Schweigend liefen wir durch die Straßen. Ich hatte den Blick fest auf einen Punkt irgendwo vor mir gerichtet.
Mittlerweile war fast die gesamte Stadt überrannt worden. Kein Wunder, da der Blutmond unaufhaltsam näher rückte. Nur noch die Innenstadt und der Süden standen nicht unter Leviathans Kontrolle. Die verbliebenen Menschen hatten sich irgendwo versteckt.
"Lass uns nach links gehen", bestimmte Lucas, als wir an einer Kreuzung ankamen. Er wartete gar nicht ab, was ich davon hielt, sondern bog einfach ab.
Genervt verdrehte ich die Augen und folgte ihm. Es hatte ihm überhaupt nicht gefallen, dass ich mich entschieden hatte, heute Nacht rauszugehen. Unter der Bedienung, dass ich mit ihm gehen würde, hatte er sich schließlich geschlagen gegeben. Widerwillig hatte ich zugestimmt. Denn wie hieß es so schön: Ein Kompromiss ist erst dann perfekt, wenn alle Seiten unzufrieden sind.
"Du gehst den Kämpfen mit Absicht aus dem Weg, oder?", fragte ich und kickte missmutig gegen einen Stein. Seit geraumer Zeit war es still um uns geworden.
"Ich weiß nicht was du meinst?", antwortete er, ohne mich anzusehen.
Ich stoppte.
"Komm, verarsch mich nicht."
Mit verschränkten Armen funkelte ich ihn an. "Wir sind schon fast an der Barriere angekommen."
Er stieß genervt Luft aus.
"Ja und?"
Entnervt stöhnte ich auf.
"Denkst du, ich merk nicht, was du hier machst", zischte ich. Dann machte ich auf dem Absatz kehrt und stapfte in die andere Richtung. Wir waren im absoluten Niemandsland. Hier versteckten sich höchstens ein paar Menschen, aber schützen oder einnehmen konnte man hier gar nichts.
"Bleib stehen!", rief Lucas und kam mir hinterher.
Doch ich lief einfach weiter, direkt in einen Park. Er war eine Abkürzung Richtung Stadtmitte. Ich beschleunigte meine Schritte, bis ich fast rannte. Lucas folgte fluchend, doch der Abstand zwischen uns wuchs.
Auf halbem Weg durch den Park hörte ich plötzlich ein Rascheln. Ich stoppte, horchte. Eine Gestalt brach durch ein Gebüsch vor mir.
Klein und zerzaust. Ein Mädchen. Höchstens zehn. Sie sah mich erschrocken an, als sie mich entdeckte.
Was machte sie hier? Und wo waren ihre Eltern? Falls sie überhaupt noch welche hatte.
"Ich tu dir nichts", sagte ich vorsichtig und machte einen Schritt auf sie zu. Das Mädchen schüttelte den Kopf und wich einen Schritt zurück. Mein Magen zog sich unangenehm zusammen. Sie hatte Angst vor mir. Für sie war ich auch nur ein Monster.
"Ich will dir nur helfen", versuchte ich es erneut und wollte wieder auf sie zugehen. Doch plötzlich wurde ich am Arm gepackt und nach hinten gezogen.
"Sam was-", setzte Lucas an. Ich deutete auf das Mädchen. Sie starrte uns beide an, als wären wir Geister. Zitterte.
"Oh, scheiße", sagte er nur.
Dann drehte er sich um und lief in die andere Richtung. Mich zog er dabei einfach mit.
"Was soll das?", rief ich und riss mich los. "Sie braucht Hilfe!"
Er wollte mich wieder packen, wurde jedoch jäh von einem Rascheln hinter uns unterbrochen. Laut, zielgerichtet. Wie ein Tier auf der Jagd.
Lucas erstarrte und fixierte das Gebüsch. Instinktiv stellte ich mich vor das Mädchen.
Kaum eine Sekunde später sprang ein Vampir aus dem Gebüsch. Seine Zähne waren gefletscht, die Augen leuchteten blutrot. Offenbar noch nicht lange verwandelt. Und im Blutrausch.
Er sah an mir vorbei und visierte das Mädchen an. Seine Beute. Dann setzte er sich in Bewegung.
Mit klopfendem Herzen rannte ich auf ihn zu und blockierte seinen Weg. Lucas rief irgendwas, doch ich konnte ihn nicht verstehen. Zu laut war das Rauschen meines Blutes in den Ohren.
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasiDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
