'Was zur Hölle tue ich hier eigentlich?'
Ich fummelte mit zitternden Fingern am Ohrring, traf das Loch erst beim dritten Versuch.
Das war Wahnsinn. Reinster Irrsinn. Wie sollte ich auf dem Fest heute Informationen bekommen? Die Herrscher der Todsünden - das war wirklich eine Nummer zu hoch für mich.
Sie waren zu siebt:
Belphegor der Herr der Trägheit, Beelzebub der Herr der Völlerei, Mammon der Herr des Geizes, Asmodeus der Herr der Begierde, Satan Herr des Zorns,
Leviathan Herrin des Neids
und zu guter Letzt Luzifer der Herr des Hochmuts.
Wobei mein Vater im klassischen Sinne kein Dämon war - und er beherrschte auch nichts. Zumindest nicht seit auch die Dämonen keine Lust mehr auf ihn hatten und er schließlich in den Abyss verbannt wurde. Das war das einzige Mal in der Geschichte, dass Engel und Dämonen sich zusammengeschlossen haben. Bis jetzt. Genau das wurde heute auch von den Nephilim gefeiert: der Tag der Versiegelung.
Aber dass einer von ihnen heute tatsächlich hier sein würde, das bezweifelte ich. Vermutlich schickten sie irgendeinen niederen Beauftragten.
Falls die ganze Geschichte überhaupt stimmte. Alles was wir hatten, war die Aussage von Lucien. Der - wenn ich alles richtig gedeutet hatte - selbst ein Dämon war. Dementsprechend diente er wohl einem vom ihnen.
Warum sollte er uns also relevante Informationen liefern? Konnte man ihm wirklich trauen? Lis schien das, trotz all dem Groll, den sie gegen ihn hegte, zu tun.
Lucien spukte wie ein schlecht verträglicher Fluch. eine Stimme, seine Nähe - als wäre er Gift mit Vanilleduft. Faszinierend. Gefährlich. Vermutlich beides. Ich wusste ja nicht einmal, wer er war. Lucien Cross war mit Sicherheit nicht sein echter Name.
Ich schüttelte den Kopf. Er fühlte sich an, als würde er gleich explodieren. Meine Gedanken drehten sich immer weiter im Kreis. Es war einfach kein Ende in Sicht. Am liebsten hätte ich laut losgeschrien. Stattdessen seufzte ich nur.
"Du siehst wunderschön aus." Lucas war hinter mich getreten. Er legte mir den Arm um die Taille und gab mir einen Kuss auf die Schulter.
"Findest du?", fragte ich etwas unsicher. Ich trug ein enges schwarzes Kleid, welches mir bis knapp übers Knie ging. Dazu hatte ich schwarze Pumps an. Kleidung die ich sonst nie trug, zu unpraktisch.
"Definitiv", sagte er mir einem schiefen Lächeln. Er selbst trug einen schlichten schwarzen Anzug. "Du wirst heute alle Blicke auf dich ziehen."
Genau das wollte ich heute eigentlich nicht. Es spionierte sich nicht gut, wenn einen Leuten bemerkten. Ich seufzte wieder.
"Was ist los?" Lucas zog mich etwas fester zu sich. "Das ist nur eine Feier. Oder geht's wieder um deine Verschwörungstheorien?" Er sah mich über den Badezimmerspiegel hinweg fragend an.
Ich wollte ihm antworten. Wollte sagen, dass es vielleicht doch nicht nur eine Theorie war, dass sich vielleicht etwas zusammenbraute. Ich wollte ihm von Lucien erzählen, davon, dass ich ihn nicht einschätzen konnte. Doch dann hätte ich ihm gestehen müssen, dass ich ihn angelogen hatte. Also schwieg ich, sah ihn nur an.
Er drehte mich zu sich um, küsste mich lange.
"Mach dir keine Sorgen. Der Abend wird toll. Vertrau mir."
Ich versuchte zu lächeln. Es gelang mir nur mäßig.
'Wenn er nur wüsste...'
Vorsichtig, um nicht seinen Anzug zu ruinieren, schmiegte ich mich in seine Arme. Nur für einen Moment. Einen Moment der Ruhe. Er strich mir sanft über den Rücken, versuchte mich aufzumuntern - auch wenn er nicht wusste was los war.
Nach einiger Zeit, die sich unendlich anfühlte, aber doch zu kurz war, löste er sich von mir.
"Bereit?", fragte er.
"Ich weiß nicht",antwortete ich und betrachtete mich kritisch im Spiegel. Eigentlich ging es mir nicht wirklich um mein Aussehen, aber irgendwas brauchte ich um, Zeit zu schinden.
"Irgendwas fehlt."
"Hm.." Lucas machte ein nachdenkliches Gesicht, sah sich im Badezimmer um, bis sein Blick schließlich auf einer Ablage hängen blieb. Darauf lag ein Armband. Das Armband, das ich bei meiner Claneinführung bekommen hatte.
Er griff danach ohne zu zögern. Ich wollte "Nein" sagen. Schlagen. Wegziehen. Irgendwas. Stattdessen ließ ich es geschehen - und das Armband klickte um mein Handgelenk, wie eine Fessel. Er wusste nicht in welche Gefahr uns das brachte und ich konnte es ihn nicht sagen. Stattdessen zwang ich mich zu einem Lächeln.
"Besser."
Krampfhaft versuchte ich Ruhe zu bewahren. Ich zwang meine Beine zum Gehen. Mein Herz raste, als wir der unausweichlich Katastrophe entgegenschritten.
DU LIEST GERADE
Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasíaDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
