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Ächzend streckte ich meinen schmerzenden Rücken. Die Wucht des Türstocks hatte ganz schön gesessen.

"Alles ok mit dir?", fragte Lis mich besorgt.

"Jaja, passt schon.. Glaube ich zumindest", erwiderte ich.

Jetzt da das Adrenalin nachließ spürte ich jedoch, wie sich Splitter in meinen Rücken gebohrt hatten. Mein Oberteil war zwar verstärkt, aber keine Rüstung.

"Kennst du die?", fragte ich, teils aus Neugier, teils um mich von dem stechenden Schmerz abzulenken.
Ich hoffte inständig dass Lis mich mit etwas Vampirgift wieder heilen konnte, sonst würde die Verletzung sicher auffallen.

"Flüchtig... Sie kommen aus dem Norden", antwortete sie.

"Der Norden? "Hm..", nachdenklich runzelte ich die Stirn.

Natürlich ergab es irgendwie Sinn, dass sich Wesen, wie Vampire - Jäger - gerade im einem belebten Stadtteil niederließen Aber mir wäre das zu riskant. Dort nach Beute suchen? Ja. Aber wohnen?

"Klar der Clan Umbra Viventis 'die Schatten des Lebens' setzt ja auf Tarnung und Angepasstheit. Da sie ja auch Clubs und ähnliches Betreiben bietet sich der Norden als Standort an.", beendete ich meine Gedanken mit einem Monolog.

"Und genau das macht sie reich und gefährlich", pflichtete mir die Vampirin bei.

"Denkst du, wir können den da liegen lassen?"

Ich deutete auf den gepfählten Eindringling. Wenn ihn jemand fand, war unsere Welt - die magische- in Gefahr.

"Keine Sorge ...hierher kommt bis zum Sonnenaufgang sowieso niemand. Zumindest keiner der die Polizei rufen würde."

Damit hatte sie vermutlich recht.

"Außerdem,", sie schnupperte und musterte mich mit Vampiraugen, "Rieche ich dein Blut. Wir sollten wohl zurück, dich verarzten."

Ich nickte schwach. Natürlich war es ihr nicht entgangen. Sie kannte meinen Geruch, hatte sich hin und wieder den ein oder anderen Tropfen genehmigt. Oft zur Stärkung, manchmal aber auch einfach für den Geschmack.

-

Kurze Zeit später waren wir im Unterschlupf. Lis führte mich in ihr Zimmer.

"Hinlegen!", befahl sie knapp.

Ich gehorchte wortlos und ließ mich auf das Bett sinken. Kaum lag ich durchzog mich ein stechender Schmerz. Ein Schrei entwich meiner Kehle, unfähig ihn zurückzuhalten.

"Sorry aber das Zeug muss raus", meinte die Vampirin lakonisch. Na super. Ein bisschen Feingefühl wäre auch nett gewesen.

"Wie läuft's eigentlich mit Lucas? Hab schon seit einer Weile nichts mehr von ihm gehört", warf sie scheinbar beiläufig ein, während ihrer Arbeit weiter nachging.

'Wirklich der beste Zeitpunkt für Beziehungstalk...'

Konnte sie damit aber nicht wenigstens warten, bis ich nicht mehr, wie ein mutiertes Stachelschwein aussehe?

"Au", entwich es mir, als sie einen weiteren Splitter entfernte. Stöhnend krallte ich mich in ihr Kissen

"Ignorierst du mich jetzt mit Absicht?",vernahm ich ihre Stimme.

"Wir haben wieder gestritten ok?", knurrte ich gereizt.

"Worum ging's denn diesmal? Den Prof zu lange angeschaut?", der Spott in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Lis war es, die mich ursprünglich dazu ermutigte, es mit Lucas zu versuchen - um Erfahrungen zu sammeln. Doch in letzter Zeit wirkte es fast, als bereue sie diesen Rat.

"Nein..es ging um heute Nacht. Er meinte es sei zu gefährlich. Das Übliche eben."

Ich wollte nicht darüber reden. Es war doch immer das Gleiche. Dabei erfüllte ich bloß meine Aufgabe - so wie jeder andere Nephilim auch. Naja fast so.

"Du bist aber kein normaler Nephilim! Deine Engelskräfte wurden versiegelt", hallte seine Stimme in meinem Kopf wider. Danach war ich gegangen. Zu Lis. Und wir hatten die Eindringlinge getötet.

"Ich will ihn ja nicht in Schutz nehmen...aber vielleicht macht er sich einfach Sorgen?"

"Selbst wenn. Ich bin erwachsen. Ich habe jahrelang trainiert. Ich kann das. Er erledigt ja auch Aufträge."

Lucas war mittlerweile ein vollwertiges Mitglied des Hexenzirkels. Gut ausgebildet. Seine Dämonenseite machte ihn zusätzlich stark.

"Ja, aber er überwacht nur 'Echos' - er tötet keine Vampire. Ist etwas weniger... blutig"

"Trotzdem gefährlich", murmelte ich in das Kissen. "Letztens hatte er einen Einsatz bei einem 'Render'."

Lis wurde aufmerksam.

"Sie war eine junge Frau, kaum älter als ich. Sie wusste offenbar um ihre Magie, denn sie verdiente sich mit Seancen und Hellseherei etwas hinzu. Erst schien sie ein ganz normaler 'Resonant' zu sein..."

"Und dann?", fragte Lis während sie einen weiteren Splitter entfernte.

'Autsch'

"Dann entlud sich ihre Kraft. Ohne Vorwarnung, ohne Grund. Eine Energiewelle explodierte und legte die halbe Straße in Schutt und Asche. Die Arme war zu einem 'Render' geworden. Einfach so.", meine Stimme begann zu zittern , als ich meinen Bericht fortführte, "Zunächst hat Lucas noch versucht sie zu beruhigen. Doch es half nichts. Am Ende musste er sie versiegeln."

Die Sorge die ich um ihn hatte kam zurück, übermannte mich. Wie hilflos er sich wohl gefühlt hatte... So ganz allein, gezwungen sie zu versiegeln. Und trotzdem.

"Vielleicht möchte er dich einfach davor bewahren", meinte Lis sanft.

"Na und? Ich weiß was auf dem Spiel steht. Genauso wie er! Aber wehe ich rede ihm rein. Dann ist er beleidigt."

Tränen brannten in meinen Augen. Das war so ungerecht. Warum durfte er seiner Bestimmung folgen - ich aber nicht? Wir waren beide Monster. Beide aus Verbindungen entstanden, die es nicht geben durfte. Er sollte mich verstehen.

Die nächsten Minuten kämpfte ich gegen den Drang an, einfach loszuheulen. Wut und Verzweiflung drohten mich zu überrollen.

"Ich bin soweit fertig. Du müsstest dich nur noch ausziehen, damit ich das Gift auftragen kann."

Ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie schon fertig war. Vorsichtig richtete ich mich auf um Shirt und BH auszuziehen. Das Oberteil war hinüber - es glich Schweizer Käse. Schade eigentlich. Ich mochte es.

"Sam.", Lis sah mich ernst an, "Du bist vielleicht erwachsen, aber emotional bist du...,seid ihr beide, immer noch Teenager. Ihr streitet über jeden Mist, anstatt einfach mal offen darüber zu reden. Wenn dich das wirklich so belastet - dann trenn dich . Ganz einfach"

"Ich hab schon oft versucht mit ihm zu reden...", erwiderte ich kleinlaut und legte mich wieder hin.

"Dann geh oder bleib. Aber hör auf dich selbst kaputt zu machen!"

'Das kann ich nicht... Ich liebe ihn doch.'

Sanft strich ich über das Lederband an meinem rechten Handgelenk. Er hatte es mir geschenkt, mit Runen für Liebe und Unendlichkeit, zu unserem Jahrestag.

"Achtung.", warnte Lissandra.

Dann kam das Brennen. Angestrengt biss ich die Zähne zusammen. Jedes Mal wurde es schlimmer.Als wollte das Gift meine Seele gleich mit verbrennen.Wie das funktionierte verstand ich immer noch nicht ganz. Ein Heilmittel aus Gift... Aber es wirkte. Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ der Schmerz schließlich nach - die Wunden waren geheilt.

"Genug Drama für heute", sagte Lis schließlich. "Schnapp dir was zum Anziehen! Wir müssen los."

Die Vampirin öffnete ihren riesigen Kleiderschrank.

"Hä, wohin denn?", blinzelte ich sie etwas verwirrt an. Lissandra beäugte mich mit einem Grinsen.

"Du bist jetzt so lange Teil unseres Clans, dass Marcus und ich beschlossen haben dich endlich offiziell aufzunehmen."

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt