-42-

24 3 1
                                        

Funke? Ich ignorierte den Namen einfach, genauso wie die Frage, die er mir gestellt hatte. Luciens Arm lag immer noch um mich geschlungen. Mein Rücken war gegen seine Brust gedrückt. Ich spürte, wie sich sein Brustkorb bei jedem Atemzug hob. Reglos verharrte ich in dieser Position. Zumal ich mir auch gar nicht sicher war, ob meine Beine mich alleine tragen würden. Langsam ließ ich meinen Blick, hinunter vom Dach auf den nun leeren Innenhof schweifen. Naja, fast leer. Die Asche lag noch da. Erste Regentropfen begannen zu fallen.

"Du hast die beiden einfach eingeäschert", stellte ich schließlich fest.

"Wäre es dir lieber gewesen sie hätten dich geschnappt?" Sein Atem kitzelte in meinem Ohr. Der Bass seiner Stimme vibrierte gegen meinen Rücken.
"Du hättest ihnen nichts entgegensetzen können."

Ich wollte mich von ihm lösen, ihn ansehen. Doch meine Beine knickten ein. Er verstärkte seinen Griff um mich. Wärme durchströmte mich, seine Energie, wie ein warmes angenehmes Kribbeln. Vielleicht zu angenehm, aber ich schob den Gedanken weg.

Ich atmete tief aus, erleichtert, als neue Stärke durch meine Adern pulsierte. Selbst der Schmerz in meinem Arm schien sich kurz davon vertreiben zu lassen.

Meine Finger streiften seine, suchten Halt - mehr Reflex als Absicht. Ich lehnte mich an ihn, stabilisierte mich.

Stopp! Das fühlte sich falsch an. Verboten.

Ich riss mich los - zu hastig. Ich stolperte, rutschte auf den mittlerweile nassen Schindeln aus. Beinahe wäre ich gefallen. Doch Luciens Hand schnellte blitzschnell vor. Er packte mich und zog mich zurück. Ich drehte mich in der Bewegung, sodass wir nun dicht voreinanderstanden und uns schweigend ansahen.

"Ich bring dich jetzt zurück", sagte er schließlich und bedachte mich mit einem ernsten Blick.

Ein fahler Geschmack breitete sich auf meiner Zunge aus. Enttäuschung. Dann kam der mir allzu bekannte Trotz. Wie ein kleines Kind wieder zurück nach Hause geschickt werden? Nein darauf hatte ich keine Lust. Zumal die neue Energie mir deutlich Aufschwung gegeben hatte und ich mir sicher war, dass ich bis zum Morgen schon durchhalten würde.

"Dann geh ich eben direkt wieder", entgegnete ich kühl. "Da müsstest du schon hierbleiben und auf mich aufpassen"

Lucien runzelte leicht die Stirn. Er sah so aus, als würde er tatsächlich darüber nachdenken. Nein, das war es nicht, was ich erreichen wollte. Auch wenn ein Teil von mir mir zuflüsterte, dass es bestimmt nicht das schlechteste war. Schnell drückte ich diese Gedanken weg.

"Hast du Angst, dass Lis sauer wird, wenn sie erfährt, dass ich mit dir draußen war?", setzte ich deshalb nach.
"Oder davor dass du mich nicht beschützen kannst?"

Sein Kiefer spannte sich an. Seine Augen verengten sich. Offenbar hatte ich einen Nerv getroffen. Seinen Stolz angekratzt.

Er seufzte leise.

"Also schön du hast gewonnen." Seine Stimme klang dunkel, voller Widerwillen und etwas anderem. Ärger?

Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Mein Herz machte einen Sprung. Ich hatte ihn also wirklich überzeugt.

Plötzlich packte er mich an der Schulter, zog mich noch ein Stück näher und sah mir eindringlich in die Augen.
"Die Energie die ich dir gegeben habe reicht, dass du nicht umkippst. Nicht für Heldentaten."

Ich nickte nur, unfähig, darauf etwas zu erwidern.

"Du bleibst hinter mir. Und wenn ich sage 'lauf', dann läufst du. Versprich mir das", fuhr er fort, die Stimme nun leise, etwas sanfter.

Ich zögerte einen Moment. Ob ich ihm das Versprechen konnte? Ich war mir nicht sicher.

Der Griff um meine Schulter wurde etwas fester.
"Das ist meine Bedingung."

"Ok, versprochen", murmelte ich und wandte den Blick ab.

"Gut."

Damit ließ er mich los, fuhr sich durch die Haare. Die Muskeln an seinem Arm zuckten. Er war immer noch angespannt.

Kurz darauf liefen wir durch die Straßen. Lucien ging mit ein paar Schritten Abstand neben mir her. Nah genug, um mich im Notfall schnell zu erreichen, aber mit genug Abstand um mich bloß nicht aus Versehen zu berühren.

Sein Blick war starr geradeaus gerichtet, die Hände in seinen Taschen, die Schultern verkrampft. Er schwieg, war tief in Gedanken versunken.

Ich hatte definitiv auf eine gelöstere Stimmung gehofft. Diese Stille, schwer von all den unausgesprochenen Gedanken, legte sich wie ein Knoten in meinem Magen. Vielleicht war es doch kein Sieg, den ich erreicht hatte.

Der Regen wurde stärker, ließ die Atmosphäre noch trübsinniger wirken. Ich zog die Jacke enger um mich, heftete meinen Blick auf einem Punkt vor mir in der Dunkelheit.

Bald war ich vollkommen durchnässt und ich begann zu frieren. Das Schweigen setzte mir zunehmend zu. Ich seufzte tief.

"Alles ok?", fragte Lucien, den ich wohl aus seiner Grübelei gerissen hatte. Schwarze Strähnen klebten ihm nass im Gesicht. Er sah mich fragend an, in seinen Augen lag ein Hauch von Sorge.

"Ja - ja, alles gut", sagte ich schnelle, schaute weiter auf meinen Punkt in der Ferne. Wenn ich jetzt schwach wirkte, würde er mich am Ende wohl wirklich zurückschicken. Das riskierte ich nicht.
"Still hier", schob ich als Grund vor.

"Ich wüsste nicht, was daran schlecht ist." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Nur für einen Moment. Die Spannung in seiner Haltung löste sich kaum spürbar.

Ich murrte leise, dann legte sich wieder Stille über uns. Lucien ging nun etwas näher neben mir. Nahe genug, dass ich seine Präsenz spüren konnte.

Dann ein Rascheln. Ich stockte. Meine Nackenhaare stellten sich auf, mein Herzschlag beschleunigte sich.

Auch Lucien war stehengeblieben, lauschte.

Ein metallisches Krachen, hallte durch die Straße. Wohl eine umgekippte Mülltonne. Erschrocken zuckte ich zusammen, vergaß für einen Moment zu Atmen.

Instinktiv rückte ich näher an Lucien, spannte mich an und griff nach seinem Arm. Er legte den anderen Arm schützend um mich, fast wie aus Reflex.

Eine Katze lief an uns vorbei. Eine gescheckte, etwas übergewichtige Katze, die wohl in einer Mülltonne nach etwas essbaren gesucht hatte.

Sofort schoss mir die Röte ins Gesicht und ich ließ seinen Arm los. Wegen einem harmlosen Tier, hatte ich mich an ihn geklammert, als wäre ich plötzlich hilflos. Krampfhaft versuchte ich meinem, immer noch viel zu schnellen Herzschlag, wieder unter Kontrolle zu bringen.

Lucien atmete hörbar aus. Lachte dann leise.

"Wenn du Angst vor einer Katze hast, was machen wir dann bei einem Dämon?" Seine Augen blitzten belustigt.

"Dann beschützt du mich. Wie du es bei der Katze auch hättest", konterte ich um meine Verlegenheit zu überspielen.  Ich sah ihm direkt in die Augen, hielt seinem Blick stand. Wenn ich auch schwören konnte, dass meine Wangen immer noch viel zu viel Farbe hatten.

Ein Grinsen umspielte seine Lippen, sein Blick wanderte über mein Gesicht.
"Na dann hoffen wir, dass ich da ähnlich viel Erfolg habe, wie gerade eben."

Ich musste schmunzeln, legte den Kopf leicht schief.
"Ach Dämon, Killerkatze. Ich bin mir sicher du wirst mit beidem Fertig."

Er lachte erneut, leise kaum hörbar. Sein Gesicht war plötzlich dicht vor meinem, seine blauen Augen durchgrangen mich. Mein Atem stockte erneut, diesmal nicht vor Schreck - vor Überraschung.

Ich konnte seinen Atem auf meiner Haut spüren. Mein Herz raste, ein Kribbeln breitete sich in meinem Magen aus.
"Solange ich hier bin wird dir niemand was tun, egal ob Katze oder Dämon", flüsterte er, die Stimme dunkel, eindringlich. Er hob die Hand, wischte mir eine der nassen Strähnen aus dem Gesicht.

Dann wich er plötzlich einen Schritt zurück, wandte den Blick ab, starrte in die Dunkelheit. Verwirrt sah ich ihn an.
"Was ist?", fragte ich. Anspannung stieg in mir hoch.

Seine Muskeln spannten sich an, die Hände ballten sich zu Fäusten.
"Wir sind nicht allein."

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt