Der Kuss war roh, unkontrolliert. Wie ein Sturm, der ohne Vorwarnung über mich hereinbrach. Luciens Arm lag noch immer fest um mich geschlungen, nicht einmal ein Blatt Papier hätte zwischen uns gepasst.
Ich schloss die Augen. Ein Schauer durchfuhr mich. Bevor ich überhaupt denken konnte, schob sich meine Hand wie von selbst in seine Haare. Meine Lippen öffneten sich leicht, reagierten auf den Kuss.
Lucas blitze vor meinem inneren Auge auf. Der Blick voller Wut und Enttäuschung, wie ich ihn nur zu gut kannte.
'Was zur Hölle tust du da?'
Erschrocken riss ich die Augen auf, riss mich los und taumelte rückwärts. Mein Atem ging viel zu schnell, während mein Herz sich schmerzhaft zusammenzog.
Lucien stand still da, rührte sich nicht. Für einen Moment huschte ein Ausdruck über sein Gesicht, den ich nicht deuten konnte. Etwas Ungewohntes. Etwas, das er nicht unter Kontrolle hatte. Doch er war so schnell vorbei, dass ich es mir genauso gut eingebildet haben könnte.
"Erst röstest du mich fast ... Und dann küsst du mich einfach. Ist das dein scheiß Ernst?!" Ich wollte ihn anschreien, meine Wut und meine Scham herauslassen. Doch meine Stimme klang viel zu weich, zu brüchig, zu atemlos. Schnaubend fuhr ich mir durch die Haare, versuchte dieses verdammte Kribbeln in meinem Bauch zu verdrängen. Dieses viel zu deutliche, viel zu falsche Gefühl, das sich dort eingenistet hatte.
Er antwortete nicht. Stand einfach da. Sein Brustkorb hob sich unregelmäßig. Der Kiefer war angespannt, das Gesicht zu einer Maske erstarrt. Nur in seinen Augen, die weiterhin auf mir ruhten, lag ein erschreckend weicher Glanz.
"Du weißt ganz genau, dass ich mit Lucas zusammen bin", setzte ich nach. Nun war meine Stimme fester. Ich funkelte ihn an, wartete auf irgendeine Reaktion.
"Dass ich ihn liebe", fügte ich leise, kaum hörbar hinzu.
Lucien öffnete den Mund, rang nach Worten. Dann schloss er ihn wieder, wandte den Blick ab. Stille breitete sich zwischen uns aus. Eine, die schlimmer war als jede Rechtfertigung.
Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Tränen brannten bereits in meinen Augen.
Er seufzte und machte einen Schritt auf mich zu. Doch ich wich zurück. Weitere Nähe ertrug ich nicht. Weiteren Kontrollverlust.
Mit gesenktem Blick lief ich an ihm vorbei und ließ ihn stehen. Ich stoppte, erst als die Tür meines Zimmers hinter mir ins Schloss fiel. Schluchzend ließ ich mich auf das Bett fallen. Die Tränen liefen mir mittlerweile in Strömen übers Gesicht.
Ich krallte mich in mein Kissen, während die Emotionen über mich hinwegrollten. Wut. Scham. Fassungslosigkeit. Nicht einmal wegen des Kusses selbst. Nein.
Wegen dem, was er in mir auslöste. Noch immer konnte ich ihn schmecken. Der bloße Gedanke daran ließ mein Herz aus dem Takt geraten und hinterließ ein verräterisches Ziehen tief in mir.
-
Lucien sah ihr stumm nach. Sein Herz schlug noch immer viel zu schnell. Ein Teil von ihm wollte sich bewegen, ihr nachlaufen, irgendetwas sagen.
Doch er tat nichts.
Sein Blick blieb an der Stelle hängen, an der sie gerade eben noch gestanden hatte. Die Luft dort fühlte sich leer an. Falsch.
Ein harter Kloß lag ihm in der Kehle, seine Brust war unangenehm schwer. Er presste den Kiefer zusammen. Das Ziehen bedeutete nichts. Zurückweisung kratzte nun mal am Ego. Mehr nicht.
Seine Hand wanderte zu der Zigarettenschachtel in seiner Tasche. Er zog sie heraus, wog sie kurz, steckte sie dann wieder zurück. Das brachte ihn jetzt auch nicht weiter. Änderte nichts an der Situation. Nichts daran, dass es unnötig war.
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasíaDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
