Herzbewohner
Spa-Francorchamps, Belgien
31. August 2019
Ein einziger Wimpernschlag und wieder verschwindet der Boden unter den Füßen.
So zumindest kam es ihm vor, als diese schockierende Nachricht die Runde machte. Ein Gefühl, welches ihm so erschreckend vertraut war. Er konnte gar nicht sagen, was in diesem Augenblick durch seinen Kopf ging. Da waren so viele Gedanken und Emotionen und dann wieder das reinste Nichts. Es gab nur eine Sache, die dabei konstant vorhanden blieb...
Es konnte nicht wahr sein. Der Verstand weigerte sich so beharrlich zu glauben, was die Ohren längst vernommen hatten und für den Moment erschien die Welt um einen herum plötzlich so weit weg und unwirklich zu sein, dass es schwer war, sich noch zurecht zu finden.
Bis der Schmerz einsetzte dauerte es so lange, dass er schon befürchtet hatte, sich zu sehr an den Verlust geliebter Menschen gewöhnt zu haben und das machte ihm unendlich viel Angst.
Sein Vater... Jules... Anthoine... Er wollte nicht, dass sich diese Liste immer weiter fortsetzte.
In seinem Inneren zog sich alles zusammen und er bemerkte, wie er begann, alles erneut in Frage zu stellen. Er konnte nichts dagegen machen. Was taten sie hier? Wozu sollte das alles gut sein? Was war der Sinn? Diese Gedanken kamen ungebeten und beschäftigten ihn, obwohl er wusste, keine zufriedenstellende Antwort darauf zu erhalten...
An diesem Punkt wünschte er sich so sehr, er könnte die Welt noch mit den Augen seiner Kindheit sehen, als Schmerz und Verlust nicht zu den Empfindungen zählten, die er kannte. An diesem Punkt sehnte er sich nach diesem Gefühl, noch alle Möglichkeiten zu haben, dem Gefühl nach Unsterblichkeit...
Das sollte er in seinem Alter eigentlich noch nicht verloren haben, doch es war mit allen gegangen, die er zu früh hatte loslassen müssen.
Wenn er nur die ganzen lästigen Termine schon hinter sich gebracht hätte...
Er wusste gar nicht, wie er mit alldem fertig werden sollte, aber sein Verstand wusste, dass ihm keine andere Wahl bleiben würde. Es standen noch ein paar Meetings an und er wusste schon, wie sein Team ihn wieder ansehen würde. Sie meinten es nicht böse, das war ihm bewusst, aber egal, was heute gesagt und getan wurde, es machte nichts besser.
Vielleicht sollte er froh sein, dass sein Kopf den Verlust noch nicht real werden ließ. Wenigstens so lange, bis er wieder auf seinem Hotelzimmer und ganz alleine war. Erst dann wollte er das alles rauslassen. Vorher würde ihm das nur Schwierigkeiten machen, ihn Dinge erklären lassen müssen, die eigentlich jeder wissen sollte.
All die gutgemeinten Angebote von seinen Teamverantwortlichen, hatte er ausgeschlagen. Er wollte niemanden um sich haben und auch auf die Anrufe seiner Familie hatte er noch nicht reagiert. Er würde sich gleich bei ihnen melden, ihnen versichern, dass er zurechtkam, ob dem nun so war oder nicht, aber sie konnten hier leider nichts für ihn tun. Es war hart und viele mochten meinen, es sei der falsche Weg, doch heute und morgen musste er da alleine durch. Wenn er seine Familie nun sehen und sich von ihnen in die Arme schließen lassen würde, könnte er seine Stärke nicht mehr aufrechterhalten und die brauchte er für das Rennen noch.
Es klang selbst in seinen Ohren so falsch, jetzt alles abzublocken. Er fragte sich, ob das richtig war und gleichzeitig sah er keinen anderen Weg.
Aus den Tragödien des Lebens Stärke ziehen... Das war ihm früher schon in den Sinn gekommen und wohl alles, was ihm jetzt helfen konnte. Er wusste, dass er sich seine Trauer erlauben musste, dass er sie nicht unterdrücken durfte, denn dann würde sie ihn irgendwann mit aller Macht treffen.
Allmählich verstand er, dass sich sein eigener Blickwinkel verändert hatte. Er war sich nur gerade nicht so sicher, ob das hilfreich oder traurig war und im Grunde war es ihm auch egal. Dafür hatte er keinen Kopf.
Er musste jetzt noch ein paar Dinge besprechen, bevor er seine Ruhe haben konnte. Jetzt war der Moment gekommen, um sich kurz zu sammeln, sich noch einmal Kraft zu holen und dafür griff er aus reiner Gewohnheit nach seinem Handgelenk, dort, wo...
Mit einem Mal war ihm so, als würde sein Herz stehen bleiben, jegliche Farbe aus einem Gesicht weichen. Seine Knie wurden ganz weich und er glaubte, keine Luft mehr zu kriegen. Hektisch krempelte er den Ärmel hoch, nur um festzustellen, dass es wirklich weg war.
Jetzt schossen ihm die Tränen in die Augen. Er sah sich panisch um, suchte den Boden ab, fand es aber nicht. Das durfte doch nicht wahr sein! Hatte er es verloren? Das durfte nicht sein! Wie sollte er das alles überstehen?
Bis eben hatte er seine ruhige Fassade zumindest aufrechterhalten können, obwohl in seinem Inneren längst ein Sturm losgebrochen war, doch jetzt ging das nicht mehr. Verzweiflung trat auf seine Züge und ihm kamen immer wieder leise Flüche über die Lippen. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, ließ sich schließlich an die Wand in seinem Rücken fallen und sank an ihr hinunter.
Freud und Leid lagen bei ihm augenscheinlich sehr dicht beieinander, aber das zu verlieren, was ihm in diesen schweren Momenten immer Kraft geben konnte, war einfach zu viel für ihn. Vielleicht war das albern, so ein Drama davon zu machen, aber es bedeutete ihm nun einmal sehr viel und das jetzt auch noch zu verlieren...
Der Signalton seines Handys erinnerte ihn daran, dass die Teambesprechung jetzt begann, aber er konnte nicht einmal darauf reagieren. Er konnte nur hier sitzen und sich einfach nicht mehr rühren. Plötzlich brach einfach alles über ihm zusammen und er konnte nichts dagegen machen. Er konnte keinen Gedanken an diese unbedeutenden Termine verschwenden. All der Schmerz und die Trauer brachen sich nun Bahn...
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Grid Tales
Fanfic⊱ Wie sieht so eine Teambesprechung mit der FIA aus? Auf welche Art und Weise haben Nico und Lewis sich früher so duelliert? Was ging bei Checos Marketingtermin so gehörig schief? Was versteht man unter einem kleinen brasilianischen BBQ? Eine bunte...
