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Zwei Tage waren seit dem Kuss vergangen. Zwei Tage, die sich anfühlten wie die Hölle. Meine Emotionen fuhren Achterbahn. Und definitiv nicht auf die gute Art.

Seitdem ging ich Lucien aus dem Weg. Was sich zugegebenermaßen als ziemlich einfach herausstellte. Denn er schien mich kaum noch wahrzunehmen.

Die meiste Zeit verbrachte ich in meinem Zimmer oder in der Bibliothek. Heute nicht. Lis hatte mich dazu genötigt, mit in den Gemeinschaftsraum zu kommen. Sie wollte nicht, dass ich mich verkroch. Naja, sie wusste ja auch nicht, warum ich das tat.

Nun saß ich mit finsterer Miene auf der Couch, während Lis mir irgendwas erzählte. Ich hörte ihr kaum zu. Mein Blick wanderte immer wieder zu Lucien.

Er lehnte an der anderen Seite des Raumes und war voll und ganz in ein Gespräch vertieft. Mit Mary.

Mary war die junge Frau, die vor einigen Tagen gebissen worden war. Mittlerweile war sie vollständig verwandelt und damit auch mehr oder weniger Teil des Clans.

Sie wirkte wie ein wahrer Sonnenschein. Freundlich, offen und fast immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Erstaunlicherweise kam sie mit ihrer neuen Situation gut klar. Als hätte sie beschlossen, einfach das Beste daraus zu machen. Mit ihren schokobraunen Haaren und den warmen Augen war sie zudem ausgesprochen hübsch.

Jeder hatte sie direkt ins Herz geschlossen. Auch Lucien. Gerade hatte er etwas zu ihr gesagt. Sie lachte hell auf und legte ihm die Hand auf den Arm. Er ließ es zu, lächelte und fuhr sich durch die Haare.

Ich seufzte leise. Eigentlich sollte mich das nicht interessieren. Ich sollte nicht hinschauen. Aber ich konnte den Blick nicht abwenden.

"Glaub mir, es ist besser so."

Lis' Stimme ließ mich zusammenzucken. Ich hatte vergessen, dass sie neben mir saß. Ebenso wenig hatte ich bemerkt, wie sich meine Finger in meine Hose krallten.

Mit großen Augen sah ich sie an.
"Was?", fragte ich.

Die Vampirin warf einen vielsagenden Blick zu Lucien.
"Dass er sich jetzt auf sie einschießt."

Genervt verdrehte ich die Augen. Ja, sie hatte Recht. Trotzdem änderte es nichts daran, dass dieser Anblick sich wie  Stacheln in mein Herz bohrte. Meine Welt war aus den Fugen geraten, während er einfach weiterzog. Wenigstens wusste ich jetzt, wo ich stand.

"Wenn du meinst", entgegnete ich kühl und stand auf. Das war genug. Zeit, mich wieder zu verkriechen. Ich ging in mein Zimmer und wartete darauf, dass die Nacht vollständig anbrach und die anderen nach draußen gingen.

Es war entschieden worden, dass ich vorerst im Versteck bleiben sollte. Vor allem hatte Lucas darauf bestanden. Überraschenderweise störte mich das nicht einmal. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht nach Kämpfen.

Zu allem Überfluss blieb auch Mary im Versteck. Sie hatte ja noch keine Ausbildung. Aber ich nahm mir fest vor, sie einfach zu meiden. Notfalls blieb ich eben die ganze Nacht im Zimmer.

Plötzlich schwang die Tür auf und Lucas stand im Zimmer.
"Ich wollte dir noch Tschüss sagen, bevor wir gehen", sagte er und war schon auf halbem Weg bei mir.

Ich stand auf und gab ihm einen Kuss. Viel zu schnell. Fast wie reine Routine.
"Dann bis später", murmelte ich.

Er zog mich zu sich.
"Hey, so lass ich mich nicht abspeisen."
Dann legte er seine Lippen sanft auf meine. Ich schloss die Augen, erwiderte ihn und versuchte, mich fallen zu lassen. Doch meine Gedanken wanderten sofort zu Lucien. Zu dem Fehler. Mein Magen zog sich zusammen. Dennoch legte ich die Hand in Lucas' Nacken und vertiefte den Kuss.

Lucas grinste breit, als er sich schließlich von mir löste. Als er mein halbherziges Lächeln sah, runzelte er jedoch die Stirn.
"Was ist los?"

Ich winkte schnell ab.
"Nichts. Ich bin nur noch nicht ganz fit", schob ich vor.

Er nickte langsam.
"Dann ruh dich noch ein bisschen aus", flüsterte er und küsste mich auf die Stirn. Die Berührung war leicht. Nur ein Hauch. Ich hielt den Atem an und wartete, bis es vorbei war.

"Mach ich", erwiderte ich knapp.

Lucas musterte mich, vielleicht einen Moment zu lange. Dann wandte er sich um und ging. Meine Schultern sanken leicht nach vorne. Endlich wieder Ruhe. Dachte ich zumindest.

Kurze Zeit später klopfte es an meiner Tür. Mit einem genervten Stöhnen stand ich auf und riss sie auf. Mary stand davor, trat nervös von einem Bein aufs andere. Soviel zu dem Versuch, sie zu meiden.
"Hey", begann sie und spielte nervös mit ihren Händen. "Hier gibt's kein Fernsehen oder Internet, und mir ist langweilig. Willst du vielleicht Karten spielen?"

Ich zwang mich zu einem freundlichen Lächeln, auch wenn sich alles in mir zusammenzog.
"Ja, seit die Barriere um die Stadt gezogen wurde, ist hier alles tot ...", wich ich aus.

Sie sah mich fragend an.
"Also kommst du?"

Ich zögerte kurz. Der Gedanke mit ihr Zeit zu verbringen war nicht besonders verlockend, aber die konnte ja nichts dafür. Sie wusste nicht einmal davon. Schließlich nickte ich.

Kurze Zeit später saßen wir im Gemeinschaftsraum. Mary hatte einen Stapel Karten in der Hand und mischte sie enthusiastisch. Dabei schweiften ihre Gedanken offenbar ab.
"Oh Gott, ich glaube das hab ich das letzte Mal im Skilager gemacht", sagte sie kichernd.

"Im Skilager?", fragte ich mit hochgezogener Augenbraue. Nicht, dass es mich wirklich interessierte. Aber ich hatte sonst auch nichts besseres zu tun.

Sie nickte.
"Siebte Klasse." Geradezu beiläufig fing sie an die Karten auszuteilen. "In der ersten Nacht hatte es so stark geschneit, dass wir die Hütte nicht verlassen konnten. Also haben meine Freunde und ich eigentlich nur Karten gespielt."

Ich nahm die Karten auf, sah sie an und sortierte sie.
"Hattest du viele Freunde?", fragte ich, während sie die erste Karte auslegte.

Mary zögerte kurz.
"Damals ja." Sie zog eine Karte und runzelte die Stirn.
"Aber dann kam der Abschluss. Die anderen gingen aufs College, aber meine Eltern hatten nicht so viel Geld."
Dann legte sie ihre Karte ab.

"Und dann?" Nun war ich an der Reihe und zog eine Karte. Keine, die mir half.

"Haben wir uns auseinandergelebt", fuhr sie fort. Ich schwieg, starrte nur auf meine Karten.
"Aber jetzt bin ich ja bei euch", fügte sie leise hinzu.

Langsam hob ich den Blick, räusperte mich.
"Du scheinst dich hier auch gut einzuleben."

Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
"Ja die Leute hier sind alle echt nett. Vor allem Lucien." Sie stockte. Riss die Augen auf. Wurde rot.

Der Name traf mich, wie ein Schlag in die Magengrube. Für einen Moment sahen wir uns an.
"J-ja", brachte ich hervor. "Er scheint dich zu mögen"

Ihr Lächeln wurde breiter.
"Wirklich", fragte sie hoffnungsvoll."Denkst du ich hab Chancen bei ihm?"

Plötzlich wurde mir schrecklich heiß. Mein Herz begann zu rasen. Trotzdem nickte ich.
"Ja auf jeden Fall", sagte ich, obwohl alles in mir schrie.

Es war die Wahrheit. Er schien sie zu mögen. Ich holte tief Luft.
"Versuch es doch einfach. Du hast ja nichts zu verlieren." Ich schob die Worte hinterher, während ich unter dem Tisch die Fingernägel in meinen Oberschenkel krallte.

Wenn die beiden zusammenkämen, wenn sich diese Tür schlösse, dann würde es irgendwann aufhören wehzutun. Und dann würde alles wieder normal werden. Hoffte ich.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt