Sie brachten mich hinein. Das innere sah genauso aus wie von außen vermutet: staubig, heruntergekommen und ziemlich leer. Der Putz bröckelte vom den Wänden und überall hingen Spinnweben. Der muffige Geruch alter Stoffe und abgestanderner Luft stieg mir in die Nase. An der spärlichen Einrichtung konnte man erkennen, dass dies einst ein Stattliches Haus gewesen sein musste. Aber das musste Jahrzehnte zurückliegen. Alles in allem war es aber nicht der Ort, mit dem man einen Vampirclan in Verbindung bringen würde.
Zumindest dachte ich das - bis sie mich in den Keller führten.
Der Anblick verschlug mir regelrecht die Sprache. Der Kontrast war überwältigend. Der Raum vor mir wirkte wie eine skurrile Mischung aus Nobelhotel und Gothic- Fantasy: schwarzer Marmor, blutroter Samt, dicke Teppiche und ein Kamin, der flackerndes Licht auf ein großes schwarzes Ledersofa warf. Die Luft roch nach teurem Holz, Leder und etwas metallischem, das ich nicht zuordnen konnte.
'Also bin ich hier wohl im Dämonen- Hilton gelandet..', dachte ich.
Sie setzten mich auf das Sofa. Das Leder war kühl, aber überraschend weich. Dann ließen sie mich allein. Die Stille drohte mich zu ersticken. Mein Kiefer pulsierte immernoch. Was würden sie jetzt wohl mit mir machen? Mich foltern? Informationen hatte ich keine. Wie auch? Mir wurde ja nichts gesagt. Also würden sie mich wohl töten. Mein Herz begann schneller zu schlagen.
'Ob mir Raziel wohl doch noch zur Hilfe kommt... Oder lässt er mich hier jetzt wirklich sterben?', fragte ich mich, während meine Verzweiflung wuchs.
Einige Minuten verstrichen. Dann hörte ich Schritte. Die Tür öffnete sich. Die Gestalt, die hereinkam war... unbeschreiblich. Ich weiß das klingt übertrieben, aber wie soll man etwas beschreiben, das jede Sprache sprengt? Ihre Bewegungen waren elegant, fast lautlos, ihr Anblick wie ein Gemälde. Das absolut makellose Gesicht wurde von langen dunkelroten Haaren eingerahmt, die fast die Farbe von Blut hatten. Ihre Augen, fast bernsteinfarben, leuchteten im Halbdunkel des Raumes.
Sie trat näher, ihre Präsenz wie ein kalter Hauch auf der Haut.
"So du bist also der kleine Nephilim"
Ihre Stimme war weich. Samtig. Fast zu freundlich für diesen Ort. Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte sie mir schon eine seltsam bitter schmeckende Flüssigkeit eingeflößt. Einfach so. Ohne Ankündigung. Ohne Erklärung.
'Was zur Hölle war das denn bitte..?!'
Ich verzog das Gesicht, schüttelte mich.
Das Zeug schmeckte, als hätte man Lakritz mit verbrannter Erde und Mottenpulver gemischt.
Eine gewaltige Hitze ergriff meinen Körper. Es fühlte sich fast an, als würde Lava durch meine Adern fließen. Ich stöhnte und verkrampfte mich. Mein Kieferknochen schloss sich wieder zusammen. Es knackte. Dann nach einigen Minuten, verflog der Schmerz plötzlich. Meine Wange war abgeschwollen und ich konnte den Mund wieder normal bewegen.
'Wow..'
"Unser Gift lässt sich hervorragend als Heilmittel verarbeiten."
Die Stimme kam plötzlich. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass der weißhaarige Vampir den Raum betreten hatte.
Ich zuckte zusammen.
"D.. Das war Vampirgift?", fragte ich vorsichtig, immer noch unsicher, was mein Kiefer aushielt.
Er nickte.
"Oder besser gesagt ein Destillat davon. Zusammen mit ein paar Kräutern, kann man die Heilwirkung verstärken und verhindern, dass eine Verwandlung eingeleitet wird."
Lässig setze er sich mir gegenüber. Doch trotz seiner entspannten Haltung, war jede Bewegung kontrolliert - wie die eines Raubtiers, kurz vor dem Absprung.
"Also", begann er, " fangen wir mal damit an wer du bist."
"Aber... Das wissen Sie doch schon...", erwiderte ich verwirrt, runzelte die Stirn.
Er schüttelte den Kopf
"Nein. Ich weiß was du bist, aber nicht wer du bist."
Machte das wirklich einen Unterschied?
Ich schluckte und antwortete: "Ich bin Samantha."
Der Name kam mir in diesem Moment fremder den je vor. So alsgehörte er gar nicht mir.
"Samantha also," wiederholte er und lächelte schmal. "Freut mich. Dann beantworte mal ein paar Fragen."
"Und die wären?"
"Warum nutzt du deine Runen nicht?"
Panik stieg in mir auf .
'Scheiße'
Was sollte ich jetzt sagen? Die Wahrheit war keine Option. Wenn er wusste, dass ich keine Kräfte hatte, war ich geliefert.
"Weil ich nicht will.", platzte ich heraus.
'Tolle Antwort, Sam. Echt überzeugend'
Er musterte mich mit einem Blick der ganz klar sagte: Ernsthaft jetzt?
"Du willst dich also nichtmal heilen?", fragte er, die Augenbraue spöttisch hochgezogen. Sarkasmus tropfte von jedem Wort.
"Hab keine", log ich
Er drehte meine Hand und deutete auf die Rune an meinem Handrücken. Die Heilrune. Sie war unübersehbar.
'Fuuck'
"Sieht für mich aber ganz danach aus."
"Die sieht nur so aus....", versuchte ich zu erklären.
Er sah mich schweigend an. Eine Ewigkeit. Dann lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme
"Ich habe trotzdem ein Angebot für dich."
"Aha", murmelte ich.
"Du arbeitest für uns - und im Gegenzug bringen wir dir bei, wie man ohne Runen kämpft. Nehmen dich hier auf."
Ich starrte ihn mit großen Augen an. "Ohne Runen?!"
Alles wirklich alles hatte ich erwartet, aber ganz sicher nicht das.
"Glaub nicht, ich hätte nicht gesehen, was du um den Hals trägst", fügte er leise hinzu. "Ich Frage mich nur was du angestellt hast, dass man dich direkt versiegelt."
Meine Hand wanderte unwillkürlich zu der Siegelrune. Das lederne Band brannte plötzlich, wie Eis auf meiner Haut.
Ich sagte nichts. Ich konnte nichts sagen.
Ich hatte meine Wahl. Nicht wirklich.
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasyDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
