"Sie hat mich zwar komplett auf die Palme gebracht aber ich mag sie. Also wirklich. Sie ist cool... Ich wäre furchtbar gerne mit ihr befreundet."
Nach stundenlangem Ausweichen, Stolpern und Blaue-Flecken-Sammeln lag ich erschöpft in der alten Güterhalle - neben Lucas, der mich ungläubig ansah.
"Befreundet? Mit ihr?", wiederholte er langsam, als hätte ich den Verstand verloren.
"Ja.. Wieso denn nicht?" Ich setzte mich auf und sah ihn an, ehrlich verwirrt über seine Reaktion.
"Vielleicht weil sie ein Vampir ist?! Du bist ein Nephilim das geht nicht einfach so.", in seiner Stimme lag ein ungewohnter Tonfall - kühl, fast vorwurfsvoll. Etwas blitzte in seinen Augen - Enttäuschung? Wut? Oder... Eifersucht?
"Aber wir sind doch auch Freunde..", entgegnete ich, fast kleinlaut.
"Aber auch nur weil mein Zirkel mit euch zusammenarbeitet. Und weil ich genauso unter Kontrolle stehe wie du. Denkst du allen Ernstes sie hätten uns sonst auch nur ein Wort miteinander wechseln lassen?! Wenn ich einen Fehler mache, bin ich genauso tot wie du es wärst!" Er sah mich ernst an. " Sie dagegen ist frei. Kann tun und lassen was sie will. Das ist gefährlich, Sam!"
Die Wärme, die Lucas sonst ausstrahlte, war wie weggeblasen. Und auch wenn ich verstand, was er meinte - ich konnte meine Faszination für Lis nicht abstellen. Sie war stark, unerschrocken, seltsam herzlich... einfach faszinierend.
"Dafür hab ich ja jetzt diese Rune.", murmelte ich und strich mit den Fingern über meinen Arm.
"Diese Rune... Sam! Bist du dir eigentlich im klaren darüber wie gefährlich das war?!" Er fuhr hoch. Seine Stimme überschlug sich fast. "Faktisch gesehen dürfte es dir mit dem bisschen Magie, das dir von deiner Mutter vererbt wurde gar nicht möglich sein Magie zu wirken. Du hättest sterben können!"
"Bin ich aber nicht." Ich sah ihm direkt in die Augen. Meine gute Laune, von gerade eben, war wie weggeblasen. Stattdessen hatte sich ein Kloß in meinem Hals gebildet. Ich dachte er würde sich mit mir freuen. Aber offensichtlich war das Gegenteil der Fall.
"Dieses Mal vielleicht nicht." Lucas fuhr sich durchs Haar und atmete tief durch. "Was erhoffst du dir überhaupt davon?"
"Ganz ehrlich? Kontrolle. Macht. Und eine Ausbildung, die den Namen auch verdient. In den paar Stunden heute habe ich mehr gelernt, als in meiner ganzen Zeit in der Akademie. Nicht zu wie ich überlebe. Nein, wie ich kämpfe." Meine Stimme wurde lauter. "Wenn ich das kann. Dann kann ich endlich beweisen dass ich mehr bin, als ein Monster an der Leine."
"Sam... aber doch nicht so. Doch nicht indem du dich den anderen Monstern anschließt" Sein Tonfall schwankte jetzt. Fast klang er verzweifelt.
"Bitte Lucas. Bitte verpetz mich nicht. Ich weiß was ich tue, ok?" Ich legte meine Hand auf seine. Doch er zog sie zurück, schüttelte leicht den Kopf.
"Du bist meine Freundin. Natürlich werde ich dich nicht verpfeifen." Sein Blick wurde sanfter. "Aber bitte versprich mir, dass du dich nicht in noch mehr Scheiße ziehen lässt."
Ich nickte nur. Für einen Moment war da Stille zwischen uns. Eine Stille voller unausgesprocher Gedanken.
"Naja wie auch immer", sagte er schließlich, seine Stimme wurde wieder weicher", ich muss jetzt dann los."
"Jetzt schon?!" Mein Herz zog sich zusammen. So früh ging er nie. Hatte ich ihn wirklich so verärgert. "Ich... Ich wollte dich nicht wütend machen. Bitte. Es tut mir leid."
"Daran liegt es nicht." Er grinste, diesmal echt. " Heute so ne komische Planetenkonstellation also wird ein Ritual durchgeführt und ich darf dabei sein."
"Seit wann darfst du denn bei sowas mitmachen?", fragte ich skeptisch. Lucas war genauso ein Außenseiter wie ich- das hier passte irgendwie nicht.
"Ich war halt brav", grinste er. 'Solltest du auch mal versuchen"
"Oh mein Gott Glückwunsch. Also gehörst du jetzt endlich dazu?" Dem beklemmenden Gefühl das ich gerade noch hatte, wich echte Freude. Es war ihm immer verboten worden Magie zu praktizieren. Dass er jetzt einem Ritual beiwohnen durfte, war fast schon ein Ritterschlag.
Lächelnd fliel ich ihm um den Hals.
"Das ist so wundervoll Luke.", flüsterte ich in sein Ohr und strich über seinen Rücken.
"Du glaubst gar nicht wie sehr ich mich darüber freue Sam. Mein erstes Ritual. Ich bin so aufgeregt. A - Aber... was wenn ich versagte?"
"Warum solltest du denn? Wenn du dir was in den Kopf gesetzt hast, hast du das noch immer geschafft. Das wird sich bei sowas doch nicht ändern."
Ja, Mut machen war... nicht so meine Stärke. Ich konnte zuhören, aber mit motivierenden Reden hatte ich es nicht so. Leider.
"Danke, Kleine." Er küsste leicht meine Wange. "Ich muss wirklich los."
"Schreib mir dann wie's war", rief ich noch nach - nicht sicher ob er mich noch gehört hatte.
Und dann war ich allein. Also was tun? Musik hören. Was denn sonst?
Ich setzte meine Kopfhörer auf, wählte ein Lied und begann meinen Kopf im Takt zu bewegen.
'Take me I'm alive
Never was a girl with a wicked mind
But everything looks better when the sun goes down'
Lis hatte mich echt mit dieser Band angesteckt. Aber kein Wunder - sie lief bei ihr stundenlang.
You make me wanna die
I'll never be good enough
You make me wanna die
And everything you love will burn up in the light...
Ich sang leise mit. Wenn ich doch nur so gut singen könnte wie sie.
Mein Blick wanderte über die hohe Decke. Ein seufzen entwich meiner Kehle. Ich wollte Lucas nicht verärgern. Und noch weniger verlieren. Aber ich hatte meine Entscheidung getroffen. Hoffentlich wurde er das auch irgendwann verstehen.
Langsam stand ich auf und ging zur Tür. Musik hören konnte ich ja eigentlich auch zu Hause auf meinem Bett. Ich musste ja nicht jeden Tag zu spät zurückkommen. Mal ganz davon abgesehen dass ich heute möglicherweise mit Kochen dran war.
Als ich wenig später durch den Eingang der Akademie schlüpfte, wurde ich schon erwartet.
"Ah Samantha gut dass du da bist. Wir müssen reden."
Vor mir stand ein hochgewachsener, schlanker Mann in hellblauer und weißer Kleidung. Seine Stimme war samtig und weich, hellbraune Locken umrahmten dein puppenhaftes Gesicht, das von saphirblauen Augen durchdrungen wurde.
"Was ist so wichtig dass du es mir persönlich sagen musst, Raziel?", fragte ich kühl.
"Es geht um deinen gestrigen Ausflug zu den Vampiren." Seine Stimme war ruhig. Doch sein Blick - der durchbohrte mich, wie ein Dolch.
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasyDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
