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Eine halbe Stunde später stand ich vorm Spiegel und betrachtete mich kritisch. Lissandra hatte mich in eine Korsage gezwängt. Natürlich. Das war typisch sie - auffällig, selbstbewusst, sinnlich. Nur leider so gar nicht mein Stil. An ihr sah sowas atemberaubend aus, mit ihrer makellosen Figur und der Selbstständigkeit mit der sie alles trug. Ich dagegen... Ich hatte zwar eine trainierte, athletische Figur, aber perfekt? Fühlte sich anders an.

"Sie steht dir.", sagte Lis leise hinter mir. Sie hatte mir die rot- schwarze Korsage mit den aufwengiden goldenen Verschlüssen gerade noch geschnürrt. Irgendwie erfüllte es mich mit Stolz, dass ich sowas tragen durfte. Der Stoff war fein, die Muster präzise gearbeitet, die Verarbeitung hochwertig. Bestimmt war sie mehr wert, als mein gesamter Kleiderschrank.

"Naja ich weiß nicht... Ich hab echt nicht die Figur dafür", murmelte ich zweifelnd.

"Machst du Witze? Schau dich doch mal an!", empörte sich Lis.

Seufzend strich ich über die Korsage. Dazu trug ich meine enge schwarze Hose und meine Stiefel, die glücklicherweise halbwegs heil geblieben waren. Und ja, ich musste zugeben: das Outfit hatte was. Ich ließ meine langen schwarzen Haaren offen über meine Schultern fallen und drehte mich leicht zur Seite. Insgeheim gefiel ich mir doch ein bisschen.

"So, und jetzt los. Die anderen warten bestimmt schon", schob mich Lis zu Tür hinaus.

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Im großen Gemeinschaftsraum hatten sich bereits alle versammelt.

"Da ist sie ja", begrüßte mich Marcus und umarmte mich herzlich. Auch zu ihm hatte sich mittlerweile eine Freundschaft entwickelt. Ihm und Lis hatte ich sogar irgendwann erzählt, wer mein Vater war. Die Reaktion war zunächst Schock, dann Verständnis - und schließlich: Stille Loyalität.

"Wir mussten sie noch ein bisschen aufhübschen", meinte Lis schmunzelnd.

Marcus musterte mich von oben bis unten.

"Steht dir. Das solltest du öfter tragen."

Ich wurde knallrot. "Ähm danke..." Komplimente zählten nach wie vor zu den Sachen, mit denen ich nicht umgehen konnte - trotzdem taten sie gut.

"Lasst uns jetzt anfangen.", unterbrach Lis die Szene.

Marcus nickte. Dann wandte er sich mir mit ernster Miene zu.

"Samantha Easton, du hast bewiesen, dass du kämpfen kannst. Und dass du loyal bist. Deshalb nehmen wir dich heute offiziell in unseren Clan, 'Ordo Tenebris', auf. Aber sei dir bewusst: Wenn du diesen Schritt gehst, bist du dazu verpflichtet alles für den Clan zu geben. Auch dein Leben, falls nötig. Dafür wird aber auch jeder von uns seines für dich geben."

Diese Worte trafen mich mitten ins Herz. Eine angenehme Wärme breitete sich in meinem Magen aus. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Ich würde wirklich ein Teil von etwas größeren werden. Offiziell. Endlich.

Die anderen Vampire hatten sich inzwischen um uns versammelt.

"Es wäre mir eine Ehre", antwortete ich, während mein Lächeln breiter wurde.

"Gibt es Einwände?", fragte das Oberhaupt.

Nervös schaute ich mich um, aber Niemand regte sich. Erleichterung durchflutete mich.

"Dann heißen wir dich willkommen."

Marcus reichte mir ein silbernes Armband mit einem kleinen Anhänger. In feinen Linien war das Clansymbol eingraviert: ein zerbrochenes Schild mit einer Rose.

"Normalerweise würden wir das Symbol tätowieren. Aber das könnte bei dir Probleme machen. Deshalb das Armband."

"Vielen Dank", sagte ich ergriffen und schnallte es mir um. Es passte perfekt.

Um uns herum begann Applaus. Ich grinste breit. Eine nie da gewesene Leichtigkeit breitete sich in mir aus. So etwas hatte ich noch nie erlebt.

"Jetzt wird gefeiert!", rief Lissandra.

Musik setzte ein und jemand drückte mir ein Glas mit brauner Flüssigkeit in die Hand.

-
Die nächsten Stunden verflogen wie im Rausch. Ich tanzte, trank und lachte. So viel Spaß hatte ich selten.

Irgendwann, mit schmerzenden Füßen und glühenden Wangen, ließ ich mich auf eine Couch fallen. Ich zog mein Handy hervor. Keine Nachricht von Lucas. Natürlich nicht. Seufzend steckte ich es weg. Ich wünschte mir so sehr, er wäre hier. Doch nach unserem Streit heute, hatte ich Angst, dass er sich vielleicht gar nicht mehr melden würde.

" Schon wieder am Nachrichten checken?", stichelte Lis, die sich unbemerkt neben mich gesetzt hatte.

"Was, wenn ich's jetzt entgültig verkackt habe?", nuschelte ich.

"Schon wieder Streit?", fragte Marcus von der anderen Seite und reichte mir ein neues Glas.

Dankend nahm ich es und trank ein wenig. Die Flüssigkeit brannte in meiner Kehle, wärmte meinen Magen.

"Er wollte nicht dass ich heute herkomme. Und ich bin trotzdem hier. Irgendwann wird er mir das nicht mehr Verzeihen"

Vielleicht lag es am Alkohol, aber statt Groll war da nur noch Angst. Die Angst ihn zu verlieren.

"Wenn er dich wirklich liebt, macht er deswegen nicht Schluss", meinte Marcus ruhig.

"Und, wenn ich ihn wirklich liebe? Dann sollte ich mich nicht so egoistisch verhalten... Ich weiß doch ganz genau dass er das nicht gut findet." Ich leerte mein Glas, um die aufsteigenden Tränen zu verbergen.

"Verdammt Sam, das ist nicht gesund. Mach doch bitte endlich Schluss! Der Typ macht dich kaputt!" ,platzte es aus Lis heraus.

"Lis, das reicht!", sagte Marcus streng und zog sie auf seinen Schoß. " Diese Entscheidung muss sie selbst fällen und niemand sonst."

"Du hast ja recht...", seufzte sie und schmiegte sich an ihn. Dass zwischen den beiden etwas lief, war kein Geheimnis. Ob es liebe oder nur Lust war, das wusste allerdings keiner so genau.

"Und, wenn es soweit ist, sind wir für sie da", sagte sie leise.

"Denn sie ist eine von uns. Und das feiern wir jetzt." Marcus stupste mich an.

Ich zwang mich zu lächeln, stand auf.

"Ich hol Nachschub", sagte ich und machte mich auf den Weg zur improvisierten Bar.

Doch dem Drang Lucas zu schreiben konnte ich nicht widerstehen.

"Hey... tut mir leid wegen vorhin. Können wir reden? Bitte. Ich liebe dich", tippte ich ein und drückte auf senden.

Dann ließ ich mich wieder in die Feier fallen. Irgendwo zwischen Zuversicht und Zweifel, zwischen Clan und Chaos.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt