Wer hätte das gedacht?
Eigentlich war meine Planung doch so einfach.
Alles was ich wollte, war:
1. In Ruhe gelassen werden.
2. mir mindestens drei Katzen zulegen.
3. ja niemandem auffallen.
4. mich soweit wie irgendmöglich mich von meiner Alkoholi...
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Eins musste man den Suderows ja schon lassen ... die Betten der zahllosen Gästezimmer bestanden aus Wolken! Ohne Mist ... ich hatte das Gefühl, als würde ich auf der weichsten und perfektesten Wolke liegen, die der Himmel je ausgepupst hatte. Nach den Ereignissen des Tages war ich völlig ausgelaugt, dennoch wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Wieder einmal hatte mein Leben eine unerwartete Wendung bekommen und mein erschöpfter Verstand versuchte verzweifelt mitzuhalten.
Raphael und ich mussten uns nicht mehr verstecken und ungefähr eine Millisekunde, nachdem wir mit der völlig erledigten Alessia die Suderow Villa betreten hatten, hatte mich die Ulknudel Sergej beiseite gezogen und geflötet: „Ein Sekündchen, bitte. Der Chef bringt eben sein Love Interest ins Bett und dann möchte er ein, zwei Takte mit euch beiden besprechen." Ich war auf meinem Liebsten einen Blick zu, verdrehte die Augen und marschierte ins Wohnzimmer. Mal ehrlich, ich war todmüde, angeschossen, hatte Kopfschmerzen und eine Laune zum Niederknien. Das Einzige, was mich halbwegs aufrecht hielt, war der Gedanke, dass meine süße kleine Schwester Helena in Sicherheit war und ich mit ziemlicher Sicherheit den Volldepp Maxim nicht heiraten musste. Die kleinen Dinge, an denen man sich doch erfreuen konnte. Hinzu kamen, dass ich mir hundert pro nichts vom Stellvertreter meines Ex-Verlobten sagen lassen würde. Ich meine, hallo ... ? Ich habe mir vorher schon nichts von ihnen sagen lassen; jetzt, wo ich endlich frei war, würde ich unter Garantie nicht damit anfangen. Mit einem erleichterten Seufzer ließ ich mich auf eins der flauschigen Sofas nieder und lehnte müde meinen Kopf an. Das war vielleicht ein Tag gewesen ... jetzt musste ich nur noch einen Weg finden, wie ich Helena beibringen konnte, dass unsere Eltern Geschichte waren. Na, Prost, Mahlzeit. Das konnte entweder ein Drama werden, gegen das Macbeth wie eine Seifenoper wirkte, oder es würde sie nicht mal ansatzweise interessieren. Große, warme Hände begann meine Schultermuskeln zu massieren und ich linste mit einem halb geöffneten Auge nach oben. „Hmmmm ...", kommentierte ich Rafaels Zuwendung und beschloss, dass ich das klärende Gespräch mit Helena auf später vertagen würde. Ich brauchte eine Mütze Schlaf! Ganz, ganz dringend. Und eventuell ein paar ziemlich ausgiebige Schmuseeinheiten!
Schritte wurden laut und dann marschierte mein werter Ex-Verlobter nebst seiner wunderbaren Mutter ins Zimmer. Sie sah mich und stürzte direkt zu mir. „Sarina, meine Liebe ... wie geht es dir? Was kann ich tun, um dir zu helfen?" Und willkürlich musste ich lächeln. Mrs. Suderow war einfach nur ein Goldstück, obwohl ihr Sohn und ich eindeutig nicht mehr unser Leben würden teilen, hatte sie dennoch eine Klasse, die man lange suchen musste und behandelte mich immer noch wie ein Familienmitglied. Maxim verdrehte kurz die Augen, dann riss er sich jedoch zusammen und setzte sich mir gegenüber in den Sessel. „Das wäre ja beinah schiefgegangen", sagte er und rieb sich müde übers Gesicht. Ich gab ihm absolut recht. Das war wirklich beinah mal so richtig schiefgegangen. Wäre die Verstärkung auch noch ein paar Sekunden später da gewesen, würden Alessia und ich uns jetzt gemeinsam die Radieschen von unten ansehen. Und was Vitali mit der kleinen Kiara gemacht hätte, wollte ich mir gar nicht ausmalen! Der riesige Muskelprotz in der Ecke knurrte auf einmal wie ein gereizter Wolf, dem ein Bär gerade seine frisch erledigte Beute geklaut hatte. Anscheinend gingen seine Gedanken in die gleiche Richtung, Onkel Dego hatte echt einen Narren an dem Rauschgoldengelchen gefressen. Ich bezweifelte ganz stark, dass sein aufgebrachtes Rumgegrolle etwas mit meinem angeknacksten Wohl und Wehe zu tun gehabt hatte. Da hatte wohl eher jemand Vatergefühle entwickelt und die feuerten fuchsteufelswild die Wut an, die im Innern des Riesen schwelte.
„Deine Eltern sind übrigens noch nicht tot. Wir haben die oberste Kommandoriege ins Jenseits befördert, deine Eltern sitzen aber erstmal noch im Garten Eden ein. Versteh mich nicht falsch, sie werden sterben, aber in dem Moment hatte ich Wichtigeres im Kopf." Maxim nahm dankbar das Glas mit Wodka entgegen, das ihm seine Mutter in die Hand drückte und drehte es so, dass das Licht in dem Kristall Regenbögen schlug. Mit einem liebevollen Lächeln reichte Mama Suderow mir ebenfalls etwas flüssigen Mut und ich stürzte das scharfe Getränk sofort herunter. Wärme breitete sich endlich in meinem Körper aus und ich atme erleichtert auf. „Danke", flüsterte ich, und Maxims Mutter zwinkerte mir fröhlich zu. Sie wusste wohl aus eigener Erfahrung, wie wichtig eine gute Selbstmedikation hin und wieder war. Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder meinem Ex-Verlobten zu. Hatte er gerade wirklich gesagt, meine Eltern waren noch am Leben? „Jepp", murmelte er, anscheinend gerade zum Gedankenleser geworden. „Sie leben noch. Schwer angeschlagen, das will ich zugeben, aber noch haben sie keine Kugel im Kopf. Meine Frage wäre, ob du diese Ehre übernehmen willst?" Da muss ich nicht groß überlegen. Ich schüttelte den Kopf. Mir war schon klar, dass ich ihr Leben nicht retten konnte und wenn ich ganz ehrlich zu mir war, wollte ich das auch nicht. In dem Moment, als ich erfahren hatte, dass sie Alessia und ihre kleine Tochter in unseren Kerkern eingebuchtet hatten, hatte ich gewusst, dass sie damit zu weit gegangen waren. Aber ich war dann doch nicht so kaltblütig, dass ich meine eigenen Eltern umbringen konnte, indem ich den Abzug der Knarre durchzog. Und ja, ich weiß, dass meine Entscheidung, Alessia und Klein-Kiki zu retten, das Todesurteil meiner Erzeuger unterschrieben hatte, dennoch ... Maxims dunkler Blick wurde zum ersten Mal weich, als er mich ansah. Er verstand mich. Verstand, dass ich, auch wenn ich mich mit dem Tod meiner Eltern abgefunden hatte, diesen nicht aktiv herbeiführen konnte. „Möchtest du ihnen noch irgendetwas sagen, bevor Diego seine neu entdeckten Gefühle an deinen Erzeugern auslebt?" Darüber dachte ich kurz nach. Aber wenn ich ehrlich sein sollte, da gab es einfach nichts mehr. Es gab absolut nichts mehr, was ich sagen konnte oder was sie mir sagen konnten. „Was ist Garten Eden?", fragte Raphael verwirrt und das unheilige Drillingsgestirn gackerte los, als hätte sich gerade jemand auf ein Furzkissen gesetzt. Maxims Mutter warf ihnen einen leicht genervten Blick zu, dann antwortete sie: „Das sind unsere Hochsicherheitsverliese. Ich habe sie Garten Eden genannt. Es war eigentlich als Scherz gemeint gewesen, aber irgendwie hat sich der Name gehalten." Klang auf jeden Fall besser als Kreisch- oder Todeskammern, fand ich. Nachdem Maxim sich wieder gefangen hatte, betrachtete er mich ruhig, dann gab er mir endlich meinen erwarteten und doch so ersehnten Freispruch. „Wir werden nicht heiraten, Sarina." Nicht mehr ... nur dieser eine Satz und ich spürte, wie eine ungeheure Last von meinen Schultern fiel. Ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus und ich warf Rafa einen verstohlenen Blick zu. Er sah vorsichtig optimistisch aus, während er mir sanft die Schulter drückte.
„Wie geht's jetzt nur weiter?", murmelte ich, mehr zu mir selbst, doch Maxim antwortete: „Irgendwer muss deine Familie übernehmen ... Ich könnte die Smirnov Bratwa unserer einverleiben, allerdings würde dies vermutlich zu Unstimmigkeiten mit den anderen großen Familien führen, die jetzt schon denken, dass die Suderows zu mächtig sind. Wenn wir Pech haben, könnte das zu einem ungewünschten Zusammenschluss führen, um das Machtverhältnis zu kippen. Ich denke daher, dass du die Leitung übernehmen solltest. Du kennst deine Leute, kennst das Geschäft und bist freundschaftlich mit meiner zukünftigen Frau verbunden ..." Ich hob die Augenbrauen und dachte auch darüber nach. Erinnerte mich an all die Dinge, die in jüngster Vergangenheit geschehen waren und dann hatte ich einen Moment absoluter Klarheit. „Nein. Ich weiß das Angebot wirklich zu schätzen, verstehe mich nicht falsch, aber nein. Ich will mit dem ganzen Scheiß nichts mehr zu tun haben. Ich möchte reisen, mir die Welt anschauen ... Erfahrungen sammeln und mir nicht in einer Tour Sorgen um Saboteure machen, die an meinem Stuhl sägen." Mutter Suderow musterte mich mit einem Respekt, der vorher in dieser Art nicht da gewesen war. Als Ehefrau eines ehemaligen und Mutter eines amtierenden Bratwa Pakhans wusste sie genau, welche Art von Gefahren vor allem auch auf deren Familie lauerten. „Ich verstehe ... dann müssen wir mal schauen, wer an deine Stelle treten kann", murmelte Maxim erschöpft und fuhr sich mal wieder durch die dunklen Haare, die mittlerweile in alle Richtungen abstanden.
„Das werde ich tun!" Wir drehten uns alle erstaunt um und sahen meine kleine Schwester Helena an, die an den Türrahmen gelehnt dastand und uns alle voller Ruhe ansah.