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Der Gemeinschaftraum war leer, wie ausgestorben. Nur das Bild an der Wand - der Ritter, der dem Drachen sein Schwert in die Kehle rammte - schien mich zu mustern. Die Szene wirkte fehl am Platz. Wie aus einer anderen Zeit entnommen.

Ich hatte heute morgen eine Nachricht bekommen. Es gab Neuigkeiten. Gespannt war ich zum Clanverstersteck aufgebrochen. Seit ihrem Zusammenbruch hatte ich Lis nicht mehr gesehen. Die letzten Tage war ich bei Lucas. Hatte versucht nicht mehr daran zu denken. Aber trotzdem wollte ich wissen, was sie herausgefunden hatten. Was sich über uns zusammenbraute.

Ich versuchte nicht zu nervös zu wirken. Lis hatte mich her gebeten. Ich hoffte, dass sie sich inzwischen beruhigt hatte. Vielleicht würden wir reden können. Vielleicht bekam ich ein paar Antworten.

"So du bist also Lissis Schützling?"
Ich zuckte zusammen. Die Stimme kam plötzlich, warm und ruhig aber mit einem Unterton, der mir die Nackenhaare aufstellte.

Ich drehte mich um.

Ein Mann lehnte gelassen im Türrahmen. Groß, trainiert, ganz in Schwarz. Seine schwarzen Haare fielen ihm locker und Gesicht - doch was mich wirklich traf war sein Blick - durchdringend, spöttisch, als würde er direkt ins innerste meiner Seele blicken.

"Du bist...?", fragte ich mehr aus Überraschung, als dass ich tatsächlich eine Antwort darauf brauchte.

"Lucien. Lucien Cross."

Ich blinzelte. Er war es tatsächlich . Der Lucien Cross. Der Musiker, dessen Lieder halbe Städte in Ekstase versetzten.

Mit weit geöffneten Augen, starrte ich ihn einfach nur an. Was machte er hier?

Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen.
"Das kommt wohl überraschend?"

Ich konnte nicht genau sagen, ob ich ihm näherkommen - oder davonlaufen sollte. Seine Aura war schwer zu fassen. Fast als würde die Luft um ihn vibrieren, wie vor einem Gewitter. Es zog mich an. Und machte mir gleichzeitig Angst.

Er war näher gekommen, stand nun direkt vor mir. Ich merkte, wie meine Knie weich wurden.

"Ich bin... Samantha", brachte ich stockend hervor.

"Ich weiß." Er lächelte kalt, während er mich weiter ansah, als könnte er mich Stück für Stück auseinander nehmen.

Ich konnte ihn nicht einordnen. Kein Vampir - dafür war da zu viel... Dunkelheit. Und doch war er kein kaltes Wesen. Seine Aura war wie ein Mahlstrom, der alles um mich herum in sich sog.

"Was bist du...?", flüsterte ich. Doch er antwortete nur mit einem amüsierten Grinsen.

Sein Blick blieb an meinem Siegel hängen. Er hob die Hand fast zögerlich - bis seine Finger nur Millimeter vom Siegel entfernt schwebten. Dann hielt er inne, als hätte ihn etwas zurückgehalten. Mein Herz setzte einen Schlag aus, meine Knie wurden weich.

"Interessant... So ein Siegel hab ich wirklich lange nicht mehr gesehen.", murmelte er, mehr zu sich selbst.

Bevor ich darauf irgendetwas antworten konnte, öffnete sich die Tür.

"Lucien!" Lis' Stimme war messerscharf.

Er wirbelte herum, bedachte Lis, die gerade mit Marcus eingetreten war, mit einem spöttischen Grinsen.

"Lissandra. Schön, dass du hier bist."

"Wolltest du dich nicht im Hintergrund halten?" Sie funkelte ihn eiskalt an, so als würde sie ihn am liebsten an Ort und Stelle erwürgen.

"Ich war neugierig", antwortete Lucien, brachte aber trotzdem etwas Abstand zwischen uns.

Die Spannung war mit den Händen zu greifen. Zwischen den Beiden sprühten die Funken - nicht im romantischen Sinne, feindselig. Die beiden verband offenbar nichts Gutes.

Nach ein paar Sekunden des allgemeinen Schweigens, ergriff Lis schließlich das Wort:

"Wie Lucien bei seinen kleinen Heimatbesuch herausgefunden hat...", sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu, "Haben die Herrscher der Todsünden - zumindest einige von ihnen- vor sich mit den Engeln zusammenzuschließen."

Ich schluckte, schüttelte ungläubig den Kopf. Das überstieg all meine Erwartungen. Eine Verschwörung dieser Größenordnung - was sollten wir da bitte dagegensetzen?

"Und... Warum sollten die Engel mit den Dämonen zusammenarbeiten?", fragte ich zögerlich. Das konnte einfach nicht wahr sein. Das widersprach allem, was ich gelernt hatte.

"Macht." War Luciens knappe Antwort.

Ich runzelte die Stirn, sah fragend zu Marcus und Lis.

"Die Engel sind jetzt lediglich Verwalter. Hüter der Ordnung. Das heißt aber nicht, dass sie keine Ambitionen haben.", erklärte Lis.

Ich nickte nachdenklich. Eine seltsame Vorstellung, dass auch Engel nach Macht strebten. Himmlische Wesen, sollte doch über solchen Dingen stehen. Dachte ich zumindest.

"Das Problem: wir wissen weder, was genau die planen, noch wer genau die Fäden in der Hand hält", fuhr Lucien fort, nicht ohne sich einen weiteren eisigen Blick von Lis einzufangen.

"Und wie wollen wir das rausfinden?", fragte ich und strich mir nervös eine Strähne aus dem Gesicht.

"Laut Lucien wollen Engel und Dämonen am Tag der Versiegelung ein formelles Bündnis schließen", ergriff jetzt Marcus das Wort. "Und da Sam, kommst du ins Spiel."

"I- ich?", stotterte ich.

"Du bist ein Nephilim. Keiner wird fragen stellen, warum du auf dem Fest zu einem eurer höchsten Feiertage bist. Also hast du genug Gelegenheit, weiteres in Erfahrung zu bringen" meinte Lucien.

"Die werden mir auch mit Sicherheit, ihre Pläne offenlegen", entgegnete ich und runzelte die Stirn.

"Dann musst du dir eben was einfallen lassen.", sagte er mit einem amüsierten Lächeln.

-
Wenig später war ich auf dem Weg nach draußen. Ich war Teil eines Spiels, dessen Regeln ich nicht kannte - und dessen Spieler gefährlicher waren, als ich es mir je hätte vorstellen können.
Auf der Feier spionieren. Das konnte nur schief gehen, dessen war ich mir bewusst. Die Frage war nur auf welche Art und Weise.

Und Lucien: Wer war er? Irgendjemand auf Lis' Vergangenheit, das war klar. Und was auch immer ziwschen ihnen gewesen ist - es hatte kein gutes Ende.

"Sam, warte mal", rief mir Lis nach. Sie war mir hinterhergelaufen.

Mit fragendem Blick drehte ich mich um.

"Ich wollte mich noch bei dir entschuldigen... Für letztens." Sie stand vor mir, mit gesenktem Blick. Fast schon schüchtern. Die Worte kamen stockend über ihre Lippen.
"Ich wollte dich nicht verletzen. Wirklich nicht. Verzeih mir bitte... Ich möchte dich nicht verlieren."

Überrascht sah ich sie an. Entschuldigungen waren für gewöhnlich nicht ihr Stil. Somit war ich davon ausgegangen, sie würde einfach so tun, als wäre nie etwas passiert.

"Schon gut..", antwortete ich zögerlich.
Auch wenn ich wusste, dass sie irgendwas belastete, so stand ihr Ausraster doch, zwischen uns.

"Liegt es an ihm?", fragte ich vorsichtig.

Sie nickte zögerlich.
"Wir haben viel miteinander erlebt - nicht nur Gutes -", setzte sie an und suchte sichtlich nach Worten.

"Hey, schon gut okay?", unterbrach ich sie. "Erzähls mir wenn du so weit bist. Mich interessiert fürs erste nur: warum hast du ihn denn dann überhaupt um Hilfe gebeten?"

Sie sah mich einen Moment an, holte dann Luft.
"Er ist mächtig, verdammt mächtig. Und definitiv jemand den ich lieber in meinem, als im gegnerischen Team haben will."

Ich nickte nur.

Er würde wohl noch eine wichtige Rolle spielen. Welche das war, würde sich zeigen.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt