht unter Druck setzen, nur fiel es ihm so schwer, sich jetzt zu bremsen.
Er war es doch von klein auf gewohnt um das zu kämpfen, was er wollte.
„Ja, das ist so."
„Aber mich kannst du enttäuschen", platze es aus ihm heraus und obwohl er genauso sehen konnte, dass er Christian damit zurecht verärgerte, blieb dieser nachsichtig mit ihm. Das war eine dieser Eigenschaften, die er ja so toll an ihm fand.
„Max, nicht auf diese Art. Das führt zu nichts", wurde er liebevoll und nachdrücklich zugleich erinnert. Er sollte an dieser Stelle wirklich mal etwas zurückrudern und sich besser fangen, nur er konnte es nicht. Es tat weh und er wusste nicht, wie er ans Ziel kommen sollte.
„Es führt sowieso zu nichts. Weil es dir peinlich wäre, mit einem Zwanzigjährigen rumzumachen", unterstellte er, was Christian zwar nicht aus der Ruhe brachte, aber durchaus dazu, selbst etwas drastischer in seiner Wortwahl zu werden.
„Nicht peinlich, aber mich als Kinderschänder bezeichnen lassen zu müssen, sollte das irgendwie rauskommen, ist nicht gerade angenehm."
„Ja... Scheiße..." Er raufte sich die Haare, lief im Hotelzimmer auf und ab und wollte an dieser ganzen Misere einfach verzweifeln. Auf der Strecke konnte er um seine Position kämpfen, nur hier fühlte es sich immer an, als würde er von vornherein nicht den Hauch einer Chance haben. „Das weiß ich doch auch und ich würde nie wollen, dass irgendjemand sowas über dich schreibt oder so denkt."
„Das werden sie aber tun, Max. Gibt es auch nur das kleinste Gerücht darüber, bin ich erledigt. Das kostet mich dann mein Image und meinen Job."
Nichts, als die knallharte und ungeschönte Wahrheit.
„Das sehe ich auch ein. Ich will dich ja gar nicht unter Druck setzen. Ich will ja nur, dass du weißt, wie ernst es mir damit ist", probierte er irgendwie verständlich zu machen, in was für einer beschissenen Lage er sich befand. Wahrscheinlich sah Christian ihm das ohnehin an.
Ihm war niemals jemand begegnet, der so genau verstehen konnte, was mit ihm los war. Er hatte sonst niemanden, mit dem er so reden konnte und der ihm tatsächlich das Gefühl geben konnte, nicht alleine und nur auf sich gestellt zu sein. Dass er an seinem Leben überhaupt auch so viel Freude finden konnte und nicht völlig vom Ehrgeiz zerfressen war, war ganz alleine Christians Verdienst.
„Das weiß ich. Aber es funktioniert nicht. Wir können das einfach nicht tun. Es gibt Grenzen für uns", wurde er weiter nur an das erinnert, was er am liebsten nicht wahrhaben wollte. Er hatte Grenzen immer gehasst und stets gelernt, diese zu überwinden. Sie nun einhalten zu müssen, fiel ihm schwer.
„Die wären mir aber egal." Das mochte zwar trotzig klingen, doch der Satz kam ihm keineswegs so unüberlegt über die Lippen, wie man wohl vermutete.
„Würdest du das hier alles dafür hinwerfen, nur damit wir ausbrechen und tun können, was immer wir wollen?"
Möglicherweise sollte er das lieber verneinen. Er lebte hier ein wahres Privileg, den Traum, den so viele Menschen da draußen hatten. Er kam sich undankbar vor, es so selbstverständlich hinschmeißen zu wollen, um mit einem Mann durchzubrennen, der locker sein Vater sein könnte. Doch er wurde gefragt und er wollte ehrlich bleiben.
„Ich würde ja sagen, aber das glaubst du mir sowieso nicht", hob er enttäuscht die Schultern.
Er konnte tun, was er wollte und immer wieder dagegen argumentieren, aber Christian war nun einmal reifer, vernünftiger und hatte so viel mehr Weitblick. Da kam er mit seinen jugendlichen Idealen halt nicht soweit.
„Das fällt mir schwer, weil ich genau weiß, was du alles dafür getan hast, dass du heute hier bist", wurde ihm erklärt, was ihn den Kopf schütteln ließ.
„Du weißt nicht alles. Ich hab dir nicht alles gesagt." Seine Stimme wurde ganz dünn, als er das sagte. Selbst nach zwei Jahren gab es viel, was er Christian noch nicht hatte erzählen können. „Du... Du weißt einfach nicht, was mein Dad mir alles angetan hat und dass..."
Shit! Jetzt schossen ihm auf einmal die Tränen in die Augen. Er hasste das. Er kam sich dabei immer so dumm und schwach vor.
„Es ist okay. Lass das alles raus", meinte Christian allerdings ruhig und brachte ihn dazu, sich wenigstens endlich mit ihm hinzusetzen.
„Es ist... Weißt du... Ich hab es manchmal so gehasst", gab er nun ehrlich zu und bemühte sich dennoch, seine Tränen wieder zurückzudrängen. „Alles, was ich tun musste. Ja, ich wollte das alles hier, aber ich hab es an einigen Tagen sehr gehasst. Es gab auch andere Dinge, die ich machen wollte, aber ich hätte ihn damit enttäuscht und er war so ein Wichser, wenn er von mir enttäuscht war."
Da kam so viel wieder hoch.
Er wollte stark sein. Er wollte das nicht mehr an die Oberfläche lassen, nur ertrug er dieses Schweigen nicht länger. Nie hatte er es irgendwem sagen können. Immer musste er das alles mit sich aus machen. Er hatte sich so oft selbst die Schuld gegeben und stumm alleine gelitten. Das hielt er nicht mehr aus.
„Er hat dich missbraucht, oder?", zog Christian allerdings die richtigen Schlüsse, auch ohne, dass er es ihm erklären musste. Er war so froh, dass er diese Dinge verstand und ihn niemals zwang, mehr zu sagen, als er über sich bringen konnte.
Er konnte nicht anders, als sich in die Arme des anderen zu flüchten. Wo sollte er denn damit hin? Es gab keine engen Freunde oder anderen Familienmitglieder, denen er das erzählen könnte. Er war damit immer komplett alleine.
„Das darf keiner wissen. Der bringt mich um!", sprudelte es noch immer verzweifelt aus ihm heraus und doch ließ diese Nähe ihn auch wieder etwas ruhiger werden.
„Als ob ich das zulassen würde", wurde ihm von Christian versichert und er wusste, dass er sich auf ihn immer verlassen konnte. Ganz egal, worum es ging oder wie schwer es wurde. Ob sie zusammen waren oder nicht, aber in ihm hatte er den einen Menschen, bei dem er ganz so sein konnte, wie er war.
„Er... Er soll endlich aufhören, sich in mein Leben einzumischen. Er soll damit aufhören. Ich will das alles nicht mehr. Er soll nicht mehr hier sein. Ich kann einfach nicht mehr."
Er ertrug es wirklich nicht mehr. Sein Vater kam zu nahezu jedem Rennen mit, kontrollierte alles was er machte, mischte sich in alles ein. Das war so anstrengend und er musste immer funktionieren. Er wollte endlich selbstständig sein und seinen eigenen Weg gehen. Und glücklicherweise war er damit auch diesmal nicht alleine.
„Das kriegen wir schon hin. Das verspreche ich dir."
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Grid Tales
Fanfiction⊱ Wie sieht so eine Teambesprechung mit der FIA aus? Auf welche Art und Weise haben Nico und Lewis sich früher so duelliert? Was ging bei Checos Marketingtermin so gehörig schief? Was versteht man unter einem kleinen brasilianischen BBQ? Eine bunte...
