September
Enttäuschung wäre eine Untertreibung, um die Reaktion zu beschreiben, die Kyung zeigte, als Donghyuck ihm gesagt hat, Mark wäre beschäftigt. Aber - und das hat der Junge definitiv von seinem Vater - er hat trotzdem gute Laune, seine Freude über alles andere überwiegt und irgendwann hat er Mark halb vergessen. Die wichtigsten Menschen in Kyungs Leben (neben seinen Eltern) sitzen in der großen Wohnküche und essen seinen Lieblingskuchen - Schokolade-Banane: Renjun, Jeno, Donghyuck, seine Tante Jihyeon und ihr Mann Minho, und seine Großmutter, die den Kuchen seit zwei Jahren höchstpersönlich backt und das auch in Zukunft übernehmen will.
"Und, was hast du von Mama und Papa bekommen?", fragt Jihyeon. Sie sieht genauso wie Jeno und Minho todmüde und überarbeitet aus, es ist schließlich Freitag, aber für Kyungie bleibt sie noch ein wenig. "Ein Heft zum Japanisch lernen! Wenn ich mal nach Osaka gehe", verkündet Kyung stolz. "Magst du deinen tollen neuen Rucksack zeigen? Komm, wir holen ihn, was meinst du?" Renjun steht auf und verschwindet mit Kyung in dessen Zimmer. Sie kommen wieder mit einem schwarzen Rucksack im Gepäck, an dem weiße Flügel angebracht sind. Stolz dreht sich Kyung um die eigene Achse und zumindest Kyungies Großmutter ist ehrlich begeistert. Donghyucks Handy vibriert und eigentlich geht Kyung immer vor - auch wenn Mark Lee sein Boss ist. Aber es ist eben auch Mark Lee, und vielleicht ist es dur den Jungen. Während jeder die Rucksackflügel neugierig befühlt, steht Donghyuck auf und geht ins Kücheneck. Jihyeon und Renjun werfen ihm gleichermaßen verwirrte und besorgte Blicke zu, während Jeno nahezu vorwurfsvoll dreinschaut.
"Sir?"
Das Sir ist für ihn tatsächlich mehr ein Spiel als alles andere, auch wenn Mark auf der Arbeit immer noch darauf besteht. "Hey, Donghyuckie", grüßt er ihn gut gelaunt und der Kosename ist Donghyuckd Freigabe. "Hey, Mark." Er lächelt. "Wie war das Meeting heute?"
"Naja. Aber das kann ich dir am Samstag erzählen. Will nicht deine Laune ruinieren an Ks großem Tag. Apropos, ist der Birthday Boy noch wach?" Donghyuck betrachtet seinen Neffen, der eingekuschelt ist in den Armen seiner Großmutter. Mark hat das Meeting heute zu seinem Projekt ganz alleine übernommen und ihm versichert, er könne sich am Geburtstag des Kleinen ruhig freinehmen. "Natürlich, er ist ja schon groß."
"Sagst du ihm, dass ich angerufen habe und ihm alles Gute wünsche?"
"Kannst du selbst doch auch", ärgert Donghyuck ihn. Mark winselt. "Ich dachte nur...", beginnt er hilflos und wird immer leiser. Donghyuck kichert kaum hörbar. "Hör mal, ich will euch nicht trennen", stellt er klar. "Er hat dein sorgloses Lächeln", erklärt Mark völlig aus dem Nichts. Donghyuck dreht sich zum Fenster, er spürt die Röte in seinen Wangen schon. "Das ist Gaeuls", korrigiert er verlegen. Aber tatsächlich hat sein Bruder schon öfter betont, dass sein Neffe Donghyuck wirklich ähnlich sieht. "Naja. Kyung, hier ist jemand für dich. Mark." Der Junge kommt blitzschnell auf die Beine und flitzt herüber, nimmt Onkel Hyucks Handy. "Hi Mark!" krächzt er, aufgekratzt und überglücklich. Mit seinem Flügelrucksack geht er in den Flur und quatscht dabei, was das Zeug hält. Donghyuck schaut lächelnd hinterher. "Mark?", wiederholt Jihyeon. "Mark Lee?", fragt Renjun, und Jeno stimmt ein, als hätten sie sich abgesprochen: "Ist das nicht dein Boss?"
Donghyuck nickt unsicher. "Ja, er ist... nett", sagt er lahm. "Nett", echot seine Cousine lauernd und wechselt einen Blick mit ihrem Mann. "Ja, er hat mir heute freigegeben." Kyungs Oma, ahnungslos und gemütlich, sagt achselzuckend: "Ihr hättet ihn ja auch einladen können." Donghyuck lässt sich neben Jeno nieder. "Hätten wir", murmelt er. Sein dunkelhaariger Freund weiß um die Brisanz des Themas. "Ist das nicht der, der auf meinen Katersaft mit einem Dornröschen-Schlaf reagiert hat?", lenkt er ab. Donghyuck nickt dankbar. "Als er wieder aufgewacht ist, war alles gut!" Mark kam zwar ins Zimmer und sagte schläfrig Donghyucks Namen, während der mit seinem Bruder telefonierte, aber sonst war wirklich alles gut und Mark fit.
Renjun stupst Jeno an. "Dein Saft ist einfach klasse, Jen." Der grinst und will gerade etwas erwidern, da kommt Kyungie wieder und reicht das Smartphone feierlich mit beiden Händen und Renjuns Hilfe über den Tisch. Donghyuck sieht, dass Kyung noch nicht aufgelegt hat, aber er verzichtet darauf, aufzustehen. "Wie ist das Businessdinner?" fragt er leise nach Marks heutiger Ausrede. "Sehr schön. Jungwoo und ich haben uns Döner geholt", gibt Mark zurück und im Hintergrund ruft jemand "Hallo!". Donghyuck überlegt, ob Jungwoo der mit dem Kind ist, der mit dem Hund oder doch der Architekt, da spricht Mark schon weiter.
"Also morgen um 10?"
"Genau."
"Prima."
"Danke."
"Keine Ursache. Dann will ich eure Feier nicht länger unterbrechen. Tschüss, Donghyuck!"
"Bis morgen." Er legt auf und tut so, als hätte er die gespannten Blicke der anderen nicht schon längst gespürt. "Was?", fragt er, seine beste Idee trotz intensivem, fieberhaften Grübeln. "Bis morgen?" Jihyeon schürzt neugierig die Lippen. "Er ist der Freund mit dem Auto, von dem ich dir erzählt habe."
"Mark kommt mit zum Einkaufen?" Kyung schiebt die Unterlippe vor. "Warum sagst du mir das nicht, Onkel Hyuck?" Er verschränkt die Arme vor der Brust. "Weil ich dich nicht mitnehme, basta. Du weißt, es ist viel los und weit weg und ja. Außerdem kommt Renjun morgen mit dem Fahrrad, extra für dich. Willst du ihn ausladen?" Donghyucks Stimmlage springt von unerbittlich zu besänftigend zu überzeugend und zurück zu unerbittlich. Kyung schüttelt vorsichtig den Kopf. Mit Renjun malt er furchtbar gerne Mandala. "Vielleicht will er ja zum Mittagessen bleiben?", schlägt der blonde Chinese kleinlaut vor. Donghyuck zuckt mit den Schultern. "Ich kann mal fragen, einverstanden?"
![KYUNG [SANA]](https://img.wattpad.com/cover/354799301-64-k105625.jpg)