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"Du wirst es nicht glauben. Ich kann Magie kanalisieren! Ich kann es wirklich!", rief ich aufgeregt als ich in die Güterhalle stürmte.

Lucas hatte mir geschrieben, solle sofort kommen - er hätte etwas Wichtiges zu erzählen. Und da war ich. Voller Euphorie, mit pochendem Herzen und einem fettem Grinsen im Gesicht.

"Wie das? Hast du experimentiert? Was ist passiert?", fragte Lucas, der schon auf mich gewartet hatte, mit überraschtem Gesichtsausdruck.

"Heute früh. Ich hab meditiert - auf dem Dach vom alten Südkrankenhaus. Keine Ahnung wie, aber ich bin tatsächlich über den Boden geschwebt und habe geleuchtet."Ich strahlte ihn an, immer noch total aufgedreht. Auf Lucas' Gesicht spielten sich eine Vielzahl an Emotionen ab. Er rang offensichtlich mit sich. Schließlich zeichnete sich, dann aber doch der Hauch eines Lächelns auf seinen Lippen ab.

"Das schaffen tatsächlich die wenigsten gleich auf Anhieb. Du... Warst mit Lis dort oder?" Seine Stimme klang belegt auch, wenn er versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

"Ja.. schon." Ich wich seinen Blick aus, wusste genau dass ihm das nicht gefiel.

Nach einem kurzen Moment der Stille holte ich tief Luft. Ich wollte nicht mit ihm streiten. Nicht jetzt.

"Aber nun zu dir. Ich will alles wissen. Wie lief das Ritual? Bist du jetzt offiziell Teil des Zirkels?"

"Hey ruhig bleiben." Seine Laune besserte sich sofort. Er lachte leise. "Setz dich doch erstmal hin und dann erzähle ich dir alles."

Ich ließ mich sofort neben ihm nieder. Sah ihn erwartungsvoll an.

"Also... um ehrlich zu sein - so spektakulär, wie leuchtend schweben, war' s nicht gerade", begann er, mit einem schiefen Grinsen.

Was? Natürlich war es das - er hatte zum ersten Mal Magie gewirkt.

"Es war eine Art Glücksritual. In der Mitte stand ein Altar mit grünen Kerzen und Steinen - Aquamarin, Malachit, Jade. Wir standen im Kreis darum, jeder sprach einen Spruch - für die Menschen, denen er in diesem Mond Schutz und Glück bringen will. Und sich selbst natürlich auch. Zum Abschluss musste jeder von uns drei Tropfen Blut in eine Schale geben. Dieses wurde dann über die Steine geschüttet."

Ich lauschte gebannt.

"Und dann? Was ist dann passiert?", fragte ich.

"Nicht sehr viel. Die Steine haben geleuchtet und das Blut verschwand. Wie der Zauber wirkt, wird sich erst in den nächsten Tagen zeigen."

Er zuckte mit den Schultern als er das sagte. Für ihn war es vielleicht nicht viel, aber ich konnte sehen, was es mit ihm gemacht hatte. Seine Augen - diese klaren blauen Augen - funkelten. Da war etwas neues in ihnen. Stolz. Selbstvertrauen.

"Für wen hast du deinen Spruch aufgesagt?", fragte ich leise.

Sein Blick senkte sich nur für einen Moment.

"Du weißt dass es da nicht viele Leute gibt." Er lächelte sanft. "Also war's für dich. Und für Mama. Wo auch immer sie wohl ist."

Ein leichter Stich durchfuhr mein Herz. Ich hätte diese Frage nicht stellen sollen. Heute sollte ein guter Tag sein. Er sollte nicht an sie denken müssen.

Lucas sprach ruhig weiter, als hätte er meine Gedanken gehört. "Ist schon gut. Ich weiß, was du denkst. Aber ... es war ein schönes Gefühl. Sie in den Worten zu spüren. Und dich."

Ich nickte stumm. Jeder wusste, wie sehr sie darunter litt, dass seine Mutter verstoßen worden war. Der Zirkel hatte sie verbannt, ihr die Kräfte genommen, nur weil ihr Sohn nicht reinblütig war. Kontakt war verboten. Sogar ein Aufenthalt in der Stadt.

Für die meisten war Lucas nur 'das Monster ohne Mutter'.

"Aber hey...," fuhr er mit aufgesetzter Fröhlichkeit fort, "heute ist trotzdem ein guter Tag. Sie haben mir Unterricht zugesagt. Ich bin jetzt offiziell Schüler. Auch wenn ich auf dem Level eines Sechsjähigen einsteige."

Er lachte bitter, doch sein Blick blieb hell.

"Das ist doch super", erwiderte ich und legte meine Hand auf seine. "Du wirst sehen - es geht aufwärts. Bald bist du den anderen gleichgestellt. Und dann... wird alles gut."

Er erwiderte meinen Blick. "Danke, Sam. Dafür dass du immer da warst. Egal was war."

"Dafür musst du dich nicht bedanken. Du bist der einzige, den ich habe. Für dich würde ich alles tun."

Er sah mich an, zögerte. Überlegte.
"Sam ich... habe lange überlegt wie ich dir das sagen soll." Er fuhr sich nervös durch die Haare. Ich runzelte die Stirn.

"Ich liebe dich. Schon so lange ich denken kann. Mit allen deinen Macken und Unsicherheiten. Ich liebe dich. Und - und ich habe eine riesige Angst dich zu verlieren. Dass du dich in Gefahr bringst, aus der du nicht mehr raus kommst." Er atmete schnell. Begann zu stottern. Mir wurde warm. Mein Herz raste - seine Worte hallten in mir nach.

Noch bevor ich den Inhalt seiner Worte vollständig fassen konnte, berührten seine Lippen meine. Der Kuss war sanft, fühlte sich vertraut an. Aber gleichzeitig auch falsch. Er war mein bester Freund, mein Anker.

Mehr als Freunde? Darüber hatte ich nie nachgedacht. Es nie in Betracht gezogen. Das hier riss mir den Boden unter den Füßen weg.

Mein Körper spannte sich an. Als unsere Lippen sich kurz trennten, flüsterte ich heißer: "Luke... bitte..."

Sein Blick war stumm, wartend.

"Du bist mein bester Freund", fuhr ich fort. "Ich wusste doch nicht, dass du- Es tut mir Leid. Aber ich muss das erstmal Sacken lassen."

Ich sah die Enttäuschung in seinen Augen. Mein Herz zog sich zusammen.

"Sam..."

Er versuchte zu lächeln - scheiterte.

"Es tut mir leid..", flüsterte ich und rannte hinaus, meine aufsteigenden Tränen mit schnellen Bewegungen wegwischend. Als könnte ich damit auch diesen Moment von mir schieben.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt