Teil 8: Brothers | Arthur Leclerc & Logan Sargeant

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Brothers



Silverstone, England
30. Juni 2022



Hast du zugehört?"
Nein, hatte er nicht. Er war mit seinen Gedanken bestimmt schon vor drei Minuten völlig von seinem Telefonat mit Dalton abgeschweift. Dabei sah und hörte er selten genug etwas von seinem älteren Bruder. Zumindest, seit er selbst nicht mehr in den USA lebte. Dalton war zwar auch Rennfahrer, aber er war in Amerika geblieben und seit vier Jahren stockte seine Karriere ohnehin.
„Hm?", machte er also nur und konnte quasi vor sich sehen, wie Dalton am anderen Ende der Leitung die Augen verdrehte. Seine Aufmerksamkeit ließ leider nicht zum ersten Mal zu wünschen übrig.
Du denkst immer noch an ihn, oder?"
„Unsinn!", platzte es auf Daltons Frage hin sofort aus ihm heraus. So ein willensschwacher Vollidiot war er nun auch wieder nicht. „Ich denk nicht mehr an Felipe! Den Arsch will ich nie wieder sehen und Oscar kann mich auch mal."
Doch da schien er seinen Bruder ein wenig missverstanden zu haben, denn der korrigierte: „Ich glaub dir nur das Erste und eigentlich hab ich Leclerc gemeint."

Er stutzte, denn das überraschte ihn.
Von Arthur hatte er Dalton ziemlich wenig erzählt. Warum auch? Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden einander je kennenlernen würden, war ja zuweilen nicht sehr groß gewesen und seine Familie war für ihn jetzt irgendwie doch ganz schön weit weg. Das war auch gut so. Er konnte jetzt vieles mit sich selbst ausmachen, ohne sich vor seinem Vater rechtfertigen zu müssen. Es war sicher besser, ein wenig Abstand zu gewinnen.
„Das Thema ist durch", entschied er allerdings, denn was diese Freundschaft betraf, war sie im Grunde ja Geschichte gewesen, noch bevor sie begonnen hatte. Leider. Denn er hatte Arthur wirklich gemocht und es tat weh, dass es zu diesem Bruch gekommen war.
Ich bin gerade nicht da, um dir in den Hintern zu treten, aber das Thema ist überhaupt nicht durch. Du denkst die ganze Zeit an ihn, weil jemand endlich für dich da ist und du mit ihm über alles reden konntest", wusste Dalton es schon wieder besser und das ließ ihn nun seinerseits ziemlich genervt die Augen verdrehen.
Das klang schon wieder, als wäre er ein emotionales Wrack und ein bemitleidenswerter Trottel, der keine Freunde hatte.

„Hätte ich das nur nicht gemacht", seufzte er.
Denn mit seiner Freundschaft zu Leclerc war ja auch viel kaputt gegangen. Jetzt wusste Arthur Dinge über ihn, die er normalerweise nicht preisgab und obwohl es ihm damals richtig erschienen war, mit ihm zu reden, belastete es ihn nun, wo er sich von ihm hintergangen fühlte. Er wünschte einfach, er wäre vorsichtig geblieben.
Wieso, hat er was ausgeplaudert?", wollte Dalton verwundert wissen und irgendwie machte es ihn wütend, dass sein Bruder einem so lieben Menschen wie Arthur sowas zutraute.
„Nein, Quatsch! Sowas würde er niemals tun!", fuhr er ihn unbeabsichtigt etwas an und konnte natürlich nicht sehen, dass er seinen Bruder damit zum Schmunzeln brachte, weil er das tatsächlich sofort durchschaute.
Dann weißt du doch eigentlich, dass er in Ordnung ist. Gib ihm doch noch mal die Chance, dir alles zu erklären", wurde ihm vorgeschlagen, was ihn aufseufzen ließ. Das wollte er ja am liebsten auch, nur wie sollte er das zulassen, wenn es ihm so sehr an Vertrauen fehlte? Es war eine Sache, von seinem Partner betrogen zu werden, eine andere, wenn der beste Freund derjenige war, mit man betrogen wurde und eine noch andere, wenn jemand, der ein Freund sein sollte, es wusste und nichts sagte.

„Ich will mich aber nicht von allen verarschen lassen! Es wissen sowieso zu viele über mich Bescheid", entgegnete er und das war in der Tat etwas, was ihm inzwischen ziemlich große Magenschmerzen bereitete. Man konnte hier nicht vorsichtig genug sein und er hatte zu vielen Menschen schon zu viel von sich preisgegeben. Das konnte einem so schnell um die Ohren fliegen.
Aber so kommst du auch nicht vorwärts. Klar bist du auf alle sauer, aber vielleicht stimmt es ja und Arthur wollte nur nicht, dass du denkst, er denkt sich das aus um deine Beziehung zu zerstören. Und was Oscar betrifft... Bist du dir sicher, dass er wusste, dass ihr zusammen seid? Du hast doch aus deiner Beziehung selbst vor Freunden ein großes Geheimnis gemacht", erinnerte Dalton ihn, was ihm überhaupt nicht gefiel. Verständnis zu haben half ihm nicht, einen emotionalen Cut zu machen, wie er es eigentlich vorhatte.
„Nimmst du die jetzt alle in Schutz?", giftete er also ein wenig zurück, denn wenn sein Bruder ihm jetzt auch noch in den Rücken fiel, dann konnte er sich auch gleich vom nächsten Dach werfen, denn dann gab es echt niemanden mehr in seinem Leben, der auch nur einen Funken Verständnis für ihn hatte. Nicht, dass er so etwas wirklich vorhatte.
Nein. Aber Oscar und du, ihr habt euch mal sehr nahegestanden und so wie du redest, magst du Leclerc etwas mehr als du zugeben möchtest", fasste Dalton das Offensichtliche noch einmal für ihn zusammen. Er hasste das und er wollte es auch nicht zugeben, aber...

„Ja... Ich mag ihn schon...", musste er zugeben.
Denn in dem Moment, in dem Dalton ihn an Arthur erinnerte, musste er wieder an dessen Lächeln denken. Wie er ihm immer Mut gemacht hatte, wie er alles so locker nehmen konnte. Mit ihm hatte er tatsächlich mal richtig Lachen können und in seiner Gegenwart hatte er sich bis zu dem Abend in Imola auch nie unwohl gefühlt. Er mochte seine ganze Art und normalerweise wusste er, was es zu bedeuten hatte, wenn man sowas fühlte.
Komm, gib dir einen Ruck. Wenn dir seine Erklärung nicht gefällt, kannst du den Kontakt immer noch komplett abbrechen, aber lass dir die Chance nicht entgehen", untermauerte Dalton seinen Standpunkt. Es war schwer, weiter gegen ihn anzureden, weil sich sein Herz zwar dasselbe wünschte, aber überhaupt nicht dafür bereit war.
„Wenn du meinst...", murmelte er, doch er hatte nicht vor, es sobald in die Tat umzusetzen. Viel mehr wollte er Dalton nur signalisieren, dass er nachgab, damit er seine Ruhe haben konnte. Er wollte darüber nicht mehr reden und schon gar nicht mehr darüber nachdenken.
Meine ich", stellte sein Bruder noch klar und damit war im Grunde auch alles gesagt. Sie verabschiedeten sich voneinander und nun hatte er wieder einmal einiges, worüber er gründlich nachdenken konnte. Eigentlich wollte er das alles so weit, wie nur irgendwie möglich, von sich schieben, aber das ging nicht mehr. Die Gedanken kreisten und er fühlte sich alles andere als wohl damit.


Nachdem er aufgelegt und das Handy wieder eingesteckt hatte, biss er sich auf die Unterlippe.
Er überlegte noch, wie er vorgehen sollte. Im Grunde wollte er einfach nur schnell ins Hotel verschwinden, nachdem er seine Termine hinter sich gebracht hatte. Ihm war nicht danach, irgendwas zu unternehmen, auch wenn das hier in England sicher möglich wäre. Jemand wie er konnte hier durchaus weitestgehend unerkannt bleiben, sofern man sich etwas von der Rennstrecke entfernte.
„Hast du kurz Zeit?", wurde er da allerdings aus seinen Gedanken gerissen. Er blickte sofort auf, denn er war sich ziemlich sicher, dass diese Stimme nur Arthur gehören konnte.
Falsch gedacht. Es war nicht Arthur, der vor ihm stand, sondern dessen älterer Bruder Charles. Das kam nicht nur unerwartet und überraschend, es erschreckte ihn irgendwie auch ein wenig, denn er konnte sich nicht denken, weshalb dieser mit ihm reden wollen würde. Gleichzeitig schoss ihm aber auch durch den Kopf, dass er ein weiterer, nicht einkalkulierter Mitwisser sein musste, denn gewiss hatte Arthur sich bei ihm über ihn ausgelassen.
„Was willst du denn von mir?", fragte er also mehr als misstrauisch zurück. Langsam wusste er wirklich nicht mehr, was er von den ganzen Leuten hier denken sollte. Da war wieder dieser Gedanke, dass er sich besser gar nicht geöffnet und einfach verschlossen hätte.

„Nur reden", lautete die Antwort, die Charles ihm gab.
Er machte wirklich nicht den Eindruck, als ob er irgendwas Schlechtes im Sinn haben könnte, nur hatte er das zuletzt häufiger gedacht und dann feststellen müssen, dass er sich schwer getäuscht hatte. Er wollte sich das nicht mehr antun, weshalb er sich auch dazu entschied, dieses Anliegen lieber ganz schnell abzublocken.
„Tut mir leid, aber ich hab keinen Bedarf, mich mit anderen Fahrern zu unterhalten", entgegnete er, nicht unhöflich, aber deutlich genug, damit Charles merken sollte, dass es keinen Sinn machte, auf etwas anderes zu pochen. Doch der andere war beharrlich und schien sich so schnell nicht abwimmeln lassen zu wollen.
„Das kann ich verstehen. An deiner Stelle würde ich das auch so sehen", warf Charles mal mutig ein, doch das war genau das, was er lieber gar nicht hören wollte. Verständnis war hier gerade vollkommen fehl am Platz.
„Ach, wisst ihr jetzt alle Bescheid?", sprudelte es wütend aus ihm heraus. Das konnte doch nicht wahr sein! Er wollte nicht, dass jemand je hinter dieses Geheimnis kam und nun machte es die Runde, nur weil er selbst nachlässig geworden war. Er könnte sich so dermaßen selbst eine reinhauen dafür.

„Nur so viel, wie du deinem Bruder auch erzählt hättest", beteuerte Charles und das erinnerte ihn ungewollt an das Telefonat, welches er bis eben noch mit Dalton geführt hatte.
Kurz musste er daran denken, dass sein Bruder ihm dazu riet, Arthur die Chance zu geben, sich zu erklären, aber sein Herz war nach wie vor wohl noch nicht so ganz bereit, weshalb er einmal mehr versuchte, dieses Gespräch zu umgehen. „Wenn du so viel Verständnis hast, dann wirst du auch verstehen, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte."
Und mit diesen Worten wollte er eigentlich auch seinen Weg zum Hotel fortsetzen, doch Charles blieb beharrlich und gab sich noch lange nicht geschlagen.
„Das tu ich auch. Aber mein kleiner Bruder ist mir ziemlich wichtig und deswegen will ich versuchen dir zu zeigen, dass er gerade fast so sehr deswegen leidet, wie du", behauptete Charles und das war eine schwer zu ertragende Vorstellung. Natürlich wollte er nicht, dass Arthur litt. Genauso wenig, wie er selbst hintergangen werden wollte.
„Warum sollte er? Ihn hat keiner verarscht!", schoss er also aufgebracht zurück, ohne es zu wollen. Er wollte ruhig bleiben und nicht unfair werden, nur war das in diesem Moment auch ganz schön schwer.

„Das stimmt. Aber er mag dich schon ziemlich lange. Er hat sich zu keiner Zeit Hoffnungen gemacht, weil er von euch wusste und sich niemals in eine Beziehung gedrängt hätte. Was er erfahren hat, war purer Zufall und er wusste nicht, wie er dir das sagen sollte. Er wollte es dir sagen, aber hätte er dir irgendwann gesagt, dass er etwas für dich empfindet, hätte es ausgesehen, als würde er sich das alles nur ausdenken, um euch auseinander zu bringen", ließ Charles ihm nun keine andere Wahl, als sich sein Anliegen anzuhören.
„Charles, er hat mir monatelang verschwiegen, dass mein Partner und mein bester Freund es miteinander treiben!", warf er aus purer Verzweiflung ein. War das denn so schwer zu verstehen, dass ihn das eine Menge Vertrauen gekostet hatte?
„Er hat Oscar aufgefordert, es dir zu sagen. Er hat selbst viel riskiert. Sie hätten Arthur aus Rache outen können oder sonst was machen. Er musste vorsichtig sein. Er wollte es dir die ganze Zeit sagen, weil er selber nicht ertragen konnte, was die abziehen. Oder denkst du, Arthur hätte das alles auch nur getan, um dich zu verletzen?", stellte Charles ihm eine sehr entscheidende Frage, denn ähnlich wie Dalton schien auch er ihm klarmachen zu wollen, dass Arthur sicher vieles war, aber keiner, der aus purer Berechnung handeln konnte.
Und das wusste er selbst selbstverständlich auch, was er einräumen musste. „Nein. Natürlich nicht. Aber ich hab Felipe und Oscar sowas auch nicht zugetraut und die kenne ich viel länger, als Arthur", begründete er dennoch, weshalb er diesbezüglich so vorsichtig geworden war.

„Ich weiß. Ich verstehe das total", beteuerte Charles noch einmal und machte auf ihn tatsächlich einen ziemlich besorgten Eindruck.
Ihm gefiel der Gedanke nicht, dass es Arthur ebenfalls beschissen gehen könnte. Das wollte er überhaupt nicht. Nur, weil ihn seine Verschwiegenheit verletzt hatte, bedeutete das eben nicht, dass er ihm auf einmal komplett egal geworden war. Er vermisste ihre Gespräche.
„Geht's ihm wirklich so schlecht?", fragte er also doch mal lieber nach, wenn er hier schon die Chance bekam, mit Arthurs Bruder zu sprechen.
„Er möchte seit über einem Jahr mit dir zusammen sein. Was denkst du wohl?", kam es zurück und das hatte er selbstverständlich nicht gewusst. Ein Jahr war eine verdammt lange Zeit und er konnte kaum glauben, dass er davon überhaupt nichts mitbekommen hatte.
Er rang etwas mit sich, ehe er zugab: „Weißt du, ich möchte ihn die ganze Zeit anrufen. Mit ihm konnte ich immer viel besser über alles reden. Oscar ist mir lange aus dem Weg gegangen, sicher wegen seinem schlechten Gewissen und Felipe hat es nie interessiert, was ich denke. Im Grunde weiß ich, dass Arthur nicht so ist."
Das wusste er wirklich. So sehr er sich auch etwas anderes einreden wollte, aber sein Herz sagte ihm immer wieder, dass Arthur ein wundervoller Mensch sein musste, der einfach nicht so kalt und respektlos war, wie Felipe. Im Gegenteil.

„Keiner gibt dir die Schuld, Logan. Darum geht es mir auch nicht", stellte Charles klar. „Mir geht es nur um meinen Bruder, den ich endlich mal wieder richtig glücklich sehen möchte. Könntest du dir nicht vorstellen, noch einmal mit ihm zu reden?"
Schon merkwürdig. Diesen Ratschlag hatte er von Dalton ja auch bekommen. Vielleicht war das ja ein Zeichen, dass er es wirklich mal probieren sollte. Was hatte er denn schon noch zu verlieren? Mehr, als dass er Arthur am Ende eventuell doch verstehen konnte, konnte ja nicht passieren.
„Ich versuch es. Keine Ahnung, ob ich das wirklich kann, aber ich werde es versuchen", versicherte er also, denn Arthur war ihm immer noch wichtig und er durfte wohl auch nicht vergessen, wie viel Mut dazu gehört hatte Ein Liebesgeständnis gab man schließlich nicht einfach mal so unbedacht ab. Zumindest nicht, wenn man sich dessen nicht schon verdammt sicher war. Er hatte nur in dem Moment überhaupt nicht darüber nachdenken können, weil er so verletzt gewesen war über all die anderen Dinge, die passiert waren.
Charles schien diese Aussicht vorerst auch auszureichen. Irgendwie war es schön zu sehen, dass es zumindest eine Parallele zwischen Arthur und ihm gab. Ihre älteren Brüder würden wohl niemals aufhören, sich Gedanken um sie zu machen und waren wohl immer für sie da. Er sollte wirklich nicht sauer auf Arthur sein, weil er dieses Geheimnis seinem Bruder erzählt hatte. Immerhin brauchte jeder jemanden, mit dem er reden konnte.

„Okay. Ich würde mich ehrlich freuen, wenn ihr das hinkriegen würdet."


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