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Mit einem der von Lucien verstärkten Dolche schlüpfte ich wenig später nach draußen. Die kühle Nachtluft schlug mir ins Gesicht. Ein starker Wind verfing sich in meinen Haaren. Der Herbst rückte unaufhaltsam näher.

Ich zog die Jacke enger um mich. Der Himmel war sternenklar, bis auf eine große dunkle Wolkenwand, die sich am Horizont auftürmte.

'Hoffentlich zieht das nicht hierher.'

Um mich herum war es totenstill. Niemand war hier. Vermutlich waren sie alle schon irgendwo im Stadtzentrum.

Mit schnellen Schritten ging ich los. Wenn ich mich nützlich machen wollte, konnte ich hier schließlich nicht so mutterseelenallein rumstehen.

Gut eine halbe Stunde später hatte ich die südlichen Viertel fast hinter mich gelassen. Es war immer noch ruhig. Natürlich. Hier im Süden war ja auch praktisch nichts.

Ich bog um die nächste Ecke und folgte der Straße weiter. Die Wolkenbank rückter näher und verschluckte langsam die Sterne. Da! Schüsse in der Ferne. Schreie. Ich kam näher.

Meine Schritte beschleunigten sich, ebenso mein Herzschlag. Die Geräusche wurden lauter. Instinktiv wanderte meine Hand zu dem Dolch an meinem Oberschenkel.

Plötzlich stolperte ich über etwas, fiel zu Boden. Meine Knie krachten aufs Pflaster, spitze Steine bohrten sich in meine Handflächen. Mit einem leisen Fluch drehte ich mich um.

Eine Leiche. Was denn auch sonst? Ich war über eine Leiche gestolpert, hatte sie im schummrigen Laternenlicht übersehen. Oder ich war doch nicht so auf der Höhe, wie ich es gern gehabt hätte.

Die Frau vor mir hatte ein Einschussloch direkt über dem Herzen. Es sickerte noch immer Blut hervor. Lange konnte sie also nicht tot sein. Vorsicht hob ich ihre Oberlippe an. Normale Eckzähne. Sie war wohl eine Hexe. Einen Dämon hätte man mit einer Kugel kaum stoppen können.

Hinter mir ertönte ein Klicken. Das Blut in meinen Adern gefror. Meine Atmung setzte aus. Wer auch immer sie erschossen hatte, stand direkt hinter mir.

"Aufstehen!" Die Stimme war rau, vom Whisky gezeichnet.

Langsam, wie in Zeitlupe stand ich auf und drehte mich um. Vor mir stand ein Mann, vielleicht um die fünfzig. Seine Haare waren strähnig und wirr, die Kleidung dreckig und zerknittert. Die Augen waren blutunterlaufen. Obwohl er gut zwei Meter von mir entfernt stand, stieg mir der stechende Geruch von Alkohol in die Nase. Er musste riechen wie eine ganze Brennerei.

In seiner Hand hielt er eine Pistole, die er mit zittrigen Fingern auf mich richtete.

"Du bist auch eine von denen, oder? Ein Monster!", knurrte er.

Meine Knie wurden weich, das Herz pochte hart gegen meine Rippen. Übelkeit stieg in mir hoch. Schon wieder blickte ich in den Lauf einer Waffe. Aber diesmal würde mich Lis wohl nicht retten.

"N - nein", stammelte ich und hob beschwichtigend die Hände.

"Lüg nicht", schrie er. Sein Finger schwebte gefährlich über dem Abzug. Wut flackerte in seinen Augen.
"Ihr habt meine Frau umgebracht, meine Tochter!"

Hatten wir nicht. Zumindest nicht meine Leute. Aber wie sollte ich ihm das erklären? Er war weit über den Punkt hinaus, an dem er mir zugehört hätte.

Stille. Wir starrten uns an. Blut rauschte in meinen Ohren. Magie pulsierte durch meine Adern. Ich wollte ihm nicht weh tun, schon gar nicht töten. Doch mir blieb keine Wahl.

Bevor ich etwas tun konnte, zeriss ein Knall die Stille. Er hatte abgedrückt. Mein Herz setzte aus. Instinktiv verdichtete ich die Luft vor mir. Die Kugel wurde langsamer, blieb in der Luft stehen, drehte sich und fiel klirrend zu Boden.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt