Lissandra stand in einem kleinen, von Rauchschwaden durchzogenen, Backstageraum. Sie hatte ihn nach seinem Konzert abgepasst.
Jetzt saß er da - ganz der Star. Lässig zurückgelehnt, die Tattoos blitzten unter dem leicht geöffnetem Hemd hervor, das sich über seinen trainierten Armen spannte. Die silberne Kette lag locker über seinem Schlüsselbein und funkelte im Halbdunkel. Die meisten Frauen hätten bei diesem Anblick weiche Knie bekommen.
Die meisten. Aber nicht sie. Nicht mehr.
"Setz dich", sagte Lucien Cross. Seine Stimme klang rau, leicht heiser vom Singen. Er schob ihr ein Glas Bourbon hin und zündete sich eine Zigarette an.
Langsam ließ sie sich ihm gegenüber auf einem der abgewetzten Sessel nieder, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
"Was führt dich zu mir - nach all der Zeit?" Ein schiefes Lächeln spielte um seine Lippen.
"Ich brauche Informationen", erwiderte Lis kühl. Sie hatte sich geschworen, sich auf keine Spielchen einzulassen. Nicht heute.
"Informationen?" Lucien hob eine Braue, betrachtete sie mit unverhohlener Neugier.
"Wir haben eine Quelle an der Nephilim- Akademie. Sie- "
"Ihr habt einen Spitzel? Ihr?" Lucien grinste breit und beugte sich ein Stück vor. Der Rauch seiner Zigarette kräuselte sich zwischen ihnen. "Wie habt ihr das denn geschafft?"
"Sie hatte es dort nicht leicht. Wir haben ihr ein Angebot gemacht." Lis' Ton verriet ihre Ungeduld.
"Und? Was für ein Angebot?"
Lissandra stöhnte leise. Typisch Lucien - immer sofort elektrisiert, wenn er etwas aufschnappte, das sie lieber für sich behalten wollte.
"Ach komm schon Lissi. Du weißt wie das läuft. Du gibst mir was, ich geb dir was."
Ein buchstäblicher Deal mit dem Teufel - serviert im Zigarettenrauch. Sie hätte ihn am liebsten geschlagen. Oder sich gefragt, warum sein Grinsen immer noch so eine Wirkung auf sie hatte.
Sie seufzte. "Sie wurde versiegelt. Warum und wie - spielt keine Rolle."
Lucien zog die Augenbrauen zusammen. "Versiegelt, ja? Und ihr... habt sie trotzdem angeworben?" Sein Blick wurde schärfer.
Lis hob ihr Glas, der Bourbon brannte in ihrer Kehle."Sie gibt uns Informationen. Dafür wird sie ausgebildet. Und sie bekommt ein Zuhause. Ein echtes."
Lucien lehnte sich zurück, amüsiert. "Jeder ist käuflich. Manche früher, manche später." Er lachte leise. " Aber mal ehrlich: Was willst du mit 'nem versiegelten Nephilim? Die können doch nichts. Bessere Echos, wenn du Glück hast."
"Sam nicht."
Die Worte kamen hart und bestimmt. Für einen Moment herrschte Stille.
"Sam heißt sie also." Lucien nahm noch einen weiteren Zug, blies den Rauch langsam aus. "Ist sie wirklich eine von euch? Oder spielst du wieder ein Spiel?"
Lis' Miene veränderte sich schlagartig. Ihre Muskeln spannten sich, die Hände zu Fäusten geballt. "Du meinst so wie du damals mit mir gespielt hast?"
Lucien senkte den Blick, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. "Schon gut."
Ein paar Sekunden vergingen, bis er sich wieder gefasst hatte. "Also... was willst du jetzt von mir?"
"Sam hat etwas aufgeschnappt. Es tut sich etwas. In der Hölle. Ich will wissen was"
Lucien drückte die Zigarette aus, blies den letzten Rauchstoß aus.
"Lis, du weißt das ich nicht gerade Newsletter aus der Hölle bekomme. Ich bin kein Teil mehr davon. Und wer da was plant, trommelt das nicht laut raus."
"Sie reden davon, die natürlichen Machtverhältnisse wiederherzustellen - und sie tun sich offenbar mit Nephilim zusammen", presste Lis hervor.
Lucien hielt inne. Zog scharf die Luft ein. "Fuck. Das klingt nicht gut."
"Denkst du, ich wäre hier, wenn es nicht dringend wäre?"
Er schwieg, sein Blick wurde ernst.
"Lissandra. Ich weiß nichts darüber. Wirklich."
"Aber du wärst nicht du, wenn du nicht noch irgendwo Kontakte hättest. Frag sie!"
Er seufzte, fuhr sich durch die schwarzen Haare.
"Also schön. Ich höre mich um. Aber ich kann nichts versprechen."
Lissandra nickte langsam. "Danke."
Sie leerte ihr Glas. Und zum ersten Mal an diesem Abend zuckte ein angedeutetes Lächeln über ihr Gesicht.
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasyDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
