Catch Me When I Fall | Jenson Button x Sebastian Vettel

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Catch Me When I Fall


Ellighausen, Schweiz
1. Oktober 2020



Nichts funktionierte mehr.
Wenigstens kam es ihm so vor. Er sollte die Tage nutzen, um wieder zu seiner inneren Mitte zu finden... Als wenn er das nicht seit Monaten versuchen würde. Er konnte sich das alles doch selbst nicht erklären. Er hatte das Gefühl, alles zu tun und doch nichts zu erreichen. Weshalb war das so? Diese Frage hatte er sich bestimmt schon einhundert Mal gestellt und nach wie vor keine Antwort darauf gefunden.
Nicht einmal das heimliche Familienglück konnte daran etwas ändern. Er fühlte sich seit Jahren zerrissen. Hannah wusste davon, aber das machte es kaum besser. Er hatte das Gefühl, niemandem gerecht werden zu können. Seine Kinder sah er zu selten, die Leistung im Motorsport konnte er nicht mehr abrufen und der Mensch, an dem sein Herz wirklich hing, war meistens auch so unendlich weit weg.
Das war nicht das Leben, das er sich vorgestellt hatte. Die alten Zeiten waren noch gar nicht so lange her und doch erschien es ihm schon eine Ewigkeit zu sein. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich gewissermaßen alt und müde und fragte sich, ob das alles überhaupt noch einen Sinn machte. Natürlich wollte er noch einige Jahre aktiv sein, seine Kinder aufwachsen sehen, das perfekte kleine Glück haben und...

Trotzdem schien es so, als wäre das einfach nicht möglich.
Viele waren der Meinung, dass seine Leistungen schlechter wurden, seit der Red Bull nicht mehr das stärkste Auto war und er 2014 das Nachsehen gegenüber Daniel Ricciardo als neuen Teamkollegen hatte. Es stimmte schon, dass es mit Mark Webber einfacher war. Gegenüber Mark war er der junge Wilde gewesen und eben derjenige, dem das Team sein Vertrauen schenkte. Als Daniel damals kam, hatte sich viel verändert, aber das war nichts, was er nicht wieder hätte in den Griff bekommen können.
Als sich Ferrari im Jahr darauf von Fernando Alonso trennte, hatte er die Chance, die sich ihm bot, einfach wahrgenommen. Es hatte eine gute Zeit werden sollen. Er war sich sicher gewesen, dass ihm ein neuer Rennstall guttun würde, noch dazu verstand er sich mit dem stoischen Finnen, der fortan sein Teamkollege werden sollte. 2015 hatte er eigentlich das Gefühl gehabt, dass es wieder aufwärts gehen würde. Umso ärgerlicher, dass Mercedes seinen Aufschwung weiter ausgebaut hatte und ihnen in den folgenden Jahren das Leben immer so schwergemacht hatte.
Eigentlich hatte er 2016 richtig zuschlagen wollen, ein Wörtchen im WM-Kampf mitreden wollen, doch nicht der Ferrari war einfach nicht das gewesen, was man sich von diesem Traditionsrennstall erhofft hatte. Es war auch ihr letztes gemeinsames Jahr in der Formel 1. Er hatte es ihm gesagt, lange bevor die Medien diese Entscheidung veröffentlicht hatten und doch war es wohl der härteste Schlag, den er in seiner Karriere je hatte wegstecken müssen. Davon hatte er sich nie erholt und die letzten drei Jahre zeigten auch sehr deutlich, was das für ihn für gravierende Folgen gehabt hatte.

Nicht einmal die gemeinsame Zeit mit seinem Kumpel Kimi hatte ihm darüber hinweghelfen können.
Er hätte nie gedacht, dass er auf das Karriereende des Briten so reagieren würde, dass es ihn so mitnahm und ihm den sprichwörtlichen Boden unter den Füßen wegreißen würde. Doch genau das war geschehen. Als Jenson die Formel 1 verlassen hatte, war er das Gefühl nie ganz los geworden, ebenfalls verlassen worden zu sein. Ihm fehlten die gemeinsamen Stunden, die sie sich nach anstrengenden Rennen gestohlen hatten, die Nähe zu dem Mann, in den er sich vor knapp zehn Jahren verliebt hatte.
Eine Beziehung, die nie an die Öffentlichkeit gelangt war, die für niemanden sonst sichtbar war. Vielleicht fiel es ihm auch genau deswegen so schwer, sie sich bewusst zu machen, wenn Jenson nicht bei ihm war. Sein Privatleben war gefüllt mit dem Dasein als Familienvater und er liebte Hannah und seine drei Kinder. Er hatte dieses Familienglück gewollt, ebenso wie Jenson und Brittny. Beide wussten, dass sie ihnen nicht immer treu waren, dass da etwas entstanden war, ganz plötzlich und ohne, dass sie es hatten aufhalten können.
Er hätte nie gedacht, dass Hannah ihm das vergeben könnte, dass sie sogar dazu bereit war, ihn mit einem anderen Mann zu teilen, dass sie ihm gestatten würde, sich bei Jenson das zu holen, was sie mit ihm nicht haben konnte. Eine Zeit war er glücklich gewesen, weil er mit Jenson abseits all dieser Regeln und Beschränkungen zusammen sein durfte, sich Zeit mit ihm nehmen durfte, doch als er die Formel 1 verließ, kam er immer wieder an Orte, an denen er ohne den Älteren gar nicht sein wollte.

Seitdem schlug sich Jensons Fehlen jede Saison deutlicher in seinen Leistungen nieder.
Was sollte er denn machen? Er vermisste ihn schrecklich. Jetzt, wo sie sich noch seltener sehen konnten, war die Sehnsucht nach ihm nicht mehr auszuhalten. Und seit Jessica ihn verlassen hatte – denn sie hatte Jenson seine Seitensprünge nicht verzeihen können – und seit Brittny in sein Leben getreten und ihm die Familie schenkte, die er sich immer gewünscht hatte, war einfach nichts mehr so, wie es sein sollte. Auch Brittny war sehr bald hinter ihre Liebschaft gekommen, doch sie war bei Weitem nicht so nachsichtig mit ihnen, wie Hannah.
Das konnte man ihr auch nicht wirklich verdenken. Es war nicht richtig, was sie taten. Dieses Spielchen. Sie hätten sich damals von ihren Partnerinnen trennen sollen, als sie spürten, wie sehr sie einander doch wollten. Aber da war immer die Angst gewesen, aufzufliegen, vielleicht niemals eine eigene Familie zu gründen. Man konnte wohl nicht alles im Leben haben und doch hatten sie es nicht geschafft Prioritäten zu setzen. Dafür hatten sie am Ende wohl beide einen hohen Preis gezahlt. Auf Jensons Titel waren keine weiteren gefolgt und er selbst...
Er schaffte es aktuell nicht mehr, mit seinem Teamkollegen mitzuhalten, hing Meilenweit hinter den Erwartungen hinterher, die Ferrari an ihn stellte. Er war nicht mehr dazu in der Lage, mit dieser tiefverwurzelten Unzufriedenheit umzugehen, hatte kein Vertrauen mehr in sich selbst, geschweige denn in das Auto, welches er Wochenende für Wochenende um die Rennstrecken dieser Welt fuhr. Es ging immer weiter abwärts und er hatte keine Ahnung, wie er diesen Fall verhindern oder wenigstens abfedern könnte...

Er hatte das lange auch überhaupt nicht sehen wollen.
In den ersten Jahren hatte er sich eingeredet, dass es nur an der Umstellung lag, dass er sich bei Ferrari erst einfinden musste. Dann waren ihm die ersten, fatalen Fehler unterlaufen, die er auch darauf geschoben hatte, dass er noch nicht so ganz drin war. Aber es wurde immer schlimmer. Inzwischen wusste er nicht einmal mehr, wie er diese dummen Dinge, die immer wieder passierten, vor der Presse noch rechtfertigen sollte.
Dass Ferrari sich von ihm trennte, war nach all den desaströsen Rennen wohl klar. Natürlich sah er die Schuld nach wie vor nicht nur bei sich selbst. Er konnte auch nichts dafür, dass die Ingenieure ein so unfahrbares Vehicle zusammengezimmert hatten, aber bedachte man, wie die Italiener ihre Fahrer nur zu gerne öffentlich an den Pranger stellten, wenn der Erfolg ausblieb, hätte er es sich womöglich schon längst denken können. Doch wenn man jung war und aus einem erfolgreichen Team mit vier Titeln im Gepäck kam, wollte man nicht glauben, dass man ein ähnliches Schicksal erleiden könnte.
Als Kimi den Rennstall schließlich für Charles Leclerc hatte verlassen müssen, war er mental noch mehr eingebrochen. Wenigstens in dem Punkt musste er wohl selbst seinen Kritikern rechtgeben. Er konnte nicht erfolgreich sein, wenn sein Umfeld nicht stimmte. Auch, wenn sie nach Außen gute Miene zum bösen Spiel machten, konnte er vor sich selbst kaum leugnen, dass er mit Charles' Art so seine Probleme hatte.

Er wollte, er hätte selbst hin und wieder so unbefangen in seine Rennen gehen könne, wie der junge Monegasse...
Aber er war schon immer ein Denker gewesen, jemand, der nicht lockerlassen konnte, wenn etwas an ihm nagte. Sei es eine ungerechtfertigte Strafe, ein schlechtes Auto oder ein dummer Fehler, der ihm immer wieder passierte. Er konnte dann nicht anders, als sich das Hirn deswegen zu zermartern, während es Charles augenscheinlich viel leichter fiel, sowas abzuhaken. Aber inzwischen war es gewiss völlig egal, was er versuchte, es würde ihm nicht mehr viel nützen. Er hatte seine Chance bekommen und er war gescheitert und das...
Das machte ihm wirklich sehr zu schaffen. Er war erst 33, er hatte doch noch ein paar Jahre im Sport vor sich und dass er an der Mission, einen Titel mit dem Traditions-Rennstall Ferrari zu holen, kläglich gescheitert war, wollte ihm einfach nicht in den Kopf. Es fühlte sich so an, als habe da jemand eine Geschichte geschrieben, die so nicht hatte verlaufen sollen. Wie ein völlig falsches Drehbuch, mit dem man niemanden hätte ins Kino locken können. Oder zumindest so ähnlich.
Er konnte nicht glauben, dass er vor gerade einmal sieben Jahren noch seinem vierten Titel entgegenfuhr und in diesem Jahr mit einem Ferrari nur 17 Punkte eingefahren hatte, in immerhin zehn Rennen. Das hörte sich so unwirklich an und obwohl er für die nächste Saison einen Neustart vor sich hatte, ein neues Team, in dem er sich vielleicht wohler fühlen würde, fühlte sich das alles noch immer nicht so wirklich real an. Manchmal wollte er die Augen schließen, sich kurz schütteln, aufwachen und feststellen, dass immer noch die Saison 2013 war, in der noch alles möglich gewesen war...

Völlig in seine düsteren Gedanken vertieft, hätte er das Klingeln an der Tür fast nicht gehört.
Wer könnte das jetzt sein? Er rechnete nicht mit Besuch. Er hatte die Anweisung bekommen, dass er nach Hause fahren und sich wieder sammeln sollte, um wenigstens den Rest der Saison einigermaßen ordentlich beenden zu können, aber dafür müsste es ihm gelingen, Charles auch häufiger zu schlagen oder wenigstens in seine Nähe zu kommen. Und da waren sie wieder, die Gedanken, mit denen er sich immer wieder so unnötig unter Druck setzte, weil er eben ein absoluter Denker war.
Was würde er nicht alles dafür geben, wenn er seinen Kopf auch so leicht ausschalten könnte, wie andere? Sich voll und ganz auf den Moment zu konzentrieren und alles Negative einfach auszusperren... Das würde ihm gewiss schon helfen, aber inzwischen war ihm ja klar, dass er seiner Abwärtsspirale nicht entkommen konnte, solange er bei der Scuderia blieb. Er konnte nur hoffen, dass Aston Martin, wie Racing Point im nächsten Jahr heißen würde, einen guten Job machte und ihm ein Auto hinstellte, mit dem er wieder zurechtkam.
Wenigstens war er gespannt auf die kommende Saison. Ein Lichtblick in all den miesen Gefühlen, die ihn umklammerten, während er lustlos zur Tür schlurfte. Eigentlich wollte er niemanden sehen, nicht einmal seine Familie, obwohl es wohl ratsamer wäre, bei ihnen nach ein bisschen Ablenkung zu suchen, aber gleichzeitig erinnerte ihn das auch wieder daran, wie unzufrieden er momentan war. Es war zum Verrücktwerden, wie immer wieder eins zum anderen führte und ihm das Leben so schwermachte. Seufzend öffnete er die Tür und staunte nicht schlecht, wen er da vor sich hatte.

„Was machst du denn hier?", kam es ihm sofort irritiert über die Lippen und er ertappte sich auch sogleich bei dem Gedanken, dass das nicht echt sein konnte. Wie auch? Wann lief in der Vergangenheit denn schon einmal etwas so, wie er sich das wünschte? Und dass er vor seiner Tür stand, hatte er sich gewünscht. Nicht nur einmal...
„Ist das deine Begrüßung? Kein 'hey Jense, ich hab dich so vermisst' oder so?", lächelte der Brite ihn an und zog ihn auch direkt in eine feste Umarmung, bevor er einen Kuss folgen ließ. Er völlig überrumpelt, aber als er den Herzschlag des Älteren durch dessen Jacke spüren konnte, sich in seinen Armen wiederfand und seine Lippen auf den eigenen spürte, begriff sein Verstand auch endlich, dass Jenson wirklich hier war.
„Tut mir leid, meine Umgangsformen sind ein bisschen eingerostet, seit... Naja...", setzte er zu einer Erklärung an, als der Brite ihn wieder losließ. Es war gefühlt schon wieder eine Ewigkeit her, dass sie sich gesehen hatten und das schmerzte. Warum konnten sie sich auch nicht öfter sehen? Warum musste das alles so...
Nein, darüber wollte er jetzt lieber nicht nachdenken, denn dann würden ihm nur wieder die Tränen kommen und das wollte er nicht riskieren. Es war auch so alles schon schlimm und bitter genug für ihn. Er wollte diesen Moment nicht ruinieren. Den Moment, in dem er Jenson endlich wieder bei sich hatte. Fast so, wie es früher mal war...

„Du siehst echt nicht so gut aus. Nimmst du dir das alles echt so zu Herzen?", erkundigte der Ältere sich nun, nachdem er eingetreten war und die Reisetasche, die er mitschleppte und die darauf hindeutete, dass Jenson durchaus vorhatte, länger zu bleiben, von seiner Schulter sinken ließ. Nun sah der Brite wirklich besorgt aus.
„Müssen wir wirklich darüber reden?", fragte er in der Hoffnung, sich nicht schon wieder mit all den Dingen auseinandersetzen zu müssen, die ihn ohnehin schon in schöner Regelmäßigkeit um seinen Schlaf brachten. Er hatte das Bedürfnis, sich endlich mal wieder fallen zu lassen und bei wem könnte er das besser, als bei dem Mann, dem sein Herz gehörte?
„Nein, wir können uns auch erst Sushi bestellen, dann in die Wanne hüpfen und Sex haben, bevor wir Probleme wälzen, aber ich dachte, wir machen das Angenehme zum Schluss", stellte Jenson ihm in Aussicht, wie er sich ihre gemeinsame Zeit vorstellte und brachte ihn damit auch sofort zum Lächeln. Etwas, was ihm lange nicht mehr gelungen war, aber...
Jenson hatte so eine Art an sich, die es einem verbot, sich zu tief in negative Gedanken zurückzuziehen. Er war so froh, ihn zu haben. Er war der einzige Mensch, von dem er sich richtig verstanden fühlte und womöglich hatte sein Freund recht und er sollte sich lieber sofort auskotzen, damit er den Rest der Zeit mit Jenson in vollen Zügen genießen konnte.

„Lass uns ins Wohnzimmer gehen", schlug er Jenson also vor. „Danach können wir deine Liste abarbeiten."

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