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Die Flamme vor mir glomm schwach und flackerte auf. Dann erlosch sie wieder. Keine halbe Minute hatte sie gehalten.

Seufzend hob ich erneut die Hand und ließ meine Energie fließen. Ich hatte es satt, schwach zu sein. Die zu sein, die zurückgelassen wurde. Die beschützt werden musste. Weder von Lucas noch von irgendjemand anderem.

Meine Finger begannen zu kribbeln, bis es schmerzte. Luft war zwar einfach zu kontrollieren, aber sie war schwach. Also hatte ich mich entschieden, Feuermagie zu üben.

Entschlossen fixierte ich einen Punkt auf dem Dach. Die Luft an dieser Stelle begann zu flimmern, als sie sich erhitzte.

Angestrengt kniff ich die Augen zusammen. Eine kleine Flamme entstand. Sie zitterte kläglich im Wind, schrumpfte auf Teelichtgröße zusammen.

Ich biss die Zähne zusammen. Seit dem Morgengrauen stand ich hier und übte. Und das war alles? Tränen des Frusts brannten in meinen Augen.

Ein weiterer Schwall Energie floss durch meine Finger. Die Flamme durfte nicht schon wieder ausgehen. Und wenn ich sie dazu zwingen musste.

Tatsächlich loderte sie heller und richtete sich auf. Aber das war mir noch nicht genug. Mein Puls beschleunigte sich. Immer mehr Energie strömte in die Flamme, während ich ihr befahl zu wachsen.

Sie wurde größer. Die Hitze schlug mir entgegen. Bald war die Flamme fast so hoch wie ich selbst. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Geht doch.

Einige Augenblicke betrachtete ich meinen Erfolg. Dann kam der nächste Schritt: das Feuer wieder löschen.

Doch ich konnte meine Energie nicht mehr zurückziehen. Sie floss unaufhörlich weiter. Erschrocken riss ich meine Augen auf. Das Feuer breitete sich weiter aus. Binnen Sekunden überragte es mich.

Die Hitze versengte die Härchen an meinen Armen, während sich meine Finger anfühlten, als wären sie die Glut selbst. Mein Herz stolperte.

Ich versuchte, meine Energie bei mir zu behalten, die Verbindung abzubrechen. Doch sie floss weiter. Je stärker ich mich dagegen stemmte, desto heftiger riss es an mir.

Das Feuer knisterte bedrohlich und fraß sich zur Dachkante vor. Mein Atem ging schneller. Das durfte nicht passieren. Ich musste die Kontrolle zurückgewinnen. Sonst hätten sie ihren Beweis. Dass ich allein zu schwach war.

Ein Keuchen entwich mir. Rauch brannte in meinen Lungen, ließ mich husten. Ich wich einen Schritt zurück.

"Du musst damit arbeiten, nicht dagegen."

Luciens Stimme ließ mich zusammenzucken. Was machte er denn hier? Schritte näherten sich hinter mir. Ruhig. Bedächtig.

"Wie?", keuchte ich.

"Lass dich treiben", antwortete er und trat neben mich.

Treiben lassen? Verunsichert warf ich ihm einen Seitenblick zu. Meine Hände zitterten, so verkrampft hielt ich sie nach vorn.

Lucien sah mich ruhig an.
"Tief durchatmen."

Ich nickte, sog Luft ein und ließ sie zittrig wieder entweichen. Zögernd schloss ich die Augen und konzentrierte mich auf meinen Atem.

Der Energiefluss veränderte sich allmählich. Aus dem wilden Reißen wurde ein gleichmäßiger Strom. Die Hitze umhüllte mich noch immer, doch sie schmerzte nicht mehr. Ich spürte die Bewegung der Flammen. Wohin sie wollten, wie sie sich ausdehnten.

"Sehr gut. Jetzt verringere den Energiefluss", hörte ich Luciens Stimme neben mir. "Langsam. Nicht abrupt."

Vorsichtig folgte ich seiner Anweisung. Stück für Stück ließ ich weniger Energie fließen. Die Hitze ebbte ab.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt