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'Jetzt stell dich nicht so an'

Wer war ich schon, dass ich mich so ein Satz aus der Bahn warf? Er hatte es im Streit gesagt, aus Wut. Ganz sicher hatte er es nicht so gemeint. Ich dagegen war diejenige, die gelogen hatte. Das wog ja wohl schwerer. Also hatte ich schlicht und ergreifend nicht das Recht nachtragend zu sein.

Ich drehte das Wasser auf. Der warme Strahl prasselte angenehm auf meine Schultern, spülte den Schmutz dieser Nacht fort. Doch als es an meinem Unterarm entlang lief, durchzuckte mich ein brennender Schmerz. Ich zuckte erschrocken zusammen.
"Scheiße!"

Feine dunkle Äderchen zogen sich wie ein Spinnennetz über meinen Arm. Deutlich weiter als noch vor ein paar Stunden. Das sollte definitiv nicht sein. Was zur Hölle geschah hier?

Als ob ich es nicht besser wüsste, fuhr ich mit den Fingern über die Linien. Der Schmerz ließ mich leise aufkeuchen. Es fühlte sich an, als hätte ich Klingen an den Fingerspitzen.

Das konnte nicht so bleiben. Dagegen musste ich etwas unternehmen. Aber was? Wenn ich damit zu Lucas gehen würde, hätte er einen neuen Grund sauer zu sein. Mal davon abgesehen, dass es zwischen uns wohl auch so noch genug zu klären gab. Außerdem wusste ich auch gar nicht, ob er mir damit überhaupt helfen konnte.

Lis hatte definitiv gerade genug eigene Probleme. Sie wollte ich damit nicht auch noch belasten. Ihr Ausraster vorhin hatte das eindeutig bewiesen.

Marcus wiederum hatte keine Ahnung von Runen. Glaubte ich zumindest. Denn ich hatte ihn noch nie Magie wirken sehen. Vermutlich konnte er es schon, hatte es aber schlicht nie nötig gehabt. Also war auch er keine Option.

Aber wer blieb dann noch? Lucien. Nein, das ging auch nicht. Er könnte mir bestimmt helfen und würde es sicher auch. Aber das würde sowohl Lucas, als auch Lis in Raserei versetzen. Dessen war ich mir bewusst.
Und sie würden es ganz sicher mitbekommen. In diesem Haus ließ sich kaum etwas verbergen.

'Lucien...'

Der Gedanke an ihn schoss mir ungewollt durch den Kopf. Seine Umarmung, seine Stimme, die Ruhe, die er ausstrahlte. Und seine Augen, die kalt und klar funkelten, wie gefrorene Kristalle. Und doch lag tief in ihnen eine Wärme, die mein Herz jedes Mal etwas schneller schlagen ließ.

Wie auf Kommando ließ es schon der bloße Gedanke an ihn stärker gegen meine Rippen pochen. Ein Kribbeln breitete sich in meiner Magengegend aus.

'Du stehst auf ihn', kamen mir Lis' Worte, wieder in Erinnerung.

Ich schüttelte heftig den Kopf, als könnte ich den Gedanken selbst damit vertreiben. Mein Puls raste. So ein Blödsinn. Lucien sah eben verdammt gut aus, war charmant. Na und? Das bedeutete gar nichts. Oder?

Ich wischte mir das Wasser aus dem Gesicht. Oh Gott, warum dachte ich überhaupt über sowas nach? Ich hatte Lucas. Ich liebte und brauchte ihn. Da war kein Platz für jemand anderen. Der Gedanke an ihn schnürte mir die Kehle zu, machte mein Herz schwer. Wie konnte ich solche Gedanken haben und gleichzeitig sauer auf ihn sein? Vielleicht hatte er ja auch einfach Recht und ich war doch wie mein Vater. Der Gedanke traf mich hart und erbarmungslos, versetzte mir einen Stich ins Herz. Doch vielleicht war es die Wahrheit.

Eher beiläufig griff ich nach dem Duschgel, nur um beim einseifen wieder auf mein eigentliches Problem aufmerksam gemacht zu werden. Mein Runenproblem. Ich fluchte fürchterlich, als ich mir völlig in Gedanken viel zu fest über den Arm fuhr. Das Brennen zog bis in meine Fingerspitzen. Ich biss die Zähne zusammen.

Dass ich niemanden um Hilfe bitten konnte war mir inzwischen klar, also beschloss ich einfach auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was passierte, wenn sich das weiter ausbreitete. Vielleicht gab es ja in der Bibliothek der Vampire irgendwo ein Buch das mir weiterhelfen konnte.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt