"M..Mein Ausflug?", stotterte ich. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn.
'Scheiße, das war's jetzt. Ich werde sterben!'
"Nicht hier." Die Stimme des Engels war ruhig aber schneidend. Dann drehte er sich um und Schritt durch die Eingangshalle davon.
Wie in Trance folgte ich ihm. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, mein Magen fühlte sich an wie ein Stein. Ich konnte meine Hände kaum kontrollieren - sie zitterten wie wild. Alles in mir schrie nach Flucht - aber ich wusste, dass ich mich diesem Gespräch nicht entziehen konnte.
Wir kamen in einen kleinen, schmucklosen Raum. In der Mitte stand ein ovaler Tisch, vier schlichte Stühle drum herum. Ein Besprechungszimmer. Hier war ich noch nie gewesen - wie im Großteil der Akademie. Mein Bewegungsradius war streng limitiert: Zimmer, Küche, Trainingsraum. In Prinzip war das hier auch nur ein Gefängnis mit besserem Anstrich.
"Setz dich!", wies Raziel mich an und deutete auf einen der Stühle. Er selbst setzte sich diesem gegenüber. Mit weichen Knien gehorchte, setzte mich hin. Fast wäre ich daneben gefallen.
"Wegen gestern... es tut mir Leid. Wirklich," stotterte ich. "Ich wollte nicht... Also ich wollte schon raus, aber die Vampire wollte ich nicht sehen. Ich schwöre..."
Mit einer knappen Geste brachte er mich zum schweigen.
"Das unerlaubte nächtliche Verlassen der Akademie wird bestraft." Seine Stimme war, ruhig aber so autoritär, dass mir das Blut in den Adern gefror. "Aber du bist nicht hier um dich dafür zu entschuldigen. Ich will wissen, was die Vampire von dir wollten. Und vorallem was du ihnen gesagt hast."
Seine Augen bohrten sich in meine, sodass ich instinktiv meinen Blick senkte.
"Was sie von mir wollten?!", ich quietschte fast, so entsetzt war ich.
"Ja", erwiderte er ruhig. "Worüber habt ihr gesprochen."
Wusste er das etwa nicht?! Oder stellte er mich auf die Probe? Ich hielt inne. Sollte ich ihm die Wahrheit sagen? Und wenn ich log, was dann? Egal was ich tat, sollte er herausfinden, was wirklich passiert war, war ich erledigt.
"Sie wollten Informationen.." , murmelte ich schließlich. Das war nur halb gelogen.
"Worüber?"
"Die Nephilim.", sagte ich zögernd.
"Und was hast du ihnen erzählt?"
"Gar nichts.", antwortete ich, während ich nervös mit meinen Fingern spielte.
"Gar nichts?!", wiederholte er scharf. "Lüg. Mich. Nicht. An."
Seine sonst so samtige Stimme klang nun als würde man Steine aneinander reiben.
Schneidend und eiskalt. Ein Schauer jagte mir über den Rücken. Ich zuckte zusammen.
"Ich... Ich hab doch keinen Grund zu lügen... Du hast mir doch schon alles genommen.", murmelte ich.
Tränen stiegen mir in die Augen. Ich konnte ihn doch nicht einfach anlügen, das würde mir mein Leben kosten. Aber die Wahrheit sagen, war ebenso gefährlich.
'Wie konntest du nur denken, du würdest damit durchkommen.'
Raziel stand auf. Unwillkürlich machte ich mich kleiner, als könnte ich mich so vor ihm verstecken. Was würde er tun? Mich bestrafen? Oder würde er mich töten?
"OK", sagte er schließlich, "und wie bist du da wieder rausgekommen?"
"Sie... Gaben mir Vampirgift zur Heilung. Damit ich reden konnte. Und... als sie mich kurz alleine ließen... bin ich raus. Keine Ahnung, warum sie das zugelassen haben." Ich sprach fast nur noch in einem Flüstern.
Raziel zog eine Augenbraue hoch. Er musterte mich lange und durchdringend, die Hände auf dem Tisch gestützt. Die Stille war erdrückend.
"Es passieren viele Dinge die keinen Sinn ergeben." Sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an. Einen den ich nicht deuten konnte.
"Ich kann dir nichts beweisen. Wenn du schlau bist, dann sorgst du dafür, dass das auch so bleibt" Dass war definitiv eine Drohung.
"Du darfst jetzt gehen. Erledige deine Aufgaben und geh dann früh schlafen... Du siehst furchtbar aus."
"Na danke...", murmelte ich, als er den Raum verließ.
-
Einige Zeit später hatte ich eine Lasagne zubereitet und in den Ofen geschoben. Rausholen konnte sie dann, wer wollte. Ich hatte eh weder Hunger noch Lust auf Gesellschaft. Schlafen war das einzige was ich wollte schlafen. Schlafen oder einfach an die Wand starren. MeineKräfte waren aufgebraucht, und für heute blieben nur noch Leere und schlechte Gedanken.
Mit einem Seufzen und demotiviertem Blick schlich ich ins Bad, um die Sauerei der Nacht zu beseitigen. Die war ja auch noch da.
Resignierend nahm ich einen Lappen und machte mich an die Arbeit. Vorher aktivierte ich allerdings die Rune. Lieber wollte ich, dass mein 'Aufpasser" sah, wie ich lernte, als dass er mich dabei erwischte, wie ich Blut vom Boden wischte. Das Blut war mittlerweile getrocknet, was es zumindest etwas erleichterte.
Als ich fertig war ging ich zum Waschbecken, um den Lappen auszuwaschen. Dabei ergriff mich der Drang in den Spiegel zu sehen. Und dann verstand ich was Raziel meinte. Meine Haut war noch blasser als sonst - was, bei meinen Teint, eine beachtliche Leistung war. Unter meinen Augen hatten sich dunlke fast violette Schatten abgesetzt. Meine schwarzen Haare waren zu einem wirren Knoten zusammengewickelt. Was er allerdings nicht gesehen hatte, jetzt aber offen lag, da ich meine Ärmel hochgeschoben hatte, waren die vielen blaugrünen Flecken auf meinen Armen. Das Training heute morgen hatte es wirklich in sich.
Ich holte mein Handy aus der Tasche und schrieb Lis:
"Hey, Raziel hat mich gerade gefragt was ich gestern bei euch wollte... Weiß er echt nichts? Oder tut er nur so?"
Dann legte ich mich ins Bett, starrte an die Decke. Ich war wirklich hundemüde, aber der Tag wollte mich noch nicht loslassen. Zu viele Fragen drängten sich mir auf. Raziel glaubte mir kein Wort - das war klar. Wieso hatte er mich einfach so gehen lassen, wenn er mir nicht glaubte? Ich seufzte schwer. Ein dumpfer Schmerz begann in meinem Schläfen zu pochen. Und dann das Gespräch mit Lucas. Zunächst war es mir gar nicht aufgefallen. Doch er hatte Recht. Eigentlich dürfte ich nicht in der Lage sein Magie zu wirken. Es gelang mir aber offensichtlich trotzdem. Aber wie? Vielleicht konnte Lis mir das beantworten. Aber nicht jetzt. Später.
Mein Handy vibrierte. 'Eine neue Nachricht von Lis', las ich auf dem Bildschirm.
"Hi. Nein keine Sorge. Wir haben Vorkehrungen getroffen. Wie geht es dir nach dem Training?", schrieb sie.
'Viele blaue Flecken aber sonst geht es...ich hab einem Freund davon erzählt und er findet das alles gar nicht gut..', wollte ich antworten,entschied mich aber für: 'Hab mir ne Menge blauer Flecken eingefangen...'
Da fiel mir ein, dass Lucas ja heute sein Ritual hatte. Also schrieb ich ihm: "Na wie liefs?" Er bekam sie allerdings nicht. War wahrscheinlich noch beschäftigt.
Gähnend drehte ich mich auf die Seite und schloss die Augen. Irgendwann, ich musste schon eine Zeit vor mich hin gedöst haben, merkte ich wieder wie mein Handy vibrierte. Lis hatte wieder geschrieben. "Das gehört dazu. Geh heute früh schlafen. Wir treffen uns morgen um 5."
5 Uhr wann? Morgens? Egal. Ich war zu müde zum Antworten, drehte mich um und schlief schließlich ein.
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasyDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
