Pulsschlag | Daniel Ricciardo x Charles Leclerc

224 10 2
                                        

Pulsschlag


Monaco
23. Mai 2021



Er hasste diese beschissene Dreckskarre! Dieses Auto hatte sich komplett gegen ihn verschworen und das war eigentlich noch eine Untertreibung. Er seufzte innerlich, denn ihm wurde langsam bewusst, dass der größte Feind in diesem Jahr der eigene Bolide war und das... Das war richtig ätzend! Ihm war es wichtig, dass er Vertrauen in sein Auto setzen konnte, dass er einen Zugang dazu hatte, auch wenn das seltsam klang, aber er baute da schon eine starke, emotionale Bindung auf. Wie eigentlich überall im Leben.
Ohne eine Vertrauensbasis funktionierte bei ihm nichts und er bewunderte andere Piloten wirklich dafür, wenn sie auch mit weniger Harmonie zum Auto noch in der Lage waren, vergleichsweise gute Ergebnisse einzufahren. Alonso zum Beispiel hatte Jahre lang einen mehr als mäßigen Ferrari steuern müssen und damit trotzdem zweimal um Haaresbreite nur die Weltmeisterschaft verpasst.
Klar, man konnte jetzt immer sagen, dass sich auch die Zeiten geändert hatten, dass es nun, da Mercedes seit sechs Jahren die Formel 1 dominierte solche Wunder halt nicht möglich waren, aber das interessierte ihn nicht. Es ging ja nicht zwingend darum, unbedingt Hamilton zu schlagen. Er müsste schon ganz merkwürdige Substanzen zu sich nehmen, um an einen ernsthaften WM-Fight mit ihm zu denken. Nein, was ihn nervte war, dass er mit dem was er hatte nicht vernünftig arbeiten konnte.

Dass er erst aufholen musste, war ihm hingegen klar gewesen. Er fuhr ja auch nicht erst seit gestern in der Formel 1 und dass man immer einen kleinen Vorteil hatte, wenn man bereits in einem Team etabliert war, wusste er auch. Und McLaren hatte in den vergangenen Jahren wirklich aufgeholt. Das war unter Alonso und Button noch nicht abzusehen gewesen, von daher hatte er auch verstanden, dass Hülkenberg das damalige Angebot von McLaren abgelehnt hatte.
Zu dieser Zeit war er im eigenen Team besser aufgestellt gewesen und wie sich das alles entwickelte, das konnte eben keiner von ihnen voraussehen. Im vergangenen Jahr hatte sich dann aber gezeigt, dass mit McLaren durchaus wieder zu rechnen war, also hatte er nach Carlos' bekanntgegebenem Wechsel nicht denselben Fehler machen wollen, denn dass es bei Renault nicht mehr weiter nach vorne gehen würde, hatte sich intern abgezeichnet. Und ehrlich, wer würde nicht in ein Team wechseln, welches unter dem Strich als besser galt?
Doch wie sich die Technik anfühlte, wie gut man mit ihr zurechtkam, das zeigte sich eben erst dann, wenn man im Cockpit saß und für seine eigenen, fahrerischen Bedürfnisse, war der McLaren das reinste Desaster. Während der Bolide auf seinen Teamkollegen perfekt abgestimmt war, war es für ihn selbst so, als würde man ihm die Augen verbinden, Kopfhörer aufsetzen und eine Hand auf den Rücken binden und dann erwarten, dass er damit eine vernünftige Zeit aufs Tableau brachte.

Also zum Scheitern verurteilt. Das waren finstere Aussichten und er merkte, dass er langsam wieder eine ähnliche Unzufriedenheit spürte, wie zuletzt bei Red Bull. Es war eben nicht so leicht damit zurecht zu kommen, dass man zwar die Fähigkeiten besaß, aber eben nicht das Momentum auf seiner Seite hatte und leider auch nicht das Team.
Wobei er von Andreas Seidls Firmenpolitik überzeugter war, als von Christian Horners, aber am Ende blieb bei jedem derselbe Anspruch. Daran ließ sich nicht rütteln und darum musste er auch dringend wieder in die Spur kommen, bevor er gänzlich den Anschluss verlor. Oder war es gerade deswegen blöd, sich so viele Gedanken zu machen? War es aus mentaler Belastungssicht nicht besser, wenn er die Saison abhakte und sich keinen Druck mehr machte? Klang in seinen Ohren auch schwachsinnig...
Er brauchte eine gute Strategie. Das bedeutete, dass man sich seine Tipps schon mal nicht bei Ferrari abholte. Aber wen könnte er diesbezüglich vielleicht um Rat fragen? Am besten niemanden, denn eigentlich war das einzig und allein seine Sache. Er biss sich auf die Lippe und versuchte, nicht mehr allzu viel zu grübeln, denn das brachte ihn irgendwie auch nicht voran.
Stattdessen verschränkte er die Arme hinterm Kopf und ließ sich auf den Rückenfallen. Aufs Meer hatte er jetzt eine halbe Stunde gestarrt, jetzt war der Himmel dran. Solche Dinge konnten ihn wenigstens noch entspannen, wenn es schon in der Garage nicht mehr gelang. Dabei mochte er den Trubel und all die Leute um sich herum eigentlich immer ganz gerne.

„Hier steckst du also", wurde er plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, doch noch bevor er zusammenzucken konnte, hatte sich schon das Gesicht seines Lieblingsmenschen in sein Blickfeld geschoben und musterte ihn ein wenig fragend.
„Hey... Sorry, ich wusste nicht, dass du mich suchst", entschuldigte er sich sofort und obwohl er nach wie vor niedergeschlagen war, brachte Charles Anblick ihn sofort zum Lächeln. Den Effekt hatte echt nur er auf ihn und er war froh darum. Ohne den Monegassen würde er sich in Krisenzeiten wohl selbst nicht mehr erkennen.
„Aber du hättest es dir denken können", meinte Charles, der sich nun an seiner Seite niederließ und darauf wartete, dass er selbst sich mal aus seiner Senkrechten bequemte, um ihn so zu begrüßen, wie man das mit seinem Freund eigentlich machte.
„Ja, hätte ich. Vielleicht werde ich tatsächlich alt und vergesslich", rutschte es ihm heraus, während er sich aufsetzte und spürte sofort die Veränderung in Charles' Blick. Irgendwie beruhigend, dass der Jüngere diese Ansicht nicht ein Stück teilte...
„Fängst du jetzt doch an zu glauben, was der kleine Idiot sagt?", kam es reichlich bissig von seinem Freund und das ließ ihn nun doch stutzen. Er hatte gerade seinen Arm um Charles' Schulter gelegt und wollte ihn zu einem Begrüßungskuss zu sich ziehen.

„Ähm... Seit wann wirst du so kratzbürstig und beleidigend?", hakte er also mal vorsichtig nach. Das passte nicht so richtig zu Charles' sonstigem Charme, gleich so direkt zu werden, auch wenn er damit gewiss nicht sagen wollte, dass ihm diese Seite nicht gefiel. Die hatte schon was für sich. Sie war eben nur ungewohnt.
„Das war schon immer so, wenn es um dich geht", antwortete Charles ihm. Gut, dagegen ließ sich nichts sagen. Was das bestraf konnten sie einander mit absoluter Leidenschaft verteidigen. Und so, wie Charles gerade guckte, sollte er seinen britischen Teamkollegen besser wirklich nicht in dessen Nähe lassen. Wenigstens den Kampf würde der Jüngere dann verlieren.
„Nein, eigentlich hatte die Aussage mit dem überhaupt nichts zu tun", stellte er also klar, denn er machte sich wirklich nicht sonderlich viel aus den Sticheleien. Über solchen Dingen stand er und musste dem keine Beachtung schenken. Sowas konnte ihn nicht einmal ansatzweise aus dem Konzept bringen, doch Charles schien sich da nicht so sicher zu sein.
„Ach ja? Dich nervt das nicht, dass er offenbar nicht den Hauch von Respekt vor dir hat?", wollte der Jüngere wissen und daran erkannte man vielleicht doch den kleinen Altersunterschied zwischen ihnen. Charles war bei sowas emotionaler und hitzköpfiger als er selbst, wobei das eigentlich weniger mit dem Alter, als viel mehr mit der Mentalität zu tun hatte.

„Weißt du... Früher in der Schule mag ich vielleicht auch schon der Klassen-Clown gewesen sein, aber sicher kannst du dir denken, dass das viele auch gestört hat. Ich hab mir damals auch schon viel anhören dürfen. Ich sei total fake, ich wäre völlig übertrieben, ich solle nicht so heuchlerisch sein. Und ernstgenommen hat mich schon gar keiner. Das war ebenso", plauderte er mal ein wenig aus dem Nähkästchen.
Er konnte sehen, wie sich Charles' Augenbrauen bei diesen Worten hoben. Damit schien er wohl nicht gerechnet zu haben. „Deine Mutter hat mir erzählt, dass du das beliebteste Kind auf der Schule warst und das doch auch zurecht. Wie kann man dich denn nicht mögen?"
„Charles, echt... Ich erzähle meiner armen Mama doch nicht, wenn ich gehasst werde", erklärte er also. „Sie war immer total happy damit, wie alles ist und ich wollte nicht zugeben, wenn ich irgendwo angeeckt bin. Das war aber auch nicht so tragisch. Ich erzähl dir gerade nicht, dass meine Schulzeit eigentlich die Hölle war und ich ein armes, geschundenes Mobbing-Opfer war. Aber trotzdem gab's sogar für mich Momente, die hart gewesen sind und in denen ich mich entschieden habe, nicht alles so an mich ranzulassen."
„Hm...", machte Charles zunächst und dachte kurz über seine Worte nach. Der Monegasse kam da schon aus anderen Kreisen. Sicherlich gab es auch hier Mobbing und vor allem gab es in Monaco ein ganz schön hartes Elitedenken, allerdings unterschied sich das, was Charles ihm aus seiner Schulzeit erzählte deutlich von dem, was er kannte. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das so könnte..."

„Im Grunde ist es ganz leicht. Das Gerede der anderen hat ja keinen Einfluss auf meine Familie. Nicht auf meine Freunde, nicht auf dich. Bei euch weiß ich, dass die Welt über mich reden kann, was sie will, aber ihr seht in mir den, der ich bin. Ich muss mich nicht verstellen oder etwas erklären und werde von euch akzeptiert. Und warum sollen mir Dinge etwas ausmachen, die nichts von dem kaputt machen können, was ich liebe?"
Er musste breit Grinsen, als er Charles erstaunten Blick sah. Offensichtlich hatte er ihn mit seinen Worten so sehr überrascht, dass er die Kontrolle über seine Mimik gänzlich verloren hatte. Aber dann konnte er auch sehen, wie sich ein Lächeln auf den Lippen des Monegassen abzeichnete.
„Wow, so hab ich das alles wirklich noch nie betrachtet", räumte Charles also ein. Er wusste, dass sein Freund noch viel mehr dazu neigte, sich um Sorgen und Probleme Gedanken zu machen. Wenn es für Charles nicht so gut lief, dann begann er schnell mal vieles in Frage zu stellen und als ihm das wieder so in den Sinn kam fiel ihm ein, dass er ihn gleich auch unbedingt noch ein bisschen aufmuntern sollte.
„Tja, ich bin eben ein alter, weiser Mann geworden", lachte er und bekam dafür einen Ellenbogen in die Seite gerammt. Lustig, dass es ausgerechnet sein eigener Freund war, der die Anspielungen aufs Alter nicht mochte.
„Von wegen", behauptete Charles, ließ sich dann aber doch ein Stück gegen ihn fallen. Hier waren sie ja glücklicherweise doch ungestört. Er war froh, dass sie hier in ihrer Heimat wenigstens ein paar Rückzugsorte besaßen, die nicht bedeuteten, dass sie sich in ihren eigenen vier Wänden verstecken mussten.

„Und wie geht's dir? Ich meine...", setzte er an und überlegte, wie er das formulierte ohne bei Charles direkt den Finger in die Wunde zu legen.
„Beschissen", brachte Charles es auch ohne große Umschweife auf den Punkt und nahm ihm die schwierige Entscheidung einer emotional korrekten Fragestellung glücklicherweise ab. Er war froh, dass sie so offen sein konnten und der Missmut sprach auch sehr deutlich aus dem Gesicht seines Freundes. Wer konnte ihm das schon verdenken?
Er hörte den Jüngeren leise grollen, spürte sein Gewicht an seiner Seite und auch die vertraute Wärme. Das konnte sie wenigstens ein bisschen beruhigen. Beide. Sie brauchten sich jetzt.
„Es ist schon klar, dass Pech auch immer mal dazugehört, aber so... Ich dachte damals in meinem ersten Rennen schon, dass es schlimmer nicht sein könnte. Mit Sauber damals, das war ein Desaster... Mit Ferrari dachte ich dann: Super, so beschissen kann's ja dann nicht noch mal werden. Dann lief's so gut und dann muss ich diesen dummen Überhohlversuch gegen deinen Teamkollegen machen und meinen Reifen ramponieren und... Dann fiel das Rennen letztes Jahr aus und dieses Jahr..."
Etwas hilflos zuckte Charles mit den Schultern und sah dann betreten zu Boden. So hatte er sich das eben nicht vorgestellt. Monaco war für ihn ein besonderes Rennen. Hier war er aufgewachsen und nicht nur wie die meisten zugezogen. Er war Monegasse. Und wie Daniel wusste, auch stolz darauf. Da schmerzte sowas dann besonders hart. Er hasste es ja auch, wenn ausgerechnet seine Rennen in Australien mies lief und da hatte er auch so manch unschöne Erfahrung vorzuweisen.

„Ist echt beschissen gelaufen. Aber vielleicht-", setzte er an, wurde aber von einem seufzenden Charles direkt unterbrochen, bevor er ihm seinen genialen Einfall mitteilen konnte.
„Sag' nicht, dass es beim nächsten Mal nur besser werden kann. Das hast du vor zwei Jahren schon gesagt. Wenn du das nochmal machst, dann verreckt mir die Karre nächstes Jahr schon beim Transport von Barcelona hierher." Okay, diese Logik konnte er fast verstehen, selbst wenn das Quatsch war, aber darum ging es ja nicht und das hatte er doch auch auf keinen Fall sagen wollen.
„Eigentlich meinte ich, dass es dir vielleicht so geht wie mir", schob er also mal schnell ein, bevor Charles' Frust es ihnen noch schwerer machte.
„Wieso wie du? Du warst heute auch schlecht."
„Autsch! Du Kratzbrüste!", warf er seinem Monegassen also vor, der daraufhin aber auch schon entschuldigend die Hände hob und ihm zeigte, dass er das so nicht gemeint hatte. „Man, ich dachte doch an mein Superrennen hier."
Worte, bei denen Charles aufhorchte. Na ein Glück, sein Freund erinnerte sich noch an den Tag, als er sich das Rennen, das man ihm so fies entrissen hatte, wieder zurückholte. Das war wirklich einer der großartigsten Momente seiner Karriere gewesen.

„Das war wirklich beeindruckend", gab Charles unumwunden zu.
„Danke für die Blumen, aber mir geht's gerade nicht um meine Anerkennung. Was ich dir sagen will ist... Hast du eine Ahnung, wie großartig sich solche Momente anfühlen? Das tun sie aber nur, weil vorher alles beschissen gewesen ist. Wäre vorher nicht alles gegen einen gelaufen, dann wäre es ja nur ein ganz normaler Erfolg. Aber mit so einer Vorgeschichte fühlt sich das an, als hätte man die ganze verdammte Welt gerettet", offenbarte er Charles also, der ihn im ersten Moment noch nicht so überzeugt ansah.
„Du meinst, es ist gut, dass unsere Rennen heute so beschissen gelaufen sind?" Verwirrung machte sich auf Charles Zügen breit, was ihn selbst nur umso heftiger nicken ließ.
„Ja, absolut! Stell dir nur vor, wie wir dann ausrasten, wenn du hier endlich gewinnst", stellte er seinem Freund in Aussicht und tatsächlich musste Charles bei diesen Worten nun selbst ein bisschen lachen.
„Ich glaube es wäre schon das Größte, wenn ich es hier mal über die Ziellinie schaffe", relativierte er. Gewiss, das wäre auch nicht schlecht, aber er für seinen Teil würde weiterhin fest daran glauben, dass auch Charles hier eines Tages auf der Mitte des Podiums zu finden war. Er stellte es sich bereits vor, wie Arthur ihm dafür um den Hals fallen würde und wie stolz seine Mutter und Lorenzo dann auf ihn waren.

Ja, dieser Tag würde kommen. Irgendwann einmal.

Grid TalesGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt