Mature
England
2. Juni 2020
Christian
„Dann geht's also doch noch los?"
Ihre Stimme ließ nicht den Hauch eines Zweifels, dass sie verdammt wütend über diesen Umstand war. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass er ihr das nicht mehr großartig erklären müsste. Die Bemühungen um einen Start der Formel-1-Saison mitten in einer Weltweiten Pandemie, sollten doch eindeutig genug sein. War ihr da wirklich nicht in den Sinn gekommen, dass es am Ende funktionieren könnte und er seinem Job wieder mehr oder weniger normal nachgehen würde?
Offensichtlich nicht. Denn sie hielt den Artikel anklagend in der Hand und funkelte ihn so wütend an, als hätte er ein Pandabärbaby verprügelt. Es war im Grunde immer wieder derselbe Streitpunkt und eigentlich konnte er den kompletten Verlauf ihres „Gesprächs" bereits voraussagen. Er glaubte nicht, dass ihn noch irgendwas überraschen konnte, was sie ihm zu sagen hatte.
„Ja. Didi und Helmut haben viel in Bewegung gesetzt, damit die Saison stattfinden kann", fasste er also kurz und knapp das Ergebnis der vergangenen Wochen und Monate zusammen. Es war nicht leicht eine Lösung zu finden, mit der die Rahmenbedingungen unter solchen Voraussetzungen zu erfüllen waren, aber es war ihnen gelungen und der Rennbetrieb konnte wieder aufgenommen werden. Es blieb noch abzuwarten, ob sie tatsächlich alle noch möglichen Rennen austragen konnten oder Abstriche machen mussten.
Das war alles mit gewissen Risiken verbunden.
Die letzten Monate hatten gezeigt, wie unberechenbar das alles war. Die Gegebenheiten vor Ort konnten sich schnell wieder verändern. Wenn sie Pech hatten, mussten ein paar der geplanten Rennen doch noch abgesagt werden, aber vorerst waren sie zuversichtlich, dass alles gut gehen würde. Die Saison würde definitiv etwas vollkommen anderes werden, als in den Jahren davor, aber das könnte durchaus auch interessant werden.
Seine Frau war darüber allerdings nicht sonderlich begeistert. Sie verzog direkt wieder das Gesicht und teilte diese Vorfreude nicht einmal ansatzweise. Er verlangte ja auch gar nicht von ihr, dass sie sich für das was er tat in irgendeiner Form begeistern konnte, obwohl es schön wäre. Aber es wäre toll, wenn sie ihm wenigstens nicht zunehmend das Gefühl geben würde, dass das, was er so gerne machte, ihre ganze Ehe ruinierte.
„Also bist du wieder in der Welt unterwegs und siehst deine Kinder nicht", blickte sie wie sonst auch nur auf die negativen Aspekte. Es war anstrengend und zermürbend, sich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen. Er machte das nicht, weil er sie damit ärgern wollte, sondern weil er seinen Job einfach verdammt gerne machte. Er war nun einmal nicht dafür gemacht, Wochen lang zu Hause zu sitzen und den Hausmann zu mimen.
„Ich war jetzt fast ein halbes Jahr lang nur zu Hause", begründete er also.
Das war sehr viel mehr Zeit, als sie sonst miteinander verbringen konnten und er hatte sich nun wirklich alle Mühe gegeben, dass es für sie alle wie ein Geschenk war. Eine Zeit, die sie so normalerweise nicht hatten und die sie einfach mal genießen konnten. Es war schön gewesen, mal viel mehr Zeit für die Kinder zu haben, aber alles musste auch mal wieder ein Ende haben, sonst wäre es nichts Besonderes mehr. Ihm war bewusst, dass sie auch das nicht würde einsehen können.
„Du sagst das, als wäre es das größte Opfer deines Lebens", unterstellte sie ihm aufgebracht und das ging ihm dermaßen auf die Nerven, dass es ihn einfach wütend machte. Was sie sagte, stimmte schlicht und ergreifend nicht und er hasste kaum etwas so sehr, wie Lügen oder Halbwahrheiten, egal ob im Beruf oder in der Familie.
„Das stimmt nicht und das weißt du auch!", wurde er tatsächlich lauter als beabsichtigt, denn für gewöhnlich war ihm klar, dass das nichts bringen konnte, doch seine Frau schaffte es, ihn fast in den Wahnsinn zu treiben mit ihrer Art. War das eigentlich schon immer so schlimm gewesen oder kam das erst jetzt zum Vorschein? Er wusste es nicht.
„Jetzt schrei mich nicht an!", brüllte sie allerdings zurück und das war häufiger so ein Punkt, an dem sie nicht weiterkamen. Es war, als würde ihr gemeinsamer Weg immer wieder in eine Sackgasse führen und wenn sie wendeten und umkehrten, dann irgendwie nur, um direkt wieder in die nächste zu fahren.
„Gut. Dann lass diese Vorwürfe. Du kannst ja gerne behaupten, dass ich zu wenig Zeit mit meinen Kindern verbringe, aber nicht, dass ich sie nicht nutzen würde oder mich dafür lieber ins Büro oder an die Rennstrecke wünschen würde", stellte er also deutlich ruhiger klar.
Er mochte es ja selbst nicht besonders, laut zu werden. Dafür war er gar nicht der Typ, aber das trieb ihn zur Weißglut, dass sie gerne Dinge behauptete, die fern der Realität waren. Wenn sie sich schon stritten, dann wenigstens, weil ihre Überzeugungen aufeinanderprallten und nicht, weil man Dinge übereinander behauptete, von denen sie beide wussten, dass sie nicht wahr waren.
„Das mag ja sein, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass du nie zu Hause bist. Nicht für Geburtstage, nicht für Jahrestage und schon gar nicht dann, wenn wir dich am meisten brauchen", zählte sie ihm seine vielen Versäumnisse auf. Dabei verpasste er nicht einmal so viele Geburtstage. Seine Frau selbst hatte Anfang August Geburtstag, da war normalerweise Sommerpause und ihr gemeinsamer Sohn war im Januar geboren, da war Winterpause. Aber er gab es auf, ihr solche Dinge erklären zu wollen.
Sie hatte ihre Meinung und sie würde davon kein Stück abrücken. Ganz gleich, was er auch versuchte zu seiner Verteidigung zu sagen. Sie wollte es überhaupt nicht hören, aber was blieb ihnen denn sonst, wenn sie ihm die Pistole so auf die Brust setzte?
„Dann willst du also, dass ich meinen Job kündige und immer zur Verfügung stehe. Ist es das?", hakte er also mal nach, denn wie es schien, könnte er es ihr ja nur mit diesem drastischen Schritt noch irgendwie rechtmachen. Wenn sie etwas anderes wollte, dann sollte sie es ihm doch einfach mitteilen!
„Nein. Du willst mich doch gar nicht verstehen. Du bist weit weg von allem, du kriegst hier gar nichts mit und ich bin nur hier und...", redete sie sich zunächst in Rage, bis sie auf einmal stockte und sich auf die Lippe biss. Ganz offensichtlich war ihr selbst aufgefallen, in welche Richtung das ging, aber er würde sie da jetzt nicht schonen. Sie hatte ihn in die Enge gedrängt, da würde er nun seinerseits nachlegen.
„Und nur für die Kinder da, willst das damit sagen?", erkannte er, was ihr um ein Haar rausgerutscht wäre und das schlechte Gewissen war ihr überdeutlich anzusehen.
„Schon möglich", musste sie zugeben und das gefiel ihr ganz und gar nicht. „Es gab eine Zeit, in der ich auch eine Karriere hatte und immer unterwegs war. Jetzt machst das nur noch du."
Also das war ihr Problem. Sie trauerte ihrer eigenen Karriere hinterher, den Touren, auf die sie früher gegangen war. Sie hatte das Gefühl, als wäre ihre Zeit vorbei, während er seinen Traumjob immer noch voll ausleben konnte. Er könnte da natürlich drauf herumreiten, nur würde sie das auch zu nichts führen, also fokussierte er sich lieber darauf, eventuell mal einen Schritt vorwärts zu kommen. Falls das noch möglich war.
„Das werde ich auch noch ein paar Jahre. Wollen wir die etwa streiten verbringen?"
Das konnte doch auch nicht ihr Ziel sein. Das war schrecklich und ging ihnen doch beiden arg an die Substanz. Das kostete sie Kraft, die sie an anderer Stelle sehr viel sinnvoller einsetzen könnten. Im Grunde war ihm klar, dass sie schon lange diesen Punkt erreicht hatten, an dem es besser wäre, einen Schlussstrich zu ziehen. Ihm wurde immer öfter bewusst, dass er sich an etwas festzuhalten versuchte, was im Grunde gar nicht mehr da war.
„Nein. Aber ich wünschte wirklich, dass du etwas anderes machen würdest. Du widmest diesem Team dein ganzes Leben. Andere machen diesen Job ein paar Jahre und tun dann etwas anderes", gab sie nicht nach. Es war nicht sehr förderlich, dass sie beide Menschen waren, die Konflikte bis zum Ende austragen mussten. Vielleicht hätte es ihnen ganz gutgetan, wenn sich wenigstens einer von ihnen darauf besinnen könnte, sich hin und wieder etwas zurückzunehmen.
„Ich will gar nichts anderes machen. Und diese Leute haben ihren Posten kaum freiwillig hergegeben, die sind entlassen worden", stieß er sie mal auf einen nicht unwesentlichen Umstand. Er selbst konnte froh sein, sechzehn Jahre lang einen Rennstall zu leiten, seit der aller ersten Saison. Das konnte außer ihm nur Franz Tost von sich behaupten und der war durchaus noch einige Jährchen älter als er selbst. Entsprechend war es nicht sein Ziel, jemals von Red Bull entlassen zu werden.
„Das führt doch zu nichts", kam endlich mal der erste und einzige vernünftige Satz von ihr.
Eine Meinung, der er sich endlich mal anschließen konnte, denn das führte in der Tat zu nichts. Es schaukelte sich gerade nur unnötig hoch und endete in Vorwürfen, die man danach nicht mehr zurücknehmen konnte, wenn sie erst einmal ausgesprochen waren.
„Da hast du absolut recht", stimmte er ihr also zu und da sie es nicht wagte, das Offensichtliche auszusprechen, übernahm er das kurzerhand. „Wir hätten den Schritt längst gehen sollen." Doch da hatte er ihre Kooperationsbereitschaft wohl wieder einmal überschätzt, denn diese Worte schienen ihr so gar nicht in den Kram zu passen.
„Nein! Nein, du wirfst jetzt nicht einfach unsere Ehe hin! Da spiele ich nicht mit. Du wirst dich nicht von mir scheiden lassen!", teilte sie ihm wütend mit und er begriff einfach nicht, wieso sie nicht sah, dass sie einander schon seit längerer Zeit nichts Gutes mehr taten.
„Mach es uns doch nicht noch schwerer", bat er sie, doch offensichtlich hatte er die eine Sache ausgesprochen, die er ihr gegenüber lieber für sich behalten hätte, denn sie wollte kein Stück einsehen, dass ihre Ehe gescheitert war.
„Ich mache es uns schwer? Oh, nein. Hör mir gut zu, ja? Du bist es, der es sich zu leicht macht!", warf sie ihm noch entgegen, bevor sie wütend aus dem Wohnzimmer stürzte und ihn mit einem Gefühl zurückließ, welches ihn ahnen ließ, dass ihm da noch einiges bevorstehen würde.
DU LIEST GERADE
Grid Tales
Hayran Kurgu⊱ Wie sieht so eine Teambesprechung mit der FIA aus? Auf welche Art und Weise haben Nico und Lewis sich früher so duelliert? Was ging bei Checos Marketingtermin so gehörig schief? Was versteht man unter einem kleinen brasilianischen BBQ? Eine bunte...
