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Mein Handy vibrierte und riss mich brutal aus dem Schlaf.

'Welcher hirnverbrannte Vollidiot ruft mich denn mitten in der Nacht an?!'

"Was?!", knurrte ich ins Handy, ohne überhaupt zu schauen, wer dran war.

"Gut du bist wach. Ich warte draußen auf dich.", drang eine weibliche Stimme an mein Ohr.

"Lis?! Verdammt was willst du.. Es ist Samstag..",grummelte ich verschlafen.

"Ich hab dir doch geschrieben wir treffen uns um fünf."

"Ja um fünf - es ist aber halb vier! Bist du irre?!", fuhr ich sie an, nachdem ich auf das Display geschielt hatte.

"Es gab halt ne Planänderung. Und jetzt still und komm raus. Ich stehe an der Straße." Klick. Sie hatte aufgelegt.

Ich starrte das Handy ungläubig an. Mitten in der Nacht vor der Akademie. Wenn sie jemand bemerkte, waren wir beide geliefert. Fluchend stand ich auf, zog mich im Eiltempo an und betete, dass die anderen alle schliefen.

Trotz Lederjacke fröstelte ich, als ich in die kalte Nacht schlich. Ich blickte mich nervös um, doch Lissandra war nirgends zu sehen.

"Verdammt, sie meinte doch, sie wäre hier...", murmelte ich und lief vorsichtig die Straße entlang. Keine Spur von ihr.

"Du musst aufmerksamer werden", ertönte plötzlich eine Stimme hinter mir.

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Instinktiv wirbelte ich herum, ging in Kampfposition. "W - was zum - ?!"

Da war sie, wie aus dem Schatten geschnitten. Sie trug eine enge schwarze Lederjacke, Hose und Stiefel - in der Dunkelheit kaum auszumachen. Und verdammt - es stand ihr.

"Du sagtest du wartest an der Straße.", fauchte ich.

"Hab ich auch. Aber mir wurde zu langweilig.", grinste sie. "Hat ganz schön lange gedauert."

Ich ballte meine Hände unwillkürlich zu Fäusten.

'ZU LANG?! IM ERNST?!'

Für so einen Mist war es echt zu früh.

"Reg dich ab", meinte Lis nur achselzuckend. " Daran musst du dich gewöhnen, wenn du mit mir arbeiten willst."

Dass sie meine Wut einfach so weglächelte war unverschämt - und gleichzeitig faszinierend. Offensichtlich
konnte ich von ihr noch viel mehr lernen, als bloß zu kämpfen.

"Kommst du?", fragte sie, drehte sich um und ging einfach los.

Natürlich.

Ich hetzte ihr hinterher. Sie bewegte sich schnell und zielgerichtet. Sie lotste mich durch die Straßen. Wir verließen das gewohnte Viertel, durchquerten verlassene Straßenzüge, die ich noch nie gesehen hatte. Der Süden der Stadt war leer - vergessene Häuser, bröckelnder Asphalt, keine Menschenseele.

"Magst du mir jetzt vielleicht auch erklären, warum wir uns so früh treffen?", fragte ich leicht außer Atem.

Lis deutete nach oben. Der Himmel leuchtete, als hätte jemand Feuer in ihn gegossen. Heute war Blutmond.
"Es wäre doch schade seinen Effekt heute nicht zu nutzen oder?", antwortete sie.

"Magie also...", murmelte ich, mehr zu mir selbst.

Die Vampirin nickte und steuerte auf ein Gebäude zu, das aussah wie ein altes Krankenhaus.

"Was wollen wir hier?", fragte ich skeptisch.

"Wir gehen aufs Dach."

-
Das Treppenhaus knarrte unter unseren Schritten. Staub lag in der Luft. Auf dem Dach angekommen breitete sich vor uns die schlafende Stadt aus, still und grau. Darüber hing der bereits untergehende Mond.

"Setz dich. Meditiere", sagte Lis trocken.

"Hier?! Meditieren?! Ernsthaft?!", ich starrte sie entgeistert an.

"Nachdem dieses Krankenhaus geschlossen wurde, hatte sich hier einige Zeit lang ein Hexenzirkel niedergelassen. Dieser Ort hier pulsiert geradezu vor Magie. Ich dachte das hilft dir vielleicht.", erklärte sie mir.

Zögernd sah ich sie an.

"Eigentlich dürfte mir das gar nicht möglich sein. Magie zu wirken."

"Du meinst, weil du mit versiegelter Engelsseite nur ein Echo bist?"

Ich nickte.

"Wir waren uns tatsächlich nicht sicher ob du Magie kontrollieren kannst." Die Vampirin blickte auf die Stadt hinab, während sie sprach. " Marcus und ich wollten es aber dennoch probieren."

"Marcus?", fragte ich.

"Hat er dir etwa nicht seinen Namen genannt?", schmunzelte sie.

Dann Begriff ich, wen sie meinte - den Weißhaarigen. Unwillkürlich fuhr ich mir an den Kiefer, schluckte. Der Gedanke an ihn schnürte mir die Kehle zu.

Lissandra schien das zu bemerken.
"Keine Sorge. Er ist nicht halb so furchteinflösend, wie er tut", sagte sie sanft.

"Hm..."

"Also dann schauen wir mal wie gut du deine Magie tatsächlich kontrollieren kannst" Ungeduldig trat sie auf der Stelle.

Widerwillig setzte ich mich auf den kalten Betonboden.

"Ich bin also eine Art Experiment oder?" Mein Herz schlug eine Spur schneller.

"Wir haben zwar schon versiegelte Nephilim gesehen - aber das ist lange her. Und wir haben nicht mit ihnen gearbeitet, standen nichtmal auf der selben Seite", erwiderte die Rothaarige.

Diese Antwort beruhigte mich nicht im geringsten. Trotzdem schloss ich die Augen.

"Konzentriere dich auf deine Atmung und lass dich treiben" , wies Lis mich an. "Achte darauf was mit dir und deinem Körper passiert."

Zähneknirschend folgte ich ihren Anweisungen.

Erst war da nur Stille. Dann begann es zu kribbeln. Erst nur in den Fingerspitzen, dann in den Händen und schließlich weitete es sich auf meinen gesamten Körper aus. Es fühlte sich beinahe an als würde Strom durch meine Adern fließen. Eines das ich noch nie hatte. Das Kribbeln wurde immer stärker, beinahe schmerzhaft. Ein kehliger Laut entwich meiner Kehle.

Dann spürte ich es - oder besser: ich spürte etwas nicht. Den Boden.

Überrascht öffnete ich die Augen. Violettes Licht umgab mich. Es schien direkt aus mir herauszustömen. Und tatsächlich schwebte ich ein Stück über den Boden.

"Was zur Hölle?" Meine Augen weiteten sich vor Schreck und Erstaunen.

Das Licht flackerte, meine Konzentration ließ nach. Mit einem dumpfen Aufprall fiel ich zu Boden.

"Au!"

Mein Hintern tat weh. Erschöpft ließ ich mich mach hinten fallen. Es war als wäre zusammen mit dem Licht auch sämtliche Energie aus mir herausgeflossen.

"Ich denke, das ist genug." Hörte ich Lis' Stimme. Sie hatte sich neben mich gesetzt, musterte mich fasziniert.

"Und?", fragte ich, nach Atem ringend.

"Das war gut." Ein Lächeln umspielte die Lippen der Vampirin. " Du trägst nicht nur Magie in dir- du kannst sie auch kanalisieren. Das ist am Anfang gar nicht so leicht."

Ich sah sie an. Stolz stieg in mir hoch.

Ich lächelte zurück.

Und tief in mir wusste ich:
Das war erst der Anfang.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt